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Buchkritik | Beitrag vom 29.10.2019

Olga Tokarczuk: "Die Jakobsbücher"Von einem, der auszog, die Juden zu bekehren

Von Sabine Adler

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Buchcover zu "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk. Zu sehen sind drei alte Schlüssel. (Kampa Verlag)
Ein Buch, von dem man lange was hat: "Die Jakobsbücher" sind über 1100 Seiten stark. (Kampa Verlag)

Kurz vor der Verkündung des Literaturnobelpreises für Olga Tokarczuk ist ihr Opus magnum "Die Jakobsbücher" auf Deutsch erschienen. Darin erzählt sie die Geschichte eines selbsternannten Messias des 18. Jahrhunderts. Ein fulminanter Roman.

Eine Punktlandung schafften "Die Jakobsbücher" mit ihrer deutschen Ausgabe. Als das Literaturnobelpreiskomitee Olga Tokarczuk rückwirkend für das Jahr 2018 prämierte, kam der 1200 Seiten starke historische Roman gerade druckfrisch in die Buchläden, dank Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein, die zusammen mit der Übersetzung anfingen lange bevor ein deutschsprachiger Verlag gefunden war. Sie erledigten die Fleißarbeit exzellent. Ein Risiko, das wussten sie, gingen sie nicht ein.

Der phantasiebegabten, fabulierfreudigen polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk ist die Lust an der Erschaffung einer neuen alten Welt zu Zeiten der polnisch-litauischen Adelsrepublik in jeder Zeile anzumerken. Viele Jahre vertiefte sie sich in antiquarische Bücher aus der Zeit um 1800. Sie schont den Leser nicht, wenn sie ihn mit ins Gewusel einer Vielzahl von Protagonisten nimmt, die sich auf unzähligen farbenfreudig ausgeschmückten Schauplätzen tummeln. Alle sind ständig in Bewegung, um sie herum dampft und müffelt, kreischt und keucht es, wenn Olga Tokarczuk die reale Figur des Jakob Frank aus dem 18. Jahrhundert auferstehen lässt. Er heißt eigentlich Ja’akow Josef ben Jehuda Lejb, bevor er ein Menschenfänger, Charismatiker, Schlitzohr, Heuchler, Scharlatan wird. Er versteht sich selbst als ein Messias in der Tradition der Kabbalisten und Sabbatianer, der die Juden erlösen möchte.

Überschreiten von Grenzen

Bevor er sie in eine bessere Zukunft führen kann, entflieht er zunächst seinem Schtetl mit den strengen Regeln von Talmud wie Tora und der dort herrschenden grassierenden Armut. Er geht ins angrenzende Osmanische Reich, nennt sich Jakob Frank. Später versetzt er Europa in Aufruhr, als er tausende osteuropäische Juden in seiner Frankisten-Bewegung vereinigt und sie zum massenweisen Übertritt zum Katholizismus anstiftet.

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk nimmt an der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse am 15. Oktober 2019 in Frankfurt am Main teil. (Getty Images / Thomas Lohnes) Olga Tokarczuk. (Getty Images / Thomas Lohnes)

Immerzu überschreitet er Grenzen – von Ländern und Religionen. Er bringt alle Welt gegen sich auf, verrät seine ehemaligen jüdischen Glaubensbrüder, setzt die Lüge vom jüdischen Ritualmord in die Welt, wird gehasst, aber auch unterstützt – zum Beispiel von der katholischen Kirche, die damit das Judentum zu schwächen und neue Gläubige zu gewinnen hofft. Als herauskommt, dass der selbst vom König hofierte Jakob Frank es nicht auf den katholischen Glauben, sondern auf die Erweiterung der eigenen Macht abgesehen hat, wird er fallengelassen und eingesperrt, bekommt Asyl in Offenbach, wo er stirbt.

Eine Autorin, die sich einmischt

Tokarczuk zeichnet die bislang in Polen verklärte Epoche als Zeit großer sozialer Konflikte im einst multiethnischen multireligiösen Polen nach. Die in Schlesien geborene Erfolgsautorin räumt dem Judentum großen Platz ein, auch weil unter der nationalistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit Polen zunehmend als rein katholisches Land dargestellt wird, weil sich Ansichten und Handlungsspielräume derzeit dramatisch verengen.

Die 57-jährige studierte Psychologin erzählt fulminant, mit großer Zuneigung zu ihren Figuren, die als interessante und lebendige Charaktere entstehen. So gern sie sich zum Schreiben in ihr Haus in den Bergen zurückzieht, so wenig sitzt sie im Elfenbeinturm, sondern mischt sich – bestimmt und nachdenklich in der Sache und stets freundlich im Ton – in aktuelle Debatten ein. "Die Jakobsbücher" setzt sie denen entgegen, die ein eindimensionales Geschichtsbild von ihrem Heimatland vermitteln wollen, die Polen vor allem als Helden beziehungsweise Opfer sehen. Die Literaturnobelpreisträgerin bringt Licht in die dunkleren Seiten und vermutlich nicht zum letzten Mal.

Olga Tokarczuk: "Die Jakobsbücher"
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
Kampa Verlag, Zürich 2019
1184 Seiten, 42 Euro

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