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Im Gespräch | Beitrag vom 17.11.2020

Olympiasieger Matthias Steiner"Ich musste diesen Körper wieder verlassen"

Moderation: Marco Schreyl

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Der Gewichtheber Matthias Steiner jurbelt nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Peking. (Getty Images / Al Bello)
Früher Gewichte - heute Bienen - Matthias Steiner begann nach seiner Gewichtheberkarriere ein neues Leben. (Getty Images / Al Bello)

2008 trat der gebürtige Österreicher Matthias Steiner für Deutschland an. In Peking wurde der Gewichtheber Olympiasieger - trotz seiner Diabetes-Erkrankung. Jetzt hat er ein besonderes Brot auf den Markt gebracht und Gewichte sind nur noch ein Hobby.

105 statt 150 Kilogramm - wer sich noch an den pausbäckigen Schwerathleten von 2008 erinnert, wird Matthias Steiner heute kaum wiedererkennen. Er erscheint fast sportlicher als damals zu den Olympischen Spielen. Gewichte spielen für den 38-Jährigen kaum mehr eine Rolle, umso mehr seine Kartoffeln, seine fünf Bienenvölker, und natürlich sein neues Brot.

"Jeder Bauer würde über mich lachen"

Der Mann ist nebenbei Kleinbauer, bewirtschaftet 1500 Quadratmeter. "Jeder Bauer würde darüber lachen. Aber es reicht, um vieles anzubauen. Auch Obstbäume habe ich ganz viele."

Matthias Steiner während der ARD - Unterhaltungsshow Immer wieder Sonntags am 19.08.2018 im Europapark Rust.  (imago images / STAR-MEDIA)Matthias Steiner ist nach seiner Gewichtheberkarriere ins Brotgeschäft eingestiegen und kümmert sich nun um die Kohlehydrate im Teig. (imago images / STAR-MEDIA)

Im seinem Garten schwirren die Bienen umher. Aber hauptberuflich ist Matthias Steiner jetzt Unternehmer. Zusammen mit seiner Frau ist der Olympiasieger ins Brotgeschäft eingestiegen, auch seine Diabeteserkrankung war ein Antrieb dafür.

"Ich habe mich geärgert, dass es keine Produkte gibt, die schmecken wie normales Brot, die aber möglichst wenig Kohlehydrate haben. Weil: Ich bin Typ-1-Diabetiker."

So habe er sich auf die Suche nach einem Brot gemacht, dass schmeckt wie man es kennt, aber mit deutlich weniger Kohlehydraten.

"Ich habe glücklicherweise einen Bäckermeister gekannt, wo ich wusste, der experimentiert gern. Wir haben gemeinsam ein Brot auf die Strecke gebracht; das hat fast vier Jahre gedauert; das so schmeckt wie normales Brot, aber wirklich nur zwei Gramm Kohlenhydrate hat. Normales Brot hat 40."

"Mehr mit unserem Körper beschäftigen"

Überhaupt mache sich der ehemalige Leistungssportler und Diabetiker viele Gedanken darüber, wie und was wir essen. "Ich gehe auch bei uns in der Ortschaft ins Gasthaus zu meinem Schulfreund, esse ein Wiener Schnitzel. Das ist Genuss, das mag ich. Aber das esse ich nicht jeden Tag, auch nicht jeden zweiten, sondern alle zwei Wochen. Wir müssen uns wirklich viel mehr mit unserem Körper beschäftigen. Und ich glaube, die Corona-Zeit hat auch gezeigt, wie sehr wir uns mit unserem Körper beschäftigen müssen. Da will ich einen Beitrag dazu leisten."

Matthias Steiner im Kraftraum. (Marei Ahmia)Gewichte spielen für den 38-Jährigen kaum mehr eine Rolle. (Marei Ahmia)

Für den Gewichtheber Matthias Steiner war der Körper schon immer besonders wichtig, sein ganzes Kapital. Der musste funktionieren, möglichst viel Masse und Muskeln aufbauen. Um im Superschwergewicht konkurrenzfähig zu sein, nahm Matthias Steiner 45 Kilogramm zu, wog am Ende 150. Die Gewichtszunahme wäre schwerer gewesen, als hinterher die Kilos zu verlieren, erzählt Matthias Steiner. Zu den üppigen Portionen, "kam künstliche Ernährung, also Kohlehydrate mit Shakes, im Endeffekt flüssiger Zucker, hinzu. Das hat nichts mit Genuss zu tun, sondern das ist Arbeit".

