Buchkritik 10.12.2019

Olga Tokarczuk: "Die verlorene Seele"Die Farbe kommt, wenn die Seele zurückkehrtVon Stephanie von Oppen

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Jan hat seine Seele verloren. Also rät die Ärztin ihm, mit dem Arbeiten aufzuhören und auf die Rückkehr seiner Seele zu warten. Mit dem Kinderbuch "Die verlorene Seele" ist Olga Tokarczuk ein wunderbares Märchen über Depression gelungen.

Die mythen- und märchenhafte Erzählweise von Olga Tokarczuk kennen wir aus ihren Erwachsenenromanen: Das Kinderbuch  "Die verlorene Seele" beginnt wie viele Märchen mit "…es war einmal" . Es erzählt die Geschichte von Jan, davon, wie er seine Seele verliert und wiederfindet. Traurig schön. Denn dieses Bilderbuch behandelt ein ernstes Thema: Depression. Und weil die Krankheit weltweit auf dem Vormarsch ist und so auch immer mehr Kinder mit ihr in Kontakt kommen, ist das gut und wichtig.

Denn Olga Tokarczuk zeigt, dass man auch raus kommen kann aus so einer ernsten Erkrankung. Dass es aber Zeit braucht und Verständnis. 

Jan nimmt seine Umgebung nur noch oberflächlich wahr

Es ist die Geschichte von Jan. Tagaus, tagein arbeitet er, schnell und effizient, ganz so, wie die Leistungsgesellschaft es von ihm erwartet. Doch immer öfters befällt ihn ein merkwürdiges Gefühl, so als nehme er seine Umgebung nur noch oberflächlich wahr. Als wäre er nicht wirklich da.

Und eines Tages passiert es dann: er verliert sich selbst; weiß nicht mehr, wer er eigentlich ist. Doch seine Ärztin weiß Rat und erkennt, Jan hat seine Seele verloren. Sie rät ihm, mit dem Arbeiten aufzuhören, sich hinzusetzen und auf die Rückkehr seiner Seele zu warten, bis sie ihn wiedergefunden hat. Und das kann dauern.

Jan also wartet, lange. Doch eines Tages steht sie vor ihm, völlig zerzaust und atemlos in Gestalt eines Kindes. Und die beiden freunden sich an. 

Berührend schön ist dieses Märchen von Olga Tokarczuk. Sie erinnert schon ihre kleinen Leserinnen und Leser daran, auf sich acht zu geben. Und sie zeigt zugleich: Eine Depression kann jeden treffen. Da merkt man nicht nur, dass Olga Tokarczuk eine große Erzählerin ist, sondern dass sie als Psychologin weiß, wovon sie spricht.

"Die Seelen wissen, dass sie ihre Menschen verloren haben, die Menschen aber bemerken oft nicht einmal, dass ihnen die eigene Seele abhandengekommen ist", heißt es da.

Bilder öffnen traumgleich den Blick in Jans Seele

Und so sachte wie der Text, den Lothar Quinkenstein mit viel Gespür ins Deutsche übersetzt hat, kommen die Bilder von Joanna Concejos daher. Traumgleich öffnen sie den Blick in Jans Seele, in seine Phantasie und seine Erinnerungen. Die Bilder sind, solange Jan seine Seele noch nicht wieder gefunden hat, schlicht in schwarz-weiß-grau gehalten. Da sieht man etwa eine Winterlandschaft, in der Menschen spazieren gehen, Schlitten fahren, Spuren im Schnee hinterlassen.

Oder man sieht triste Kneipenszenen, eine einsame Bank am Wegesrand oder ein Kind in der nächtlichen Großstadt allein auf der Straße. Sie alle ziehen an Jan vorbei, während er auf die Rückkehr seiner Seele wartet. Genauso wie die Bilder von tanzende Paaren oder die von Kindern am Strand.

Ein nachdenkliches, stilles, schönes Buch

Erst als Jan seine Seele wieder hat und langsam zum Leben zurück kehrt, kommt auch Farbe in die Zeichnungen. Die grauen Landschaften werden bunt. In Haus und Garten wuchern grüne Pflanzen mit knallorangen Blüten. Das wirkt mitunter surreal – etwa wenn da plötzlich ein Hirsch auf einem Stuhl im Wohnzimmer steht oder ein Hase auf dem Tisch sitzt. Das hat viel von Vergangenheit, von Erinnerung und zeigt: Der menschliche Geist ist immer in Bewegung.

Ein nachdenkliches, stilles und schönes Buch haben die beiden Frauen da geschaffen, ein Buch das vor allem zum Vorlesen und gemeinsamen  Anschauen geeignet ist. Nicht umsonst hat "Die verlorene Seele" schon jetzt zahlreiche Preise erhalten u.a. den Bologna Ragazzi Award.

Olga Tokarczuk: "Die verlorene Seele"
Mit Illustrationen von Joanna Concejo
Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
Kampa Verlag Zürich 2019
48 Seiten, 22 Euro

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