Olivenöl und frische Milch

Blick auf Castel Gandolfo © picture alliance / dpa - Udo Bernhart
Von Thomas Migge · 18.05.2013
Frische Luft und Sonne - was ganz normalen Menschen gut tut, ist auch für einen Papst nicht schlecht. Die Sommerresidenz in Castel Gandolfo in den Albaner Bergen, nicht weit von Rom, bietet dafür gute Voraussetzungen. Selbst einen Bauernhof gibt es dort, seit über 80 Jahren.
Stolz erhebt sich das braunscheckige Huhn und kommt direkt auf den Besucher zu. Freundlich sieht es nicht aus, sondern kampfeslustig.

Dann kommen auch andere Hühner angelaufen. Von Angst seitens der Tiere keine Spur. Im Gegenteil: Es ist besser sich zurückzuziehen und die Hühner in Ruhe zu lassen. Die Hühner leben, wie diese Tiere eigentlich immer leben sollten: unter freiem Himmel, mit Schatten spendenden Bäumen, was Hühner an heißen Tagen besonders mögen, mit offen Hütten, wo sie sich unterstellen können, mit staubigem Boden, den sie für ihre Pflege benötigen, und mit einem Hühnerstall, der im eleganten Stil des Renaissancebaumeister Andrea Palladio errichtet wurde. Es sind die Hühner des Heiligen Vaters – und die leben nicht nur hühnergerecht, sondern wie im Paradies, meint die römische Kirchenhistorikerin und Vatikankennerin Alda Bonmassar:

"Im Garten des Bauernhofs leben zirka 300 Hühner, die pro Tag rund 200 Eier legen. Ein Hund bewacht die Hühner und passt auf, dass keine wilden Tiere über sie herfallen."

In der Regel werden alle paar Tage einige frische Eier in den Papstpalast im Vatikan geliefert. Jetzt verlassen jeden Morgen zwei Eierlieferungen den Hühnerstall: Eine für den neuen Papst und eine für den emeritierten Papst, der seit kurzem wieder im Vatikan lebt – in einem ehemaligen Kloster in den vatikanischen Gärten. Der päpstliche Hühnerstall ist nur einen kurzen Fußweg von der päpstlichen Sommerresidenz entfernt. Aber es gibt nicht nur Hühner aus diesem Biobauernhof wie aus dem Bilderbuch. Alda Bonmassar:

"Zwischen den Bäumen des Olivenhains grasen friesische Kühe. Diese 25 Kühe sind in einem modernen Kuhstall untergebracht, in einem sauberen und freundlichen Ambiente. Sie geben ausgezeichnete Milch. Jede Kuh produziert zirka 50 Liter am Tag. Normalerweise geben Kühe nur 30 Liter."

Was beweist, dass es den päpstlichen Kühen so richtig gut geht. Das gilt auch für die päpstlichen Esel, die zum Bauernhof gehören.

Nur wenige Pilger und andere Gläubige, die Castel Gandolfo besuchen, hoch über dem Albaner See, eine gute Autostunde von Rom entfernt, wissen, dass sich hinter den hohen Mauern der Papstresidenz nicht nur eine Villa verbirgt, errichtet auf antiken Ruinen, sondern auch ein Bauernhof: der Bauernhof der Päpste. Er existiert seit zirka 80 Jahren. Damals entschied sich Papst Pius XI. zur auch landwirtschaftlichen Nutzung des riesigen Parks seiner Sommerresidenz. Die Historikerin Alda Bonmassar:

"Das ist ein Himmelreich auf Erden, aus dem hervorragende Produkte stammen. Die Gebäude des Bauernhofs, zu dem auch einen Rosengarten und ein Olivenhain gehört, wirken altertümlich, doch hier kommen modernste Technologien zum Einsatz. Das ist alles sehr beispielhaft. In einem Teil des Bauernhofs ist eine milchverarbeitende Anlage untergebracht, in der die Milch auf 75 Grad erhitzt wird und so ihre Qualität bewahrt."

Zum Bauernhof der Päpste gehört natürlich auch ein Obstgarten, mit Pfirsich- und Pflaumenbäumen. Auch das Obst aus Castel Gandolfo wird, wenn der Papst nicht in seiner Sommerresidenz weilt, nach Rom in den Kirchenstaat gebracht. Selbst der Honig auf dem päpstlichen Frühstückstisch stammt aus Castel Gandolfo. Neben Bienen, Hühnern, Schweinen und Kühen gab es vor Jahren auch Wildschweine - die aber nur Probleme machten. Alda Bonmassar:

"Es gab auf dem Bauernhof auch mal Wildschweine. Sie waren ein Geschenk von Don Zeno, der die katholische Laiengemeinschaft Nomadelfia gegründet hatte, für Paul VI. Diese Tiere sorgten für großes Durcheinander."

Schließlich wurden sie geschlachtet und verzehrt. Ob auch vom Papst, ist unbekannt. Jeder Papst hatte seine ganz besondere Beziehung zu seinem Bauernhof. Am Ende des Zweiten Weltkriegs brachte Papst Pius XII. rund 12.000 Personen in seiner Sommerresidenz unter, Menschen aus Castel Gandolfo und Umgebung, deren Häuser durch Bombeneinschläge zerstört worden waren. Der Papst gestattete ihnen, sich im Obstgarten und auf den Gemüsebeeten des Bauernhofs zu bedienen.

Die Angestellten der päpstlichen Sommerresidenz sorgten dafür, dass vor allem Mütter mit kleinen Kindern frische Milch und andere selbstproduzierte Lebensmitteln erhielten. Johannes XXIII. liebte es lange Spaziergänge nicht nur im Park sondern auch auf dem Bauernhof zu machen. Am liebsten war er dabei ganz allein. Paul VI. hatte eine ganz besondere Beziehung zum Obstgarten. Er ließ es sich nicht nehmen, so wird berichtet, bei seinen Spaziergängen selbst das Obst von den Bäumen zu pflücken, das er später in seiner Villa verzehren wollte.

Damit das reife Obst der Päpste nicht von fliegenden Räubern gestohlen wird, weiß Vatikankennerin Alda Bonmassar, hat man auf dem Bauernhof besondere Vorkehrungen getroffen:

"Zwei Bussarde überwachen ständig den Luftraum über dem Bauernhof und passen auf, dass der Obstgarten nicht ständig von hungrigen Raben angegriffen wird."

Der Papst aus Polen unterhielt sich bei seinen Spaziergängen gern mit den Angestellten des Bauernhofs, ließ sich alles erklären und gab auch Ratschläge – in Erinnerung an das, was er in Polen von Bauern gelernt hatte. Wie es heißt, liebt Joseph Ratzinger ganz besonders das auf dem Bauernhof produzierte reine Olivenöl. Papa Ratzinger besuchte bei seinen Spaziergängen, zusammen mit seinem Privatsekretär Georg Gänswein, immer wieder auch seinen Bauernhof. Eine Angewohnheit, die Ratzinger auch als Ex-Papst beibehielt – als er nach seiner Abdankung eine Zeit lang die Sommerresidenz bewohnte.

Übrigens kann man die landwirtschaftlichen Produkte vom päpstlichen Bauernhof auch käuflich erwerben: und zwar im Vatikan-Supermarkt. Doch dafür muß man entweder Vatikanbürger oder Vatikanangestellter sein - oder eben so jemanden kennen.
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