Rang I 04.03.2017

Opernsänger Selcuk Cara"Welchen Wert kann die Kunst haben?"Von Noemi Schneider

Der Opernsänger Selcuk Cara (picture alliance / dpa)Der Opernsänger Selcuk Cara: "Für mich muss Kunst 'ne Richtung haben, sie muss etwas bewirken." (picture alliance / dpa)

Gerade weil sein Lehrer der Meinung war, dass ein Türke Mozart nicht verstehen könne, beschloss Selcuk Cara, Musik zu studieren. Heute arbeitet der 47-Jährige als Opernsänger, Autor und Filmemacher. Beim Brecht-Festival in Augsburg hat er nun auch Regie geführt.

Als Selcuk Cara gefragt wurde ob er das Brechtfestival eröffnen wolle, sagte er sofort "Na, klar!"

Selcuk Cara: "Vielleicht haben die mit der Dreigroschenoper gerechnet, weil ich ja vom Gesang komme und ich sagte sofort 'Die Maßnahme', weil das ein Stück ist, was man wirklich auf die Gegenwart deuten kann, politisch deuten kann, ohne es übers Knie zu brechen."

Selcuk Cara wurde 1969 in einer Kleinstadt in Hessen als Sohn eines türkischen Gastarbeiters geboren. Theater, Oper und Literatur waren in seiner Kindheit kein Thema.

"Wie die meisten Kinder, ich wollte eigentlich Tierarzt werden. Das hatte sehr stark was mit Grzimek zu tun. Tierfilme, die waren für mich sehr, sehr wichtig."

"Er ist Türke, aber trotzdem intelligent"

Als Grundschüler entdeckte er dann allerdings im Plattenschrank seines türkischen Onkels Aretha Franklin und Wilson Pickett und die Liebe zur Musik. Er spielte und sang in Soul- und Jazzbands und weil sein Musiklehrer in der elften Klasse behauptete, dass er als Türke Mozart nicht verstehen könne, beschloss er an der Musikhochschule zu studieren. Doch auch dort musste er sich immer wieder gegen Vorurteile behaupten.

"Das war ein Hauskonzert, ich hab' die Goldbergvariationen gespielt, Teile daraus, und da sagte meine 80 Jahre alte Lehrerin den Gästen: 'Das ist Selcuk, Selcuk Cara, er ist Türke, aber trotzdem intelligent.' Das war mein erstes Konzert und so stellte sie mich den Professoren vor."

Cara studierte Gesang und etablierte sich auf nationalen und internationalen Bühnen im "deutschen Fach". Nach seiner Lieblingsarie gefragt, stimmt er sofort den "Wahnmonolog" von Hans Sachs aus den Meistersingern an.

"Wohin ich forschend blick in Stadt und Weltchronik
Den Grund mir aufzufinden
Warum gar bis aufs Blut
Die Leut sich quälen und schinden
In unnütz toller Wut …

- wenn dass mal nicht zur Zeit passt."

"Ich habe versucht, dass ich weg komme von der Kunst"

2010 nach einem schweren Bühnenunfall in Stuttgart zog sich Selcuk Cara zurück und kehrte der "Kunst" den Rücken.

"Ich hätte im Rollstuhl landen können und es hat keinen mehr interessiert, weder die Agentur noch Kollegen, niemand hat mich angerufen und da hab' ich mir natürlich gesagt, wenn die Menschen im Musentempel, die sich Tag und Nacht befassen mit der Kunst, wenn die schon nicht anders sind, wenn die schon nicht besser sind, welchen Wert kann die Kunst dann haben für Leute, die einmal im Monat hingehen? Das ist doch 'ne Lüge so habe ich es empfunden und habe versucht, dass ich weg komme, von der Kunst, von diesem ganzen System."

Doch lange hielt er nicht durch. Auf Anraten des Regisseurs Werner Schroeter begann er ein Filmstudium, drehte Kurzfilme, schrieb Theaterstücke und fand den Glauben an die Kunst wieder.

"Für mich muss Kunst 'ne Richtung haben, sie muss etwas bewirken. Ein sehr guter Freund von mir, ein Heldentenor, der sagte: Ja, Selcuk bei dir ist's das natürlich auch einfach, du bist jetzt Regisseur, wenn du dir die Maßnahme aussuchst und das dann lenkst in 'ne bestimmte Richtung, dann ist das politisch, wenn ich jetzt den Tristan singe, viel Geld verdiene und in der ganzen Welt damit rumreise, ich diene doch genau dieser Kunst, die du kritisierst. Hab ich gesagt: Nein, nein, das stimmt nicht, das ist auch eine andere Farbe der Kunst. Wenn ein Penner vor der Tür sitzt, vor dem Opernhaus, und die Leute gehen an dem vorbei und dann hören sie etwas, wo es um Mitleid und Mitgefühl geht, und kommen aus der Oper raus und können an diesem Menschen dann nicht mehr einfach vorbeigehen, sondern müssen dem was geben, dann hat die Kunst auch gewirkt."

Der Regisseur Selcuk Cara bei den Proben für "Die Maßnahme" in Augsburg (Foto: Christian Henkel)Der Regisseur Selcuk Cara bei den Proben für "Die Maßnahme" in Augsburg (Foto: Christian Henkel)