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Fazit | Beitrag vom 10.10.2019

Olga Grjasnowa über das Attentat in Halle"Wir werden uns an solche Attentate gewöhnen müssen"

Moderation: Sigrid Brinkmann

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Ein Pappkarton mit der Aufschrift «Wir stehen mit euch nie wieder Judenhass in Deutschland!», Blumen und Kerzen sind vor einer Synagoge abgelegt.  (dpa/picture alliance/Gregor Bauernfeind)
Solidaritätsbekundungen wie das öffentliche Tragen eines Davidsterns oder einer Kippa findet die Schriftstellerin Olga Grjasnowa albern, stattdessen müsse über Rassismus und Antisemitismus gesprochen werden. (dpa/picture alliance/Gregor Bauernfeind)

Für die einen kam der rechtsterroristische Anschlag in Halle überraschend, für die anderen, wie die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, gab es bereits etliche Vorläufer: Die NSU-Morde, der Mord an Walter Lübcke und die Veränderung unserer Sprache.

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Halle, der eigentlich der dortigen jüdischen Gemeinde gegolten hatte, sitzt das Entsetzen tief. Eine Diskussion über Antisemitismus und die richtigen Schritten dagegen ist entbrannt.

Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa hebt im Deutschlandfunk Kultur vor allem die Wichtigkeit der Sprache und deren Veränderung in den letzten Jahren hervor, wie also mittlerweile über Minderheiten geredet wird.

Die Tat kommt nicht überraschend

Für sie kommt die Tat jedenfalls nicht überraschend. Der Terroranschlag von Halle sei erst der Anfang, prophezeit sie: "Wir werden uns an solche Attentate gewöhnen müssen." Als Vorläufer dieses Anschlags macht sie neben der Verschiebung der Sagbarkeit die NSU-Morde und den Mord an Walter Lübcke aus.

Da der Täter sich offenbar in rechten Online-Netzwerken radikalisiert hat, schlägt Grjasnowa vor, gegen diese Netzwerke vorzugehen: "Der Attentäter hat sich zielgerichtet an ein Netzwerk gewandt, gegen dieses kann man mit Sicherheit etwas unternehmen."

Gegen Netzwerke vorgehen

Es sei zwar immer von Einzeltätern die Rede, was aber doch eher unwahrscheinlich sei. "Der Attentäter von Halle muss ein Unterstützernetzwerk gehabt haben." Mittlerweile werde zwar mehr über eine Zunahme rassistischer Gewalt in Deutschland berichtet, diese Gewalt werde aber weiter klein geredet, so Grjasnowa.

Es müsse aber auch gegen rechtsextremistische Strukturen in der Polizei – wir erinnern uns an Berichte über Frankfurter Polizisten, die eine NSU-Nebenklageanwältin bedroht haben – und in der Bundeswehr – hier sei nur an das Netzwerk Hannibal erinnert – vorgegangen werden.

Natürlich sei es wahnsinnig schwer, die einzelnen Täter aus der Masse herauszufiltern, aber dafür gebe es schließlich den Geheimdienst, so Grjasnowa.

Sprache auf den Prüfstand stellen

Solidaritätsbekundungen wie das öffentliche Tragen eines Davidsterns oder einer Kippa findet sie jedenfalls albern.

"Was uns aber sehr gut tun würde, wäre tatsächlich über Rassismus und Antisemitismus zu sprechen, über die Strukturen, die dazu führen, über die Sprache. Welche Vokabeln benutzen wir, welche nicht - und wie reden wir über Menschen? Wie erschaffen wir eine Minderheit, markieren sie als solche und schließen sie aus? Alleine wenn man immer jemanden als den Juden oder die Juden, die Muslime, die anderen bezeichnet... da fängt das schon an."

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