Olivia Manning: Freunde und Helden

Liebesdrama und Weltgeschichte

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Buchcover Olivia Manning: Freunde und Helden
© Rowohlt Verlag

Olivia Manning

Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus

Freunde und HeldenRowohlt, Hamburg 2021

512 Seiten

24 Euro

Von Hans von Trotha · 25.11.2021
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Im letzten Band der Balkan-Trilogie fliehen Harriet und Guy Pringle aus Rumänien vor der Wehrmacht. Sie landen in Athen, wo sich die britische Community in einem angsterfüllten, hektischen Leerlauf befindet angesichts der Kriegsereignisse.
2020 ging in Person der britischen Autorin Olivia Manning (1908 - 1980) ein hierzulande bis dahin unbekannter Stern am Himmel der Romanliteratur auf: Der erste Band ihrer autobiografisch grundierten Balkan-Trilogie – Der größte Reichtumerschien in einer Neuübersetzung. Um 1960 geschrieben, spielen die drei Bücher um 1940, erst in Bukarest, dann in Athen.
Der junge Guy Pringle wird vom British Council als Dozent nach Bukarest geschickt, was sich für ihn und seine Frau Harriett als  großes Abenteuer erweisen wird. Das mutet an wie eine gelungene Netflixserie avant la lettre: Ein kleiner Kreis sorgfältig ausgearbeiteter Charaktere agiert vor der Kulisse eines sich ausbreitenden geheimnisvollen Krieges.
Weltgeschichte und Liebesdrama, auf den Punkt gebracht, um konzentrierte Dialoge angereichert, in großen, farbigen Bildern sinnlich satt und klug erzählt – und dann ein Cliffhanger: Die Pringles müssen vor dem Krieg und vor der Wehrmacht aus Rumänien fliehen.

Die Lage bleibt stabil prekär

Freunde und Helden ist der letzte Band der Trilogie überschrieben. Das verweist auf zwei Kategorien von Menschen, die sich in Notzeiten, im Krieg zum Beispiel, oft als genau das nicht erweisen. Die Pringles, mit ihnen eine stattliche Zahl des Bukarester Nebenpersonals, sind nun in Athen gestrandet.
Viel zu tun gibt es für sie nicht, und doch sind sie irgendwie immer beschäftigt. Die Jahreszeiten wechseln, mit ihnen das Kriegsglück. Die Lage bleibt unübersichtlich, dabei stabil prekär.

Angsterfüllter Leerlauf

Erzählerisch geschickt lässt Manning alte Bukarester Geschichten in der Athener Gegenwart wieder aufflammen, dabei Karl Marx´ Diktum folgend, dass sich Geschichte zweimal ereignet, erst als Tragödie, dann als Farce. So holt Guy Pringle, den Realitätsflüchtling und „Lebensverschwender“, der in Athen nur noch eine Nummernrevue inszenieren darf, das fulminante Endspiel des ersten Bandes wieder ein: eine Spiegelung der aktuellen Lage in einer großen Shakespeare-Inszenierung.
Aber auch der windige Prinz Jakimov mit seinem fadenscheinigen Fellmantel und der von den Pringles zeitweise versteckte jüdische Bankierssohn Sascha Drucker haben ihre Wiederauftritte und -abgänge. „Sind wir nicht alle verloren?“ – Die Frage wird einmal ausgesprochen, stellt sich aber angesichts des angsterfüllten, stets getriebenen, deshalb hektischen Leerlaufs der britischen Community in Athen auf jeder erzählten Romanseite.

Roman-Marathon verliert an Komplexität

Im ersten Band ihrer Trilogie hat Olivia Manning vor einer faszinierenden historischen Kulisse Charaktere entworfen, die in der Apokalypse des Ersten Weltkriegs Traumata erlitten, die sie für einen sich so bald schon wiederholenden Untergang nicht imprägniert haben.
Dieser Auftakt war mit Der größte Reichtum überschreiben. Als der erwies sich das Leben selbst. Am Ende der Trilogie haben Harriett und Guy sonst nichts mehr: „Trotzdem hatten sie noch das Leben – einen dezimierten Reichtum, aber einen Reichtum.“ 
Wie viele Serien verliert auch Mannings Roman-Marathon auf der Strecke an Komplexität, nie aber an Spannung, Lebensklugheit, erzählerischer Kraft, Lebendigkeit und Weisheit.