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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.07.2017

Opern-Festival in Aix-en-ProvenceDie "Carmen"-Therapie

Von Dieter David Scholz

Porträt des französischen Komponisten Georges Bizet (1838-1875) (imago stock&people)
Bei der Aufführung in Aix-en-Provence hat man sich für die ursprüngliche, provokative Opéra comique-Fassung von Georges Bizet (1838-1875) entschieden. (imago stock&people)

Beim Festival d'Aix-en-Provence macht der Regisseur Dmitri Tcherniakov aus Bizets romantischer Oper ein Psychodrama. In einer Hotelhalle verabredet sich ein Paar mit einem Therapeuten, um einen Vertrag abzuschließen. Eine kompromisslose Lesart und ein großer Abend.

Es gibt zwei Fassungen von Bizets "Carmen", die ursprüngliche, provokative Opéra comique-Fassung, die bei der Uraufführung alles andere als ein Erfolg war, und die wenige Monate später von Ernest Guiraud bearbeitete, mit durchkomponierten Rezitativen versehene Fassung, die dann ihren Siegeszug durch die Opernwelt antrat und das Stück zu einem Dauerbrenner bis heute macht.

Beim renommierten Festival d'Aix-en-Provence hat man sich in seiner Neuproduktion des Stücks für die Opéra comique-Fassung mit gesprochenen Dialogen entschieden, denn sie gibt dem Regisseur der neuen "Carmen" die Chance, tiefgehend einzugreifen in das Stück. Dmitri Tcherniakov ist ein kompromissloser Regisseur, der mit seinen Inszenierungen, die er auch in diesem Falle in eigenen Bühnenbildern zeigt, frappiert, überwältigt, nicht selten aber auch verstört, weil er zuweilen ungewohnte, dunkle, hässliche, schmerzvolle und brutale Wahrheiten auf die Bühne bringt und Erwartungshaltungen an Stücke Lügen straft.

Verweigerung aller Aufführungsklischees

Seine neue "Carmen" bricht denn auch mit allen traditionellen Konventionen und verweigert alle Aufführungsklischees. Diese "Carmen" hat optisch mit Spanien nichts zu tun. Kein Sevilla, keine Stierkampfarena, keine Zigarettenfabrik, keine Folklore. Statt der ursprünglichen Dialoge von Henri Meillhac und Ludoviv Halévy lässt Tcherniakov eigene sprechen, mit denen es ihm gelingt, eine Rahmenhandlung zu schaffen, mit der er die Oper aushebelt und von heute aus einer kritischen Überprüfung unterzieht. Tcherniakov macht aus Bizets romantischer Oper ein heutiges Psychdrama. Er zeigt auf der Bühne des Grand Théâtre de Provence eine Carmen-Therapie: In einer postsozialistischen Hotelhalle verabredet sich ein Paar des gehobenen Mittelstandes mit einem Therapeuten, um einen Vertrag abzuschließen.

Dem Ehemann (Don José) soll mithilfe der Carmen-Therapie seine libidinöse Stoßkraft wiederverschafft werden, um seine Beziehung zu Micaëla zu retten. Gesagt, getan. Man spielt also "Carmen", das ganze Hotelpersonal spielt mit. Man tut, als ob. Menschen in heutiger, austauschbarer Businesskleidung tragen Schilder mit Namen der Rollen, die sie zu spielen haben, damit man nicht durcheinander kommt. Das Spiel beginnt harmlos. Es darf gelacht werden, wenn Barkeeper und Büroangestellt den Auftritt des Kinderchors revuehaft-parodistisch nachspielen.

Auch der Auftritt Carmens ist eher komisch-grotesk, denn sie schlüpft nicht überzeugend in ihre Rolle, so wie man sie erwartet, sie macht sich eher über die erotischen Klischees dieser männerverzehrenden Femme fatale lustig. Es gelingt ihr nicht einmal, eine Blume in ihr Haar zu stecken, vom hüftwerfenden Schwung der zigeunerischen Erotikone zu schweigen. Im blauen Hosenanzug vollzieht sie ihren therapeutischen Job, Don José zu "heilen".

Zimmerschlachten und Gruppensex

Zunächst geht alles gut: Die Szenen der Opern werden als Rollenspiele nachgestellt. Dazwischen psychologischer Austausch. Immer wieder artet das zu komischen Nummern von grotesker Lächerlichkeit aus: Kissenbalgereien, Kinderspiele, Zimmerschlachten, andeutungsweise Gruppensex in der Hotelhalle. Immer wieder steigt der Eine oder Andere aus der Rolle aus. Der psychologische Superviser tritt auf und mahnt, das Spiel fortzusetzen, um den Erfolg der Therapie nicht zu gefährden. Irgendwann wird es riskant. Es soll abgebrochen werden. Doch Carmen besteht darauf, die allen ausgehändigte Spielvorlage der Verhaltenstherapie bis zu Ende einzuhalten.

Es kommt, wie es kommen muss: Aus dem Spiel wird Ernst. Spätestens als ein neuer Patient mit dem Namensschild Don José auftritt und Carmen vorgestellt wird, rastet der eigentliche Don José aus. Er hat sich, wie bekannt aus der Oper, hoffnungslos in die grausame Femme fatale verliebt. Als sie ihm den Laufpass gibt, ersticht er sie bestialisch. Sie selbst reicht ihm den Dolch. Doch es ist nur ein Theaterdolch. Nach dem Mord steht Carmen auf, das Spiel ist aus, es war nichts als Theater auf dem Theater bzw. im Hotel. Doch der reale Don José ist eine zerstörte Persönlichkeit. Die Therapie hat nicht funktioniert. Als seine Partnerin Micaëla ihn abholen kommt und ein großes Blumenbouquet zum Erfolg der Therapie überreicht werden soll, bleibt der Mann Don José zerstört am Boden. Er ist das Opfer, nicht Carmen. Seine Ehe ist wohl nicht mehr zu retten.

Das romantische Prinzip Carmen taugt nicht zur Realisierung heutiger Liebes- und Ehevorstellungen, will uns Tcherniakov sagen in seiner kompromisslosen, handwerklich bestechenden Lesart des Stücks. Seine Interpretation befremdet, verstört, amüsiert auch unfreiwillig, gerät immer wieder an den Rand der Lächerlichkeit, und doch berührt sie, ja geht einem am Ende kalt den Rücken herunter. Tcherniakov hat dem erotisch degenerierten, trotz romantisch orientierter Kitschvorstellungen dennoch mit tavistischen Instinkten ausgestatteten modernen Menschen von heute ins Herz geschaut, und nicht nur ins Herz. Es ist der Mensch der großstädtischen, voyeuristischen, sexistischen Spaß- und Freizeitkultur, dem hier eine Lektion erteilt wird.

Viel Spanien in der Musik

Dass dem Szenischen zum Trotz dieser Produktion viel originäres, temperamentvolles Spanien anhaftet, ist dem jungen spanischen Dirigenten Pablo Heras-Casado zu verdanken. Er ist einer der vielseitigsten und bemerkenswertesten unter den jungen Dirigenten, ursprünglich kommt er aus der Alten Musik. Er lässt die starke Musik Bizets ohne Wenn und Aber zu ihrem Recht kommen, setzt sie mit einer Differenziertheit und Sensibilität um, wie man sie selten hört. Geradezu furios ist sein dramatischer Zugriff auf Rhythmik, Sinnlichkeit und Melodik der "Carmen"-Musik, aber er gestattet dem prachtvoll süffig aufspielenden Orchestre de Paris immer wieder auch breite, verspielte Passagen voller Lyrik und Tonmalerei. Ein Wechselbad der Gefühle, das der Inszenierung entspricht. Getragen wird sie nicht zuletzt durch ein ausnahmslos erstklassiges Sängerensemble bis in die Nebenpartien hinein.

Festspielhaft superb ist die Besetzung der vier Hauptpartien. Die Carmen der neuen französischen Starmezzosopranistin Stéphanie D'Oustrac verweigert der Partie zwar alle darstellerischen Klischees, aber sie fasziniert durch dämonisch mädchenhafte Sing-Sinnlichkeit. Der amerikanische Tenor Michael Fabiano wird seinem Ruf als Shooting Star der neuen Tenorszene gerecht. Er singt sich im blauen Businessanzug um Hals und Kragen, schont sich weder in Spiel noch Gesang. Stimmlich ist ihm der Escamillo des amerikanischen Baritons Michael Todd Simpson zwar nicht ganz ebenbürtig, dennoch überzeugt er mit seiner Verkörperung der Partie des Toreros als eindrucksvollem Lebemann und Frauenverführer (er macht sich sogar an Micaëla ran) im weißen Sommeranzug mit Armanibrille, Zigarre im Mund und Smartphone in der Hand. Lust but not least bringt die aufstrebende, franco-dänische Sopranistin Elsa Dreisig als Micaëla jene betörenden romantischen Herzenstöne einer anderen, uncarmenhaften Art von Weiblichkeit ein, ohne die die Dramaturgie der Oper nicht funktionieren würde.

Ein großer Abend, diese neue "Carmen" beim Festival d' Aix-en-Provence!

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