Old Erwins Jüngster: Eine deutsche Fußballlegende

Von Ulf Dammann · 30.06.2006
Uwe Seeler und der noble HSV - untrennbar! 1936 wurde Uwe als drittes Kind von Anni und Erwin Seeler im gutbürgerlichen Hamburger Stadtteil Eppendorf geboren. Sein Vater Erwin nahm 1931 an der Arbeiterolympiade teil und schoss gegen Ungarn sieben Tore. Mit acht Jahren wurde Uwe Seeler HSV-Mitglied - und später eine deutsche Fußballlegende.
Atmo: Scheibe klirrt

Sprecherin: " Uweee, wars’ du das? "

Es war Uwe, gerade mal sechs Jahre alt. "Natürlich wieder der kleine Seeler!" schimpft eine Frau aus dem Fenster. "Man sollte die Polizei holen!" Schnell kommt Mutter Seeler runter und beschützt ihren Kleinsten. Unten auf der Straße. Wieder oben in der Wohnung aber setzt es eine Tracht Prügel mit dem Kochlöffel.

Mit einem echten Lederball – mitten im Krieg eine Seltenheit - hat der kleine, hellblonde Junge die Fensterscheibe in der Parterrewohnung zerdeppert. Tatort: das Haus Nummer 16 im Schnelsener Weg. Wenn Uwe schießt, dann trifft er auch. Am nächsten Tag schon wieder. Glasermeister Guhl hat gut zu tun.

Heute heißt der Schnelsener Weg Winzeldorfer Weg - eine ruhige Wohnstraße im Hamburger Stadtteil Eppendorf: schmal und kurz zwischen dem Lokstedter Weg und der Frickstraße gelegen, nur wenige hundert Meter von der berühmten Universitätsklinik entfernt. Früher galt Eppendorf als vornehmer Hamburger Stadtteil, doch das war er nur im Süden, wo Kaufleute, Ärzte, Juristen lebten. Peter Niemeyer vom Eppendorfer Bürgerverein von 1875:

"Der Nordteil Eppendorfs, also das Gebiet nördlich vom Eppendorfer Marktplatz und beiderseits der Tarpenbekstraße, ist wohngebietsmäßig aufgesiedelt worden in den 90er Jahren und um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhunderts und zwar überwiegend für die Arbeiterbevölkerung. Das sind überwiegend kleine Wohnungen, heute durchaus komfortabel ausgestattet und durchaus auch jetzt von wohlhabenden Eppendorfern bewohnt, aber ursprünglich konzipiert für kinderreiche Arbeiterfamilien. Und in diesem Bereich hat eben eine Bevölkerung gewohnt, die weitgehend zur kommunistischen Partei, also ursprünglich unabhängige SPD, gehört hatte."

Dort wo der Schnelsener Weg in die Frickestraße mündete, dort also wo Familie Seeler wohnte, war eine soziale Bruchstelle.

Niemeyer: "Das letzte Stück Frickestraße, das Nord-Viertel, ist Backsteinbau, das ist sehr viel später gebaut worden. Und da kann man nicht generell sagen, dass die Bevölkerung, die dort hingezogen ist, noch eine echte Arbeiterbevölkerung gewesen ist. Also da mögen durchaus Kleingewerbetreibende, Beamte hingezogen sein."

Die Backsteinhäuser stehen heute noch und sehen von außen kaum verändert aus. Die Häuser im Winzeldorfer Weg, dem ehemaligen Schnelser Weg, sind schön renoviert, Balkons bepflanzt und begrünt, die Straße voll geparkt mit Mittelklasse- und Kleinwagen. Eine gute Wohngegend.

Am Nordrand Eppendorfs, im Schnelsener Weg Nummer 16, wurde am 5. November 1936 Uwe Seeler geboren – eine Hausgeburt.

Erwin Seeler: "Ja, ich weiß das noch genau: Ich bin morgens um halb sechs zum Hafen gegangen, weil ich im Hafen beschäftigt war, in der Schifffahrt. Und dass Muttern morgens noch den Waschtrog auf dem Herd hatte, ich ihn noch runtergeholt hatte. Und Uwe wurde dann am Vormittag geboren. Nun, ich war im Hafen, ich krieg das erst abends zu erfahren. Das ist so seinen Weg gegangen. Das war natürlich alles gut gelungen und es war alles gut rund. Die Kinder sind ja alle im Haus geboren. Und dann ist es so seinen Weg gegangen."

"Vadder Erwin" Seeler. Ein Mann aus dem Hafen. Groß geworden in Rothenburgsort, einem klassischen Hamburger Arbeiterviertel. Erwin Seeler war ein großartiger Fußballer, 16 Jahre lang spielte er für Rothenburgsort 96 und SC Lorbeer 06, Vereine der Arbeitersportbewegung. Seeler war damals ein brandgefährlicher Stürmer, der Tore am Fließband schoss, bei der Arbeiterolympiade 1931 im Spiel Deutschland gegen Ungarn waren es allein sieben. Dirk Mansen, Leiter des HSV-Museums, über Erwin Seeler:

"Er kam aus dem Arbeitersport, hat im Hafen gearbeitet, und das hat er auch nach außen gelebt. Er war der Kumpeltyp, nachher der Vatertyp, als Spieler der älteren Spielergeneration nach dem 2. Weltkrieg. Er hat halt die Mannschaft geführt, er war die Vertrauensperson und war auch brillanter Spieler."

