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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.03.2019

Operette als KunstformTanz auf dem Vulkan

Peter Lund im Gespräch mit Ute Welty

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Die Operette "Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán am Theater Erfurt.  (imago/Bild13)
Die Operette "Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán am Theater Erfurt. (imago/Bild13)

Die Operette führt in Deutschland eher ein Nischendasein – eingequetscht zwischen Musical und Oper. Warum das so ist und in Österreich völlig anders, erklärt der Operetten-Regisseur Peter Lund.

Am Montagabend wird im Staatstheater Augsburg der "Frosch des Jahres 2018" verliehen. Der Preis mit dem skurrilen Titel ist besonders Freunden der leichteren Muse ein Begriff – denn er wird für die beste Operette vergeben. Dieses Mal steht Thomas Enzinger, der Intendant des Lehár-Festivals Bad Ischl, im Rampenlicht. Er bekommt den Frosch für seine Inszenierung von Paul Abrahams "Die Blume von Hawaii".

Viele Operetten-Schreiber waren Juden

Die Operette hat hierzulande längst nicht mehr die Bedeutung, die sie einmal hatte. Der Regisseur und Autor Peter Lund erklärt das vor allem mit der Nazi-Zeit. Viele der Operetten-Schreiber und -Komponisten seien ehemals Juden gewesen, sagte er im Deutschlandfunk Kultur. Diese seien dann im Nationalsozialismus vertrieben oder ermordet worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg "haben wir uns dann geschämt", sagte Lund: "Und gleich beschlossen, die ganze Gattung nicht mehr so richtig anzugucken." Mit Mühe hätten die Deutschen den "Sprung zum Musical" geschafft, während die Operette in Österreich auch heute noch Nationalgut sei, betonte Lund. Dort habe man sich "nicht so identifizieren müssen mit dem Dritten Reich – und konnte da ein bisschen lockerer draufgucken".

Hellsichtigkeit des Genres

Die Operette sei politischer als viele denken, sagte der Regisseur. Sie sei nicht "politisch anklagend", aber man könne zumeist eine "Hellsichtigkeit des Genres" und ein "Gespür für die Zeit", in der sie jeweils geschrieben wurde, spüren.

Edda Moser 1983 in der "Fledermaus" von Johann Strauss (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)Edda Moser 1983 in der "Fledermaus" von Johann Strauss (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)
Beim Inszenieren einer Operette müsse man spürbar machen, "warum sie ehemals ein Knaller gewesen sei", sagte Lund. Bei der Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán beispielsweise müsse man deutlich machen, dass das Stück am Anfang des Ersten Weltkriegs uraufgeführt worden sei, betonte er: "Diese Liebe, diese Lebenslust, die da herrscht, das ist die reine Verzweiflung."

Auf diese Weise werde dann "das politische Potenzial und die Anspielungsgewalt, die dahinter steckt", sichtbar, das Leben als "Tanz auf dem Vulkan". "Ganz schön böse" und zugleich sehr komisch sei das, sagte Lund.

"Gern hab' ich die Frauen geküsst" geht nicht mehr

Ein eher aktuelles Problem des Musiktheaters sieht Lund in der Me-too-Debatte. Seit Harvey Weinstein wird nun auch hier viel kritischer auf Inhalt und Texte geguckt: "Wir haben den Paganini von der Liste gestrichen, weil: 'Gern hab' ich die Frauen geküsst, hab' nicht gefragt, ob's gestattet ist'.'"

"Das kann man auch mal wieder machen. Aber da muss man sich wirklich was ausdenken", sagte Lund.

(ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Heute großer Bahnhof für die Operette im Staatstheater in Augsburg: Verliehen wird der Frosch Award, der Preis für Operetten-Mut. Ausgezeichnet als Jahressieger wird das Lehár-Festival Bad Ischl für die Inszenierung "Die Blume von Hawaii".

Diese Operette wurde 1931 uraufgeführt, und Komponist Paul Abraham war einer der Ersten, der die Operette mit Jazzelementen verband.

Frösche gibt es übrigens jeden Monat für eine zeitgemäße Operettenproduktion, und einen solchen Monatsfrosch, den kann auch Autor und Regisseur Peter Lund sein eigen nennen. Preiswürdig fand die Jury seine Fassung von "Axel an der Himmelstür" in Wien.

Ist Wien denn ein besonders gutes Pflaster für die Operette? Immerhin ist es die Stadt von Johann Strauss, dessen "Fledermaus" die wahrscheinlich bekannteste Operette überhaupt ist.

