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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2013

OperZerstückeltes Vergnügen

Giacomo Meyerbeers "L'Africaine" in Venedig

Von Uwe Friedrich

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Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864) (picture alliance / dpa)
Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864) (picture alliance / dpa)

Der 150. Todestag des bei Berlin geborenen Komponisten und Dirigenten Giacomo Meyerbeer wird an Italiens Opern gefeiert. Die Inszenierung seines letzten großen Werks "L'Africaine" am Teatro La Fenice in Venedig konnte unseren Kritiker aber nicht überzeugen.

Bis zu seinem Tod hat Giacomo Meyerbeer an seiner Oper "Vasco da Gama" gearbeitet, hat immer wieder geändert, umgestellt, Teile neu geschrieben. Die Zettelsammlung dieser unvollendeten Partitur bietet ein weites Betätigungsfeld für Musikwissenschaftler, Dramaturgen, Dirigenten und Regisseure, die sich jedes Mal ihre neue Fassung zusammenbasteln können.

Seit einigen Jahren liegt eine historisch-kritische Fassung vor, die der Dirigent Frank Beermann in Chemnitz in einer zurückhaltenden Inszenierung von Jakob Peters-Messer beinahe ungekürzt gespielt hat. Eine Aufführung der kompletten Grand’ Opéra inklusive der für die Pariser Oper des 19. Jahrhundert eigentlich unverzichtbaren Ballettmusik dauert etwa fünf Stunden. In Venedig kommt man - inklusive zwei Pausen, aber exklusive Ballett - mit vier Stunden aus; ein Indikator dafür, wie viel Musik der Dirigent gestrichen hat. Vom fünften Akt ist außer dem Freitod Sélikas unter dem giftigen Manzanillabaum nicht mehr viel übrig, im dritten Akt fehlt beispielsweise der Frauenchor, in dem sich die mitreisenden Hofdamen die Zeit an Deck vertreiben. Im übrig gebliebenen Gebet vor dem Sturm werden die Frauenstimmen aber gebraucht, und so singen sie in Venedig einfach von der Seitenbühne. Was die Frauen da machen, warum sie zu hören sind, darüber hat sich offenbar niemand Gedanken gemacht.

Von der Handlung erfährt man lediglich aus dem Programmheft

Dass es in Giacomo Meyerbeers Oper "L’Africaine" auch um die unfassbare Selbstsucht und Dummheit des Eroberers Vasco da Gama und seines Gegenspielers Don Pedro geht, um ein tragisches Liebesparallelogramm zwischen skrupellosen Eroberern, gar nicht edlen Wilden und selbstlosen, wenn auch mitunter ahnungslosen Frauen, dass alles erfährt der Opernliebhaber vielleicht aus dem Programmheft, auf der Bühne sehen kann er es hingegen nicht. Während Regisseur Leo Muscato offenbar die Probenzeit darauf verwendet hat, die Statisten im Hintergrund der Kerkerszene detailreich foltern zu lassen oder sie im Sturm des dritten Akts über die Bühne zu wirbeln, stehen die Solisten während der Ensembles in strategisch günstiger Dirigentennähe wie angenagelt an der Rampe und singen frontal in den Zuschauerraum.

Auf italienischen Opernbühnen lebt das Prinzip des kostümierten Konzerts aus dem 19. Jahrhundert fort und scheint auszureichen, um ein zahlungskräftiges Publikum anzulocken. Um den Produktionsetat zu schonen, wurden Bühnenbild und Kostüme aus dem Fundus des Opernhauses wiederverwertet. Das ist unbedingt begrüßenswert, denn so kann das Teatro La Fenice trotz der skandalösen Mittelkürzungen der vergangenen Jahre mehrere Neuproduktionen herausbringen und den Spielbetrieb aufrecht erhalten. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Warum sollten die Kulissen neu gebaut werden, wenn Bühnenbildner Massimo Checchetto es ohnehin so haben möchte wie seine Vorgänger? Gleiches gilt für die Kostüme: Wenn ganz Renaissance-Lissabon beim selben Herrenausstatter eingekauft hat, kann Kostümbildner Carlos Tiepo auch mal im Fundus nachschauen, ob sich davon noch etwas erhalten hat.

Nichtssagendes Arrangement von Regisseur Leo Muscato

Diese Zweit- oder Drittverwertung alter Versatzstücke ist allerdings keine Entschuldigung für das nichtssagende Personenarrangement des Regisseurs Leo Muscato. Erschwerend kommt die großflächige und detailarme musikalische Gestaltung durch den Dirigenten Emmanuel Villaume hinzu. Wo Meyerbeer endlose Farbschattierungen entwirft für die portugiesischen Staatsaktionen, die geheimnisvollen Riten auf der exotischen Insel, die Sturmmusiken und rauschhaften Liebesszenen, da kennt Villaume nur laut und leise. Die verblüffenden Effekte, etwa des A-cappella-Schlusses des zweiten Akts, verschenkt er ebenso wie die atemberaubenden harmonischen Entwicklungen der Partitur.

Da hat es Jessica Pratt, die überragenden Sängerin des Abends, als Inés nicht leicht, ihre Stilsicherheit unter Beweis zu stellen. Der Tenor Gregory Kunde verfügt über die nötige Höhe und Durchschlagskraft für den verhinderten Titelhelden Vasco da Gama, enttäuscht jedoch in der berühmten Arie "O paradis", während er das große Duett sehr schön singt. Die übrigen Solisten machen ihre Sache ordentlich, der Chor singt mit hinreißender Strahlkraft. Das mondäne Premierenpublikum bejubelte in großer Abendgarderobe alle Beteiligten, ob diese Aufführung aber zu einer dauerhaften Meyerbeer-Begeisterung in Italien führt, darf bezweifelt werden.

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