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Konzert / Archiv | Beitrag vom 27.12.2014

OratoriumKamikaze Samson

Historische Aufnahme aus der Hochschule für Musik Berlin

Der ungarisch-österreichische Dirgent Ferenc Friscay. (picture alliance / dpa)
Der Dirigent Ferenc Friscay (picture alliance / dpa)

Sein Name ist Legende - der ungarische Dirigent Ferenc Fricsay prägte das Musikleben im Nachkriegs-Berlin nachhaltig, nicht nur im Westteil. Vor knapp 60 Jahren leitete er eine Aufführung von Georg Friedrich Händels Oratorium "Samson" in der Berliner Musikhochschule mit berühmten Vokalisten.

Am 9. August wäre er 100 Jahre alt geworden, der Sohn eines K&K-Militärkapellmeisters. Ferenc Fricsay wurde der erste Chefdirigent des RIAS Symphonieorchesters. In seiner Heimatstadt Budapest hatte er noch bei Béla Bartók und Zoltán Kodály Unterricht gehabt. Treue zum klassischen Repertoire, Unbeirrbarkeit, was musikalische Moden anbelangt, ein sehr persönlich-emotionaler Stil und unerbittliches Qualitätsbewusstsein zeichneten seine musikalische Arbeit aus.

Trotz aller - scheinbar altmodischen - Strenge und Liebe zur Klassik, Romantik und Gegenwart schöpfte Fricsay stets die Möglichkeiten der modernen Medien aus. Er gehört zu den Pionieren der medialen Verwertung von Konzerten für Radio und TV. Darin stand er dem "West-Berliner" Konkurrenten Herbert von Karajan in nichts nach. Auch seine Versiertheit sowohl auf der Opernbühne wie auch im Konzertsaal brauchte internationale Vergleiche niemals zu scheuen.

Fricsay probte emotional mitreißend, ging an die Grenzen der Kollegialität, aber wahrte nach außen immer die alt-Habsburger Etikette - "Seid's so lieb!", "bitte schön, Herr Professor" oder "könnten wir", das waren die Floskeln seines Umgangs mit den Musikern. Partituren waren für ihn "Heilige Schriften", was nicht bedeutet, dass Fricsay ein fundamentalistisches Verhältnis zu den musikalischen Quellen pflegte. Die momentane Eingebung verband ihn durchaus mit seinen Musikern.

Entsprechend frei behandelte er auch die Oratorien Georg Friedrich Händels, von denen er mehrere auf die Konzertbühne brachte. Aus anderen Werken Händels entnahm er zum Teil Passagen und kürzte wiederum Abschnitte aus dem jeweiligen Originalwerk heraus. Die Aufnahme einer Aufführung des "Samson" im September 1955 mit dem Profichor des RIAS und dem Laienchor der Hedwigs-Kathedrale und den damals besten Sängerinnen und Sängern zusammen mit "seinem" RIAS-Symphonie-Orchester gehört zu den wertvollen Dokumenten aus den Archiven von Deutschlandradio Kultur, das wir heute nach vielen Jahrzehnten noch einmal zur Sendung bringen.

Einst gehörte "Samson" zu den meistgespielten Oratorien Händels. Seine Fassung der Leidensgeschichte des starken Israeliten Samson, dessen Geheimnis die philistinische Schönheit Dalila verraten hat und der sich am Ende als Selbstmordattentäter in einem heidnischen Tempel begraben lässt, gehört zu den opernhaftesten Beiträgen der Gattung Oratorium.

 

Hochschule für Musik, Berlin

Aufzeichnung vom 18. September 1955

 

Georg Friedrich Händel

"Samson" - Oratorium in drei Akten für Soli, gemischten Chor und Orchester HWV 57

Libretto: Newburgh Hamilton nach John Miltons "Samson Agonistes"

 

Maria Stader, Sopran

Maria Reith, Sopran

Marga Höffgen, Alt

Ernst Haefliger, Tenor

Kim Borg, Bass

Heinz Rehfuss, Bass

RIAS Kammerchor

Chor der St. Hedwigs-Kathedrale

RIAS-Symphonie-Orchester

Leitung: Ferenc Fricsay

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