Olivier Guez: "Die Welt in ihren Händen"
© Kiepenheuer & Witsch
Porträt einer spröden Pionierin
05:47 Minuten

Olivier Guez
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Die Welt in ihren HändenKiepenheuer & Witsch, Köln 2026416 Seiten
25,00 Euro
Gertrude Bell war eine der einflussreichsten Frauen im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts: Sie wirkte entscheidend an der Staatenbildung im Nahen Osten mit. Ein neuer Roman zeigt sie als tatkräftige Diplomatin und Erforscherin unbekannter Regionen.
Gertrude Bell war ab 1886 eine der ersten Frauen, die am Oxford College studieren durften. Sie hatte kein Interesse an einem für ihre großbürgerliche Gesellschaftsschicht vorgezeichneten Lebensweg. Sie lernte Persisch, reiste nach Teheran - und hielt ihre Eindrücke in einem ersten Buch fest. Spätere Expeditionen führten sie als Archäologin nach Jerusalem, Damaskus oder Palmyra.
Mit dem Ersten Weltkrieg veränderte sich das Machtgefüge im Nahen Osten. Die Herrschaft der Osmanen wurde von Briten und Franzosen zurückgedrängt; auf der Pariser Friedenskonferenz 1918 wurde eine neue Ordnung implementiert. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse - auch des Arabischen - und ihrer Kontakte zur einheimischen Bevölkerung wurde Gertrude Bell zu einer maßgeblichen Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes, vor allem im damaligen Mesopotamien.
Als der Kampf ums Öl begann
Dass dieses „Zweistromland“ zwischen Euphrat und Tigris heute Irak heißt, hat man auch Gertrude Bell zu verdanken; sie verhalf König Faisal I. auf den Thron. Im Irak wurde Ende der 1920er-Jahre erstmals Erdöl gefördert, in Persien hatte man schon 20 Jahre früher damit begonnen. Der Kampf um den wertvollen Rohstoff, den sich die europäischen Kolonialmächte sichern wollten, hat hier seinen Ursprung.
All das erfahren wir in diesem facetten- und materialreichen Roman. Olivier Guez versucht, der vom imperialen Überlegenheitsgestus durchdrungenen Orientreisenden im privaten und politisch-diplomatischen Bereich so nahe wie möglich zu kommen. Wir sehen sie auf dem Rücken von Kamelen und bei nachmittäglichen Teestunden in Bagdad.
Wie schon in seinem Roman über Josef Mengele hat Guez auch hier enorm viel recherchiert: in zeitgenössischen Quellen, Biografien, in den Berichten Bells an die britische Regierung, in ihren literarischen Werken, den Reisebeschreibungen sowie in der umfangreichen Korrespondenz. Einer ihrer engsten Freunde war Thomas Edward Lawrence, der durch den Film „Lawrence von Arabien“ zu einer Legende wurde.
Strippenzieherin und humorlose Forscherin
Der französische Schriftsteller zeigt Gertrude Bell als geschickte Strippenzieherin, die sich in der von Männern dominierten Kolonialverwaltung durchsetzen musste. Aber auch als eine Frau, die sich den Zwängen ihrer Herkunft nur um den Preis des Verzichts auf Körperlichkeit entziehen konnte.
Weil dieses Buch ein Roman ist, kann sich Guez alle literarischen Freiheiten nehmen, gerade was das innige Ausmalen der Gefühlslage seiner Heldin anbetrifft. Er findet viele süffige Formulierungen, wenn er die unterdrückte Sinnlichkeit der nach außen hin so spröden und humorlosen „Queen of the desert“ skizziert.
Mitunter geht dabei seine Fantasie mit ihm durch. Aber er fängt jede ins Rührselige tendierende Szene durch den markanten Reportage-Gestus wieder ein, den er bei der atmosphärisch reichen Schilderung der politischen Ereignisse pflegt. Beide Stilebenen hat Nicola Denis in ihrer Übersetzung hervorragend getroffen.
Vom Imperialismus zur Selbstverwaltung
„Die Welt in ihren Händen“ ist das üppig ausgeschmückte Porträt einer keineswegs besonders sympathischen Pionierin, die die Transition von der Epoche des Imperialismus zur Selbstverwaltung aktiv begleitet hat. Wie fehlgeleitet dieser von Briten und Franzosen geprägte Übergang an vielen Stellen war, spüren wir bis heute an den Brandherden im Nahen Osten, in Israel, Palästina, im Irak und rund um den Persischen Golf.
Im französischen Original heißt der Roman „Mesopotamia“. Der deutsche Titel „Die Welt in ihren Händen“ verschiebt den Fokus hin auf das Frauenporträt. Dabei ist es gerade die Balance zwischen Bells Porträt und dem politischen Zeitpanorama, was diesen Roman so erhellend und anschaulich macht.