Da spielte Erwin Seeler allerdings schon für den Hamburger Sportverein, einen bürgerlichen Club, der dem Deutschen Fußball-Bund angehörte. Als Erwin Seeler 1932 den SC Lorbeer 06 verließ und sich zunächst Victoria Hamburg in Eppendorf anschloss, gab es in der Hamburger Arbeiterbewegung helle Empörung. "Ein verirrter Proletarier" sei er, der sich an das Kapital verkauft habe. Es wurde gemunkelt, Seeler sei eine Wohnung in Eppendorf gestellt worden, und Geld sei – verbotenerweise – auch geflossen.

Der Umzug nach Eppendorf in den Schnelsener Weg bedeutete für die Seelers in der Tat einen sozialen Aufstieg. Auch wenn die neue Wohnung nicht im vornehmen Süden des Stadtteils lag. Zwei Jahre später wechselte Erwin Seeler schon wieder den Verein. Der große HSV von der Rothenbaumchaussee hatte ihn bereits Ende der 20er Jahre umworben. Erwin Seeler verbesserte sich ein zweites Mal. In die Rothenbaumchaussee zog die Familie allerdings erst Jahre nach Kriegsende.

Nicht weit vom Wohnhaus der Seelers entfernt, in der Tarpenbekstraße 66, wohnte der Führer der deutschen Kommunisten, Ernst Thälmann. In dem Haus befindet sich seit vielen Jahren die Thälmann-Gedenkstätte.

Scheer: "Hier hat er etliche Jahre mit seiner Familie gewohnt. Bis '33, da ist er ja in Berlin verhaftet worden, auf dieser ZK-Tagung im März. Seine Familie hat hier, soweit ich informiert bin, noch bis '44 gelebt. Sind auch verhaftet worden, seine Frau und seine Tochter. Also bis '44 hat die Familie hier noch gelebt."

Uwe Scheer, Leiter der Gedenkstätte. Früher, erzählt er, da seien Zehntausende von Besuchern in die Gedenkstätte gekommen, westdeutsche Kommunisten ebenso wie Delegationen aus den sozialistischen Ländern. Seit der Wende kommt kaum noch jemand, meist nur noch zu Veranstaltungen. Staatliche Zuschüsse bekommt die Gedenkstätte auch nicht, dabei sei sie doch auch ein wichtiges Archiv der Arbeiterbewegung.

Scheer: "Wir sind wahrscheinlich die größte sozialdemokratische Bibliothek und Sammlung. Wir haben den Herrn Vorscherau, unseren früheren Bürgermeister, als Notar. Wir kamen einmal ins Gespräch über Archive hier in Hamburg. Die Sozialdemokraten haben ihr Archiv aufgegeben, es ist irgendwie verstreut. Also wir haben aber seit 1800, also seit der 48er-Revolution, Originalschriften. Wir haben drüben, nebenan im Archiv, Bibliothek und eben auch reihenweise die sozialdemokratische Geschichte bis 1914 vorliegen."

Ernst Thälmann ist, was immer man von seiner politischen Arbeit halten mag, ein bedeutender Eppendorfer. Sagt auch Peter Niemeyer vom Bürgerverein:

"Wir erinnern eben auch durch den Ernst-Thälmann-Platz an diesen Mann. Das, was man ihm eben auch positiv bescheinigen muss, er hat sich aus Überzeugung und vehement gegen den Nationalsozialismus aktiv eingesetzt und hat dafür auch sein Leben geopfert und ist in soweit einer der Martyrer im Kampf für die Freiheit."

Da wir gerade bei berühmten Eppendorfern sind: Auch Wolfgang Borchert, der bedeutende deutsche Schriftsteller, wurde hier geboren.

Niemeyer: "Er ist ja wohl als kranker Mann aus dem Felde zurückgekehrt und hat eben gleich angefangen doch den Krieg zu geißeln. Wir haben auch eine kleine Gedenkstätte in der Kleinen und der Haupt-Eppendorfer Landstraße, die Mutter. Und dort steht das, was Wolfgang Borchert dann geschrieben hat: Wenn wieder zum Krieg gerufen wird, sagt nein, Mütter."

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Sprecherin: " Uweee, wars’ du das? "

Zurück zur Familie Seeler, die, so weit es sich beurteilen lässt, ein unpolitisches Leben führt. Die Seelers haben drei Kinder: Dieter, vier Jahre älter als Uwe, auch Fußballer, Gertrud, die alle Purzel nennen, und den "Lütten", Uwe. Der erinnert sich:

Seeler: "Ich hatte ein Elternhaus, wie man es sich besser nicht wünschen kann. Meine Eltern waren nicht, sagen wir mal, wohlhabend, aber ich sage, so viel Liebe sie uns Kindern allgemein gegeben haben, und auch mir, auch diese feste Grundlage - ich glaube, die ist auch der Grund dafür, dass ich diese Dinge so gut und menschlich überstanden hab."

