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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 16.08.2019

Opernfestival in AkkoOrpheus in der Kreuzfahrerstadt

Von Peter Kaiser

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Luftaufnahme von der Hafenstadt Akko in Israel mit Blick auf das Meer im Hintergrund. (EyeEm / Aharon Halal)
Die alte Kreuzfahrerstadt Akko schafft eine ganz besondere Oper-Atmosphäre. (EyeEm / Aharon Halal)

Wer Urlaub in Israel macht, sollte sich die alte Kreuzfahrerstadt Akko ansehen. Im letzten Jahr kamen auch Sänger, Musiker und Ausstatter. Denn der monumentale Speisesaal der Kreuzfahrer war Spielort der Oper „Orpheus und Eurydike“.

Es ist ziemlich hoch von der Festungsmauer der mittelalterlichen Kreuzfahrerstadt Akko bis hinunter zur direkt an die Mauer heran-brandende See. Ein guter Sprung, sagen die Jugendlichen, die sich hier kopfüber ins Mittelmeer herabstürzen.

"15 Meter sind es, und warum ich das tue? Weil ich gut bin."

Die Sprünge der Jugendlichen sind nicht ungefährlich, doch es gab hier in der Hafenstadt Akko weit Gefährlicheres im Laufe der Jahrhunderte. Denn Akko war schon in der Antike der wichtigste Hafen Palästinas am Mittelmeer. Dessen hervorragende strategische Lage nutzen die Pharaonen, die Perser, danach die Römer und später die Kreuzfahrer. Sie machten Akko, das sie "St. Jean d'Acre" nannten, also Heiliger Johannes von Akko, zum wirtschaftlichen Zentrum des gesamten Kreuzfahrerreiches, und zum Hauptsitz des Johanniterordens. Heute ist ihre Festung, die "Kreuzfahrerstadt", hier die überragende Sehenswürdigkeit.

Durch enge mittelalterliche und einst geheime Tunnel kamen die Gotteskrieger aus der Festung heraus und zum Hafen. Über den Gängen sind sieben gewölbte Rittersäle noch erhalten, entsprechend den sieben Sprachen des Johanniterordens. Dann der "Grand Munir", der Saal mit dem Kreuzgratgewölbe, das Refektorium, das Türkische Bad und der Innenhof. Der ist heute oft ein Ort für Kunst-Events.

Festivalleiter Zach Granit berichtet davon, dass die alte Kreuzritterfestung hier in Akko ein wunderbarer Ort ist, um das Opernfestival in diesem Jahr mit "Orpheus und Eurydike" aufzuführen. Vor allem die Einheimischen sollen damit erreicht werden.

"Eine Menge Leute aus Akko kommen hierher, um die Oper zu sehen. Und eigentlich ist es hauptsächlich für die Einheimischen gemacht.
Es kommen etwa 800 bis 1000 Leute. Wir haben drei Aufführungen, und zu jeder Aufführung kommen etwa 250-300 Leute. Und das ist für uns schon eine ganze Menge."

Akko als Weltstadt

Und während Zach Granit erzählt, füllen sich hinter ihm die Stuhlreihen.

"Wir haben tolle Sänger. Das ist das Wichtigste. Wir haben Sänger, die von überall aus der Welt herkommen, also für "Carmen" jetzt gerade haben wir israelische Sänger, aus Russland, aus Uruguay, Rumänien, Argentinien, Italien, ich könnte so weitermachen, von überall aus der Welt. Oper ist die internationalste Form der Kunst."

Aus dem ganzen Land kommen die Israelis, um hier inmitten der alten Festungsmauern hochkarätige Opern zu sehen. Auch der Deutsch sprechende über 70-jährige Yossin Schiffman ist extra zur Aufführung aus Tel Aviv angereist.

"Der Platz, die Atmosphäre. Und es ist wie eine Challenge, diese Sachen hier in dieser Gegend zu machen. Weil es normalerweise keine gute Akustik da gibt, und darum ist es schon ein besonderes Projekt. Und das Orchester ist auch nicht das normale Orchester, sondern die Israel-Camerata."

Vielfältigkeit kommt an

Backstage meint Ethan Schmeisser, der Dirigent, dass "Orpheus und Eurydike" keineswegs die beliebteste Oper in Israel ist. Hit Nummer Eins ist eine andere Oper.

