Olympische Sommerspiele

    Die Tradition der nationalen Brille

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    Fahnen verschiedener Nationen wehen über der leeren Tribüne bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio.
    Auch die Nationalflaggen spielen bei den Olympischen Spielen eine Rolle im Wettstreit der Nationen. © picture alliance / dpa / Jan Woitas
    Diethelm Blecking im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 06.08.2021
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    Obwohl der Sport im Vordergrund stehen sollte, ist auch die Konkurrenz der Nationen bei Olympia nicht zu übersehen. Sporthistoriker Diethelm Blecking nennt dafür historische Gründe. Es hänge aber auch von den Sportlern ab, wie sie damit umgehen.
    Bei den Olympischen Spielen in Tokio spielt der Nationalismus eine auffallende Rolle. Das zeigt sich beim Einlauf der Nationen ebenso wie bei den Medaillenspiegeln. Oder wenn sich die Sieger nach Wettkämpfen die jeweilige Nationalflagge über die Schulter werfen.

    Konkurrenz der Nationen

    Wenig überrascht darüber zeigt sich der Sporthistoriker Diethelm Blecking. Er erinnert daran, dass der Wiederbegründer der Olympischen Spiele, der Franzose Pierre de Coubertin, nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 die Franzosen in der Konkurrenz wieder stark machen wollte. Es sei schon damals um die Konkurrenz mit anderen Nationen gegangen. "So sah Monsieur de Coubertin auch den Ersten Weltkrieg als Sieg der Olympischen Idee, besonders deswegen weil die Französen den Ersten Weltkrieg mitgewonnen hatten und Elsass-Lothringen zurückkehrte in den Schoß Frankreichs."

    Es sei also ein nationalistisches Programm mit internationalem und universalem Anspruch, sagt Blecking. "In diesem Spannungsverhältnis leben die Spiele und in diesem Spannungsverhältnis interessieren die Spiele auch die ganze Welt."

    Andere Art der Nation

    Ob die Nation der identitätsstiftende Faktor bei den Spielen sei, hänge immer von den jeweiligen Sportlern ab, sagt der Historiker. Es gebe sehr souveräne Persönlichkeiten wie den Sprinter Usain Bolt, die ein Programm jenseits der Nation entwickelten. Ganz anders sei beispielsweise der Tennisspieler Alexander Zverev, der nach seinem Olympiasieg im ersten Interview sagte, er habe ständig an Deutschland gedacht und nicht nur an seinen persönlichen Sieg.

    Wenn man sich die Spiele derzeit ansehe, müsse man den Begriff der Nation etwas differenzieren, so Blecking. Das Bild, das Deutschland darstelle mit Sportlern wie Zverev und der Leichtathletikerin Malaika Mihambo entspreche einer anderen Vorstellung von Nation als früher.
    Dennoch bleibe die Nation der Bezugsrahmen: "Die Nation finanziert auch die Reise nach Tokio", so Blecking. Deshalb sei es auch keine Überraschung, dass wir mit der nationalen Brille auf die 11.000 Sportler bei den Sommerspielen blicken, aber: "Es ist eine andere nationale Brille als die des Kaiserreichs."
    (gem)
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