"Österreich ist ein gutes Land für Operette"

Lund: Ja, also das kann ich durchaus bejahen. Ganz Österreich ist ein gutes Land für Operette, da wird diese Gattung halt wirklich noch ernst genommen und auch sehr geliebt und sehr gründlich angeguckt, da kriege ich meine fundiertesten Kritiken.

Welty: Woran liegt das denn, dass es in Österreich besser funktioniert oder anders funktioniert als in Deutschland? Die Deutschen tun sich ja eher ein bisschen schwer, oder?

Lund: Ja, also wir haben natürlich eine Geschichte, die mit der Operette nach dem Zweiten Weltkrieg im doppelten Sinne gebrochen hat, wir haben einmal damit gebrochen, weil viele Komponisten und Autoren jüdisch waren und vertrieben wurden oder schlimmer noch umgebracht. Da haben wir uns sehr geschämt nach dem Zweiten Weltkrieg und haben dann gleich beschlossen, die ganze Gattung gar nicht mehr so richtig anzugucken.

Und auch das, was dann von den Nazis als Ersatz gebracht wurde, war dann auch ein bisschen die B-Ware, das muss man ganz ehrlich sagen. Das hat hier auf deutschem Boden ein bisschen an Qualität verloren, und dann haben wir irgendwann den Sprung ins Musical mit Mühe geschafft.

In Österreich ist dieser Übergang in jeder Hinsicht ein bisschen, na, was würde man sagen, also es ist einfach ein Nationalgut, die Operette. Und wiederum hat man sich vielleicht auch nicht ganz so identifizieren müssen mit dem Dritten Reich und konnte da ein bisschen lockerer draufgucken.

Welty: Das, was Sie da beschreiben, das gilt ja auch für "Axel an der Himmelstür", eine Operette aus dem Jahre 1936, machte eine gewisse Zarah Leander in der Uraufführung über Nacht zum Star, und das Libretto, das hat Paul Morgan geschrieben, der nur zwei Jahre später im KZ Buchenwald stirbt. Welche Rolle spielen solche Hintergründe, wenn Sie dann eine solche Produktion anfassen?

Als Kind reingeplumpst

Lund: Für mich persönlich ist das einer der Gründe, warum ich so tief in diese Gattung reingefallen bin. Ich gebe zu, ich bin ganz naiv als Kind im Theater in die Operette reingeplumpst und fand das einfach toll, fand auch die Ufa-Filme ganz großartig mit 12, 13, und meine Mutter kam immer rein und sagte: Guckst du wieder deine Naziserien?

Bis ich das begriffen habe, also was da in der Unterhaltungsform in Deutschland teilweise auch benutzt wurde, um die Leute abzulenken, das hat mich schon immer unglaublich gerissen.

Der "Axel" ist genau das Gegenteil. Das war natürlich fast eine Flüchtlingsproduktion, '36 waren schon ganz viele Künstler nach Wien geflohen, in der Hoffnung, dass sie da irgendwie noch besser arbeiten können, was ja auch nur noch ganz wenig geklappt hat. Deswegen ist es eine der letzten Blüten, und perverserweise ist dann dadurch auch noch Zarah Leander zum Star geworden und der Ufa dort entdeckt worden, da spielt sie ja quasi eine Greta-Garbo-Parodie.

Beim "Axel" zum Beispiel haben wir das dann auch nicht thematisiert, diesen nationalsozialistischen Hintergrund, also das, was damit dann später passiert ist, weil das Stück selbst war eben noch mal eine letzte Feier des Lebens, will man mal so sagen, also die haben da wirklich noch versucht – und das haben sie toll gemacht –, sich über alles lustig zu machen.

Andere Werke – "Hochzeitsnacht im Paradies" von Friedrich Schröder – haben wir an der Neuköllner Oper durchaus mit dem gesamten nationalsozialistischen Hintergrund gemacht. Da haben wir einen ganzen Abend darüber gemacht, wie quasi Operetten damals in Auftrag gegeben wurden zum Beispiel, um das Volk eben bei der Stange zu halten.

Aber das kommt, glaube ich, sehr auf das spezifische Werk an. Und gerade eben auch diese 30er-Jahre-Operette, auch Paul Abraham jetzt mit "Blume von Hawaii", das sind natürlich wirklich noch Perlen der 20er-Jahre, die man, finde ich, heute auch wieder so rausputzen muss, damit man ihnen gerecht wird.

Wenn man da zu sehr belastend reingeht, dann, glaube ich, überfrachtet man wahrscheinlich das Werk. Und gerade auch der "Axel", das ist eine unglaublich leichte und wunderbare Boulevardkomödie mit Musik von Benatzky, das haben wir dann auch versucht, in eben dieser Zeit zu belassen.

