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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.03.2019

Operieren mit dem RoboterJedes Zittern ausgeschaltet

Von Anke Petermann

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Roboterarme über dem Patienten bei einer Bauchspeicheldrüsen-OP mit dem "Da Vinci"-Roboter (picture alliance/dpa/epa ansa/Pisa Hospital)
Roboter wie "Da Vinci" erobern den Operationssaal – mit einigen Vorteilen. (picture alliance/dpa/epa ansa/Pisa Hospital)

Präziser geht nicht – urteilt Chirurg Werner Kneist über Operationen mit dem "Da Vinci"-Roboter, der bei Tumorpatienten eingesetzt wird. Der Mensch sollte trotzdem die Handlungshoheit behalten, sagen Ethiker. Aber die Trennlinien werden unschärfer.

Das Operationsteam in steriler Kleidung und Mundschutz bringt "Da Vinci" über dem Patienten in Stellung. Mit seinen vier steril verpackten Greifarmen beugt sich der Roboter spinnenartig über den Patienten. Da Vincis weibliche Stimme kommandiert:

"Das Endoskop auf die Ziel-Anatomie richten und die Zieltaste gedrückt halten."

Der Patient, dessen Ziel-Anatomie "Da Vinci" ansteuert, hat Krebs, ein Tumor im Mastdarm muss entfernt werden. Befallenes Gewebe radikal genug zu operieren, ohne dabei Harnleiter und –Blase, Samenblasen und Genitalnerven zu verletzen, ist die Herausforderung. Die Zugänge, sogenannte Trokare für die mikrochirurgischen Instrumente, ragen aus dem Bauch des Patienten.

Steuerung der Instrumente in Echtzeit über den Roboter

Professor Kneist setzt sich an eine der beiden Konsolen. Und deutet auf die sogenannte Lernkonsole, der Platz ist frei.

"Wir sehen beide das gleiche Bild, das ist ganz entscheidend auch für Ausbildungssituationen oder wenn man mit Kollegen zusammen operiert, das ist manchmal ganz gewinnbringend",

… findet der Viszeralchirurg. Der Bauchraum-Experte kann Gynäkologen oder Urologen hinzuziehen. Jetzt lehnt der Operateur die Stirn an die Konsole mit dem Bildschirm – samt Head-up-Display wie bei einem Oberklasse-Auto. Unter der Konsole ergreift Werner Kneist die zwei gelenkigen Plastikarme, positioniert die Finger wie an Schere oder Pinzette. Genau diese Instrumente steuert er in Echtzeit über den Roboter.

Deutschlandradio-Korrespondentin Anke Petermann (r.) mit dem Chirurgen Werner Kneist im Operationssaal vor dem "Da Vinci"-Roboter (Mareike Frankenbach / Universitätsmedizin Mainz)War im OP dabei: Deutschlandradio-Korrespondentin Anke Petermann (r.) mit dem Chirurgen Werner Kneist. (Mareike Frankenbach / Universitätsmedizin Mainz)

Am OP-Tisch ein paar Schritte entfernt steht Monia Passalacqua. Die Assistenzärztin kann über einen Zugang bei Bedarf zum Beispiel Gewebe anheben und halten. An der Konsole hat der Operateur einen ergonomisch perfekten Arbeitsplatz, bei stundenlangen Eingriffen wie dem heutigen kann er zwischendurch mal aufstehen.

"Wenn ich den Kopf rausnehme, bleiben die Instrumente, wo sie sind."

Schmerzen und Verspannungen durch sehr ungünstige Hebelwirkungen bei der Schlüssellochchirurgie am OP-Tisch – passé. Weitere Vorteile von "Da Vinci": die fokussierte Beleuchtung im Inneren des Bauchraums und dessen vergrößerte 3D-Darstellung. Außerdem ist mit dem "Joystick"-Skalpell jedes Zittern ausgeschaltet.

"Das heißt, wir haben ein extrem ruhiges Operationsfeld. Sie bedienen die Kamera selbst",

… mit dem 'Gaspedal' unter der Konsole, erläutert Kneist.

"Das ist aus meiner Sicht auch ein Vorteil. Sie haben also ein Bild, das kongruent zu Ihren Wünschen ist – deckungsgleich – Sie können das selbst einstellen, und das ist Grundvoraussetzung für so eine Präzision. Ich glaube, da liegt der Vorteil der Robotik, dass sie die Präzision, dieses feine Operieren wirklich perfektionieren können."