"Diese Dinge", das sind die Verlockungen des Profi-Fußballs, denen Uwe Seeler 20 Jahre später ausgesetzt sein wird.

In den 30er und 40er Jahren ist Vadder Erwin einer der großen Stars des HSV. Er ist ein kleiner, muskulöser Mann, der meist Hamburger Platt spricht, und ein gutmütiger, freundlicher Zeitgenosse. Henry Teubner, seit fast einem halben Jahrhundert HSV-Mitglied:

"Eine Seele von Mensch, wenn man ihm vernünftig entgegenkam, wenn man ihn nicht "Halihalo: Erwin" - das konnte er gar nicht ab, diese Betatscherei."

Gespielt wird im Stadion am Rothenbaum. Auf der anderen Straßenseite liegt das feudale Vereinsheim, "die Burg" genannt. Dort müssen sich die "Löwen vom Rothenbaum" vor dem Spiel umziehen und dann mit Fußballschuhen die Fahrbahn überqueren.

Erwin Seeler: "Das war alles bevölkert vom Clubhaus bis drüben rüber, und dann mussten wir durch die Menschen durch. Wenn die Bahn kam, die Straßenbahn kam, die hielt automatisch an. Und das war unvergessen, das war was, eigentlich. Die hielt an, bis wir drüben waren."

Uwes Karriere als Vereinsfußballer begann am 1. Januar 1946. Da war er neun Jahre alt und unumstrittener König der Straßenfußballer. Der Krieg war gerade erst vorbei und Uwe träumte davon, Schlachter zu werden. Weil er doch so gern Knackwürste aß. Den Seelers ging es allerdings auch in der schweren Nachkriegszeit verhältnismäßig gut. Dank des HSV.

Dirk Mansen: "Der HSV hatte das Glück, natürlich immer noch populär zu sein. Viele kleine Vereine haben sich dann gefreut, wenn die Mannschaft noch mal vorbeikam und da zu spielen, wo man Eintritt nehmen konnte, so dass etwas Geld in die Kasse kam. So hat sich der Verein auch ein bisschen wieder hochrappeln können, weil er auch Eintrittsgelder teilweise bekommen hat. Oder die Spieler, die auch von Gönnern, die zum Beispiel einen Bauernhof hatten, mit verpflegt wurden, die Dinge geschenkt bekamen, die ziemlich schnell wieder eine Anstellung fanden, wenn sie von der Front nach Hause kamen. Da hatte man mehr Möglichkeiten als andere Vereine."

Beim HSV legte man Wert auf einen gewissen Stil. Schon wenige Jahre nach Kriegsende konnte man es sich auch wieder leisten:

Teubner: "Wenn die unterwegs waren und sie hatten einen neuen Mann, und der war schlecht angezogen, da hat man dass dann so gemacht: Wenn sie aus dem Fenster guckten, wenn sie mit dem Zug unterwegs waren, stieß man ihm aus Versehen den Hut vom Kopf. Dann hat man sich entschuldigt und hat ihm einen neuen gekauft. Dann sah er wieder ein bisschen besser aus. Und genau so mit dem Zeug, da hat man ihn bekleckert und hat ihm einen neuen Anzug gekauft. So hat man manch einem ein bisschen auf die Sprünge geholfen, so dass er sich, wenn er besser gekleidet war, wohler fühlen konnte."

Auch Old Erwins Jüngster lebte sich schnell ein beim HSV und spielte sich in die Seele aus dem Leib. Den Herren vom Verein gefiel das.

Uwe Seeler: "Es hat mir vor allem auch schon in der Jugend Spaß gemacht, aus allen Lagen zu schießen. Ich war sehr kräftig, konnte auch von weitem schießen. Das war natürlich als kleiner Bursche in der Jugend recht gut, wo die kleinen Torwächter waren. Da konnte man auch von weitem mal abziehen und oben, wo die nicht rangekommen sind, die Tore machen. Und genauso war es dann mit Kopfball. Da ich auch schon als Jugendlicher eine hervorragende Sprungkraft hatte, sicherlich durch die kompakten Muskeln – das, was man eben von Natur aus mitbekommen hat."

Paarmanns: "Uwe war ja ein Kämpferherz, wenn sie zurücklagen, dann hat er erst einmal seine Jungs angetrieben: Komm, wir schaffen das noch. Und er gab auch keinen Ball verloren. Hat auch jedem Ball nachgesetzt."

Krug: "Er wollte jeden Ball haben, gestikulierte, rannte vorne mit hochrotem Kopf, winkte hierher, ging nach Rechtsaußen und Linksaußen und war dann sauer, wenn der Ball dann auf der anderen Seite landete und sah eigentlich die Möglichkeit nur bei sich, das wäre die beste Möglichkeit. Was sich auch meistens als richtig herausstellte."

Gerd Krug, wie Uwe Seeler Jahrgang 1936, kam Anfang der 50