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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.05.2019

Oma auf UmwegenNachwuchs für inter- und transsexuelle Menschen

Von Christine Westerhaus

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Ein leerer Stubenwagen aus Korb über dessen Rand hellblaue gestrickte Babysachen hängen. (Unsplash /  Nynne Schrøder)
Um später einmal selbst Mutter werden zu können, bräuchte Julias Tochter befruchtungsfähige Keimzellen. (Unsplash / Nynne Schrøder)

Werde ich jemals Oma? Die Frage beschäftigt Julia seit der Geburt ihres intersexuellen Kindes. Sie selbst ist zu alt, um eigene Eizellen für eine spätere Spende einfrieren zu lassen – aber vielleicht gibt es dann bereits andere Möglichkeiten.

Und? Was ist es? Wenn ein Kind geboren wird, ist das fast immer die erste Frage an die frisch gebackenen Eltern. Doch als Milla auf die Welt kam, war die Antwort darauf nicht so eindeutig.

"Die Frage hat sich nicht so schnell geklärt", erzählt Julia Kaiser: "Also erst mal kam dann jemand aus einem anderen Krankenhaus, der sich besser auskannte und der hat uns erst mal nicht so viel über Intergeschlechtlichkeit erzählt, sie wollten das erst mal abklären. Ob das wirklich stimmt mit der Chromosomenanalyse."

Der vermeintliche Junge wird ein Mädchen

Julia Kaiser (die eigentlich anders heißt) lässt in der 13. Schwangerschaftswoche die Chromosomen ihres Kindes analysieren. Es wird ein Junge teilen die Ärzte ihr mit. Doch dann wird ein Mädchen geboren:

"Ja, Mädchen... Es war alles in blau schon mal ausgelegt, die ganzen Namensschildchen und so und schon mal beschriftet mit dem Namen des Jungen, der da kommen sollte."

Der vermeintliche Junge bekommt einen Mädchennamen. Nennen wir sie Milla. Milla hat die Chromosomen eines Jungen: XY anstelle von XX. Doch aufgrund einer Störung haben sich die männlichen Geschlechtsmerkmale im Mutterleib nicht ausbilden können. Milla hat eine Gebärmutter und eine Scheide. Ob sie Kinder bekommen kann, ist fraglich.

"Es ist irgendwie komisch, aber das war eines mit der Fragen, die man sich am Anfang gestellt hat", erinnert sich Julia Kaiser. "Ja, wie ist es denn mit XY? Sie hat eben weibliche Geschlechtsorgane. Jetzt bei ihrem Syndrom ist es so, dass sie keine Eierstöcke hat und auch keine Hoden. Ja, dann macht man sich schon seine Gedanken und denkt: 'Ja ok, dann werde ich wohl keine Oma.' Das ist, so komisch das klingt, das ist eine der ersten Fragen und der ersten Feststellungen."

Kann Milla jemals Kinder bekommen?

Um selbst Mutter werden zu können, bräuchte Milla befruchtungsfähige Keimzellen. Später, wenn sie groß ist. Diese könnten mit den Spermien eines Partners befruchtet und in ihre Gebärmutter eingesetzt werden. Dazu wäre eine Eizellspende nötig. Julia Kaiser hatte deshalb ursprünglich geplant, ihre eigenen Eizellen für ihre Tochter einfrieren zu lassen.

Doch ihr wird mitgeteilt, sie sei für eine solche Behandlung zu alt: "Und deswegen käme jetzt auch eine Fortpflanzung für sie tatsächlich nur über Stammzellen infrage. Dass man quasi eine Eizelle leer macht und eben ihre Stammzellen da reinsetzt. So könnte es gehen."

Auf diesem Weg ist beispielsweise das Klonschaf Dolly entstanden. Einen Menschen klonen will zwar niemand. Doch Forscher versuchen seit vielen Jahren, fortpflanzungsfähige Keimzellen aus normalen Körperzellen zu gewinnen. Also zum Beispiel Hautzellen so umzuprogrammieren, dass daraus Keimzellen entstehen. Also Ei- oder Samenzellen.

Theoretisch wäre es dann möglich, aus den Hautzellen eines Mannes Eizellen zu gewinnen. Oder Samenzellen aus den Hautzellen einer Frau. Damit würden sich für Milla und viele andere intergeschlechtliche, transgeschlechtliche und homosexuelle Menschen neue Wege zum eigenen Kind öffnen. Noch ist das Zukunftsmusik.

Aus Körperzellen könnten Keimzellen entstehen

Doch der japanische Forscher Mitinori Saitou von der Kyoto Universität ist auf dem besten Weg, die biologischen Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen:

"Wir haben normale menschliche Körperzellen in Stammzellen verwandelt und daraus Urkeimzellen gezüchtet. Das sind quasi die Vorläufer von Spermien und Eizellen. Und diese haben wir dann zu sogenannten Oogonien weiter entwickelt. Das sind die Vorläufer menschlicher Eizellen."

Irgendwann einmal werden daraus befruchtungsfähige Keimzellen entstehen, ist der Forscher von der Kyoto Universität überzeugt:

"Ich würde zwar nicht sagen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist – es ist immer noch schwierig – aber unsere Arbeit zeigt, dass wir jetzt wirklich Keimzellen aus menschlichen Stammzellen züchten können."

Beim Menschen ist es aber noch ein sehr langer Weg, bis befruchtungsfähige Keimzellen aus normalen Körperzellen gezüchtet werden können. Und ob daraus dann Kinder entstehen dürfen, ist äußerst fraglich: Es gibt Vorbehalte und Medizinethiker fordern schon jetzt, dass solche Versuche verboten werden sollen.

Julia Kaiser ist dennoch zuversichtlich, dass sie eines Tages doch noch Großmutter werden kann: "Also ich habe da ganz viel Hoffnung in die Forschung gesetzt und in unserem Verein sind auch viele Eltern, die quasi ihren Kindern die Hoffnung, oder wie soll ich sagen, die Aussichten auch später deutlicher mitteilen."

Möglichkeit einer Gebärmutter-Verpflanzung

Es gibt für trans- und intergeschlechtliche Menschen aber auch Wege zum leiblichen Kind, die näher liegen. Inzwischen ist es möglich, eine Gebärmutter von einer Frau auf eine andere zu verpflanzen. 16 Kinder weltweit sind auf diesem Weg bereits entstanden. Theoretisch könnten Gebärmütter auch trans-Frauen verpflanzt werden. Also Männern, die zu Frauen werden. Mit den eigenen Samenzellen und den Eizellen einer Spenderin oder der Partnerin könnten sie darin ein eigenes Kind austragen. Viele transgender-Frauen können sich vorstellen, auf diesem Weg Mutter zu werden, sagt Mari Günter von der Beratungsstelle "Queer leben" in Berlin:

"Ich glaube, dass die Transcommunity diese Entwicklungen genau beobachtet, zum Beispiel auch das Verpflanzen einer Gebärmutter, wie das ja in Schweden erfolgreich passiert ist und was da auf der Seite der Reproduktionsmedizin auch möglich ist. Und es wird gerade für Leute, die schon ihre eigene Fertilität aufgegeben haben, mussten, die gucken sich das sehr genau an und man freut sich, dass es da Möglichkeiten gibt."

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