"Ich könnte eigentlich nicht sagen, wie viele Versionen der "Zauberflöte" ich dirigiert habe, seit ich in Israel bin."

Ob auf der legendären Herodes-Festung Masada in der Judäischen Wüste bei fast 40 Grad Hitze, das Israeli Opera Festival in der Negev-Wüste oder in Akko! im Jahr 2010 begann die Oper Tel Aviv aus dem Haus zu gehen, und zu den Leuten. Denn in Israel gibt es keine nennenswerte Operntradition, wie bei uns etwa, und wenn eine Oper "Open Air" aufgeführt wird, dann ist das mit einem immensen technischen und logistischen Aufwand verbunden.

Stromgeneratoren müssen mitgebracht, eine riesige Tribüne muss aufgebaut werden, in Masada etwa für 8000 Besucher. Die sollen per Busse und PKW anreisen. Proben können erst ab 14 Uhr starten, vorher ist es zu heiß. Und die Kostüme müssen so geschnitten sein, dass sie Wasserflaschen verstecken können. Doch all das lohnt sich, wie man in Akko sehen kann.

Pause für den Muezzin

Orpheus, der seine tote Eurydike per Gesang aus der Unterwelt zurückholt, diese wunderbare Oper von Christoph Willibald Gluck, ist hier in Akko eine pikante und ungewöhnliche Darstellung in SM-Kostümen und Lichtarrangements mit Nebelkanonen und Pyroeffekten wie lodernden Flammen. Als fast die Hälfte der rund zwei Stunden dauernden Oper vorbei ist, gibt es eine denkwürdige Unterbrechung.

Eurydike ist schon bei Orpheus, noch hat er sich nicht umgedreht, und so die Regel der Unterweltgötter beachtet, da muss alles ruhen. In der unteren Opernwelt wie in der oberen der Zuschauer. Denn Akko ist eine Stadt mit einem hohen Anteil an arabischer Bevölkerung. Deren Religion wird auch bei einem Festival wie diesem geachtet. Wenig später geht es weiter.

Eurydike stirbt ein weiteres Mal und darf erneut erwachen und bei Orpheus sein.

Ort und Musik faszinieren Publikum

Die Zuschauer sind begeistert:

"Ich denke, es war eine tolle Aufführung. Schön gemacht, ich mochte die Akustik, die Stimmen waren wunderbar."

"Es war wunderbar, besonders in dieser antiken Umgebung 'Orpheus und Eurydike' zu sehen. Manches war sehr speziell und anders, besonders die Kostüme. Sehr hübsch, und fantastisch. Ich mochte auch das Feuer und die Vorhänge, es war wundervoll. Und natürlich die perfekte Atmosphäre."

"Ich mochte die Aufführung sehr. Was ich am meisten mochte? Die Musik. Die sehr schöne, spezielle Musik."

"Wir sind von hier aus der Umgebung. Wir mochten die Aufführung sehr. Der Ort ist sehr speziell und hier an diesem Ort mit so besonderen visuellen Effekten zu arbeiten, war toll anzusehen. Und die Musik mochte ich. Es war das erste Mal, dass ich diese Oper gesehen habe und ich fand sie etwas witzig."

Fisch für Freunde

Akko ist natürlich nicht nur wegen der Kreuzfahrerfestung, der orientalischen Märkte, der Ahmed-Jezzar-Moschee, und der malerischen Altstadt bekannt, die seit 2001 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Akko ist auch als Ort bekannt, wo Uri Jeremias, inzwischen über 70-jähriger Israeli mit deutschstämmigen Vorfahren in seinem Restaurant "URI BURI" gleich am Hafen so exzellent Fisch zubereitet, dass viele schwören, er wäre der beste Fischkoch Israels.

"Ich koche für Freunde", sagt Uri Buri, "und für mich selbst. Was mir schmeckt. Und womit ich meinen Freunden Freude machen will."

Und irgendwann ist es vorbei. Ist der Fisch gegessen, der Wein getrunken. Was bleibt, sind im Ohr die Melodien, die überirdisch schöne Stimme des Orpheus, des Chors und das Drumherum der alten Festung.

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