Welty: Ihre Inszenierung steht ja weiter auf dem Spielplan der Wiener Volksoper, wie übrigens auch "Die Fledermaus" gerade heute. Was macht eine Operette erfolgreich und zeitgemäß?

Liebe, Lebenslust, Verzweiflung

Lund: Also wirklich Verortung in – nicht in ihrer Entstehungzeit, das ist nicht zwingend, aber man muss spürbar machen, warum sie damals so ein Knaller war. Ich habe jetzt "Die Csárdásfürstin" in Berlin gemacht, und das ist eins der besten Werke, das es überhaupt gibt. Das ist einfach ein verdammt gutes Stück, da muss man als Regisseur nicht groß in den Text eingreifen, aber man muss deutlich machen, dass das in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges uraufgeführt wurde.

Diese Liebe und diese Lebenslust, die da herrscht, das ist die reine Verzweiflung, und wenn ich das nicht irgendwie deutlich mache, dass der Edwin genau nach dem Happy End wahrscheinlich eingezogen wird – und bei uns wird er eben schon eine Viertelstunde vor dem Happy End eingezogen –, dann kriegt das einfach eine ganz andere Kraft und man hat, glaube ich, viel mehr Verständnis dafür, was so ein Tanz auf dem Vulkan das zum Teil war.

Ich glaube, das muss man immer wieder spürbar machen, mit welchen politischen Konnotationen die Operette in ihrer Entstehungszeit gespielt hat, damit man dann eben auch nachdachte, worüber haben die Leute damals eigentlich gelacht. Und dann spürt man eben auch das politische Potenzial oder die Anspielungsgewalt, die dahintersteckt, und dann wird das meistens auch ganz schön böse und vor allen Dingen sehr komisch.

Welty: Ist die Operette politischer, als viele denken?

Lund: Ich finde schon. Also ich finde, jede Art von Unterhaltungsform ist natürlich per se politisch, weil sie so ein Abbild unseres Lebens ist. Auch unsere jetzige Alltagskultur reagiert ja mit jeder Faser auf das, was uns passiert. Man sieht, Trump ist an der Macht, und plötzlich, zwei Jahre später, gibt es andere Filme.

Das ist sofort spürbar. Das ist nicht per se politisch anklagend oder politisch bewegend, aber man spürt die Sprengkraft – Sprengkraft ist vielleicht zu viel gesagt - aber die Hellsichtigkeit des Genres, dass es ein Gefühl hat für die Zeit. Und dann, finde ich, ist es unglaublich, und wahrscheinlich die ganz großen Klassiker an der Oper - "Figaro" sieht man ja immer noch mit dem Gefühl der französischen Revolution - das hat aber jeder ein bisschen mit der Muttermilch eingesogen.

Und spätestens beim "Zigeunerbaron", den ich gerade vorbereite, weiß das kein Mensch mehr, wie die theresianischen Kriege 1680 da an der ungarischen Grenze waren, da muss man dann noch ein bisschen nacharbeiten.

Welty: Und wie gehen Sie damit Textzeilen um, die so gar nicht ins 21. Jahrhundert passen wollen? Gerade das Bild der Frau entspricht ja nicht mehr unbedingt dem der "Christel von der Post".

In Strapse über die Bühne laufen - geht das noch?

Lund: Nein, ich meine, das Problem hat das Musiktheater jetzt aber seit zwei Jahren extrem, also jetzt kann man schon nicht mal mehr Musical spielen. Also ich unterrichte ja hier in Berlin, und meine Mädchen fragen mich schon, warum muss ich denn da in Strapsen über die Bühne laufen als Telly Bold, und das ist noch nicht so lange her.

Und ich sage, ja, hm, das ist schwierig, das war bis vor Kurzem, bis zu Herrn Weinstein noch gar kein Problem, plötzlich ist es eins. Natürlich, wir haben den Paganini jetzt mal von der Liste gestrichen, weil "Gern hab ich die Frauen geküsst, hab‘ nicht gefragt, ob's gestattet ist", das ist momentan … Das kann man auch mal wieder machen bestimmt, aber da muss man sich wirklich was ausdenken.

Welty: Wie möchten Sie denn das typische Operettenpublikum beschreiben, kann das mehr sein als diejenigen, denen eine Oper zu anstrengend ist?

Lund: Auf jeden Fall. Mein wirklich großer Kollege Barrie Kosky hier in Berlin, der macht Operette ja wirklich für Berlin, und da sitzt jede Generation drin, und das ist keine Minute weniger anstrengend als Oper. Ich meine, es ist vielleicht ein bisschen weniger anstrengend als ein "Parzival", aber als ein "Figaro" schon mal gar nicht. Von daher sehe ich da überhaupt keinen Unterschied.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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