Um besser trainieren zu können, wechselte der gebürtige Österreicher die Staatsbürgerschaft, wurde Deutscher. "Ich hatte nicht die nötige Förderung erhalten. Es gab nur Stress mit dem Gewichtheber-Verband. Das heißt, ich konnte auch nie wirklich besser werden, die letzten zehn Prozent haben gefehlt. Die habe ich in Deutschland tatsächlich erhalten", erzählt Matthias Steiner.

Und als alles auf einem guten Weg schien, verunglückte seine damalige Frau bei einem Verkehrsunfall. Sein Leben danach wäre "grenzwertig" gewesen, oft habe er keine Energie für den Sport gehabt.

"Ich musste immer um Anerkennung kämpfen"

"Ich kann wirklich Menschen verstehen, die nicht mehr weiterleben wollen. Du bist plötzlich in einer Situation, das geht leider sehr schnell, wo man lernen muss, damit umzugehen. Es war für mich vielleicht ein bisschen das Glück, dass ich, man nimmt heute das Wort 'resilient', dass ich sehr gut Dinge akzeptieren kann", sagt Matthias Steiner.

Das habe vielleicht auch mit seinem Vater zu tun. "Mein Vater hat mir nie die Aufmerksamkeit geschenkt, die ich wollte. Er war schon ein aufmerksamer Vater, auf eine andere Art und Weise. Ich musste immer um Anerkennung kämpfen. Ich glaube, das hat mir geholfen immer weiterzukommen."

Bei den Olympischen Spielen in Peking sorgt Matthias Steiner für unvergessene Bilder. Schnaufend betritt der Mann die Gewichtheber-Bühne, umkreist die Hantelstange, wie ein hungriger Wolf seine Beute. Mit einem Urschrei wuchtet er über 250 Kilo in die Höhe. Das ist der erste Platz. Während der Siegerehrung sorgt ausgerechnet der Gewichtheber für einen der emotionalsten Momente der Olympiageschichte. Matthias Steiner fließen Tränen über das Gesicht, am Hals hängt die Goldmedaille, er hält das Foto seiner verstorbenen Frau, es läuft die deutsche Hymne.

Matthias Steiner aus Deutschland feiert den Gewinn der Goldmedaille im Gruppengewichtheben der Männer über 105 kg, während er ein Foto seiner verstorbenen Frau Suzanne Steiner in der Sporthalle der Universität für Luft- und Raumfahrt Peking am Tag 11 der Olympischen Spiele 2008 in Peking am 19. August 2008 in Peking, China, hält. (Getty Images / Al Bello)Matthias Steiner gedenkt nach seinem Olympiasieg mit einem Foto seiner verstorbenen Frau. (Getty Images / Al Bello)

Während der Siegerehrung sorgt ausgerechnet der Gewichtheber für einen der emotionalsten Momente der Olympiageschichte. Matthias Steiner fließen Tränen über das Gesicht, am Hals hängt die Goldmedaille, er hält das Foto seiner verstorbenen Frau, es läuft die deutsche Hymne - ist diese für den geborenen Österreicher in diesem besonderen Moment vielleicht das falsche Lied?

"Das war nicht sonderlich schlimm. Eine Nationalhymne ist ja auch kein Lied, das man täglich hört, das ist ja kein Wiegenlied, das in dir fest verankert ist. Aber, ich habe dann schon drei Jahre zu dem Zeitpunkt in Deutschland gelebt, ich war so tief verankert und verwurzelt. Weil ich ja da genau diese Hilfe und diese Unterstützung bekommen habe. Das hat auch eine gewisse Dankbarkeit und auch Demut erzeugt."

"Ich habe mich als Leistungssportler älter gefühlt"

Seit 2010 ist Matthias Steiner wieder verheiratet, hat zwei Kinder.

2012 beendete er seine Karriere und verlor 45 Kilogramm Körpergewicht. Das allerdings sei ihm leicht gefallen, schon lange habe er das Gefühl gehabt: "Ich muss diesen Körper wieder verlassen."

Als Unternehmer, über zehn Jahre nach seinem Olympiasieg, fühle er sich jünger als 2008.

"Ich habe mich als Leistungssportler älter gefühlt, weil die Dauerbelastung da ist. Es sind auch immer Grundschmerzen da. Keine dramatischen, aber immer so leichte Entzündungsschmerzen, die einfach ungut sind. Die aber sind nun alle weg. Mir geht es gut"

(ful)

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