Der Chirurg als Meister, der Roboter als Sklave

Genau darauf kommt es bei einer Tumor-OP an. Kneist schaut via Monitor mitten in den Bauchraum:

"Bis hierhin gehen die Lymphknoten, die potenziell befallen sind von dem Tumor, bis auf die Aorta. Das ist eine radikale Operation, und dann müssen wir dieses Gefäß durchtrennen."

Die Hauptschlagader muss durchtrennt werden, "relativ gesehen ist das Standard", sagt Professor Kneist. Bevor er via "Da Vinci" den Schnitt setzt, verschließt der Chirurg die beiden Ader-Enden mit Clips. Wenn das nicht so gut gelingt wie soeben, kann es stark bluten. Dann müsste Kneist die Operation vielleicht abbrechen und den Bauch aufschneiden.

Solch einen lebensrettenden Eingriff müssen Operateure weiterhin beherrschen, ganz gleich, wie weit sich die Robotik entwickelt, meint Professor Norbert Paul, Medizinethiker an der Uni Mainz.

"Und gleichzeitig, auch wenn sie mit Systemen umgehen, die volle Verantwortung weiterhin bei sich sehen, sich als Mensch mit Handlungshoheit begreifen und tatsächlich - auch wenn die Systeme weiter voranschreiten, die Sensorik besser wird - konsequent das Bewusstsein Master - Slave nicht aufgeben."

Der Chirurg sollte Meister, der Roboter Sklave sein. Doch der Medizinethiker weiß: Die Trennlinien werden unschärfer.

"In dem Maß, in dem wir zu Recht sagen, mehr Routinesituationen müssten eigentlich von technischen Systemen übernommen werden, in dem Maße geht auch mehr Handlungshoheit auf das technische System, und damit geht auch mehr Verantwortung in das technische System rein. Und irgendwann kommt es halt zu dieser 'Verantwortungsdiffusion', wo der eine sich auf den anderen verlässt. Und das wir dann in schnell zu entscheidenden Situationen schwierig."

Regeln für Entwicklungen festzuschreiben, die sich noch gar nicht vorhersehen lassen - davon hält Professor Paul wenig. Aber interdisziplinär müsse man sich darüber abstimmen…

"… was sind die Standards, unter denen wir die Systeme zur Anwendung bringen und eben aber auch nicht zur Anwendung bringen, obwohl es von außen einen Nachfragedruck gibt. Dem Patienten zu sagen: 'Super-System, aber für Sie nicht', ist manchmal genauso mutig wie eine Indikation zu stellen, dass eine OP dringend und schnell und zwar robotergestützt durchzuführen ist."

Werden Chirurgen in Zukunft ersetzbar sein?

Schon Ende der 1990er-Jahre, so erinnert sich Paul an seinen Übersee-Forschungsaufenthalt, führte die US-Marine Robotik-gestützte neurochirurgische Eingriffe von San Diego aus auf Flugzeugträgern auf See aus.

"Hauptprobleme waren sekundenweise Zeitverzögerung und spontane Einschätzung von Zwischenfällen durch Menschen vor Ort. Also, wenn im OP auf dem Flugzeugträger irgendwas merkwürdig war, die Intuition zu besitzen, zu sagen 'stopp, hier ist was komisch, oder hier blutet' s an einer seltsamen Stelle', sofort zu intervenieren, zu gucken, was ist. Genau diese Intuition – das sind ja oft Bruchteile von Sekunden, die große Distanzen verhindern würden."

"Gut, dann würden wir jetzt abdocken."

Die Tumor-Operation von Professor Kneist ist unproblematisch verlaufen. Ob der Eingriff erfolgreich war, zeigt sich erst langfristig. Welche Aufgaben OP-Roboter künftig teilautonom oder autonom erledigen sollen, wird weiter diskutiert.

"Zum Beispiel eine Naht durchzuführen, ganz exakt wie von einer Nähmaschine mit gleichen Abständen, die kann vielleicht automatisiert ablaufen – wenn Sie diesen Prozess anstoßen. Die Frage ist nur, wann stoßen Sie ihn an und wie stoßen Sie ihn an und wie kontrollieren Sie das."

Kontrollieren werden weiterhin Menschen, da ist sich Professor Kneist sicher – selbst wenn US-Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in einer Befragung vorausgesagt haben, der Chirurg werde ersetzbar sein – und zwar um das Jahr 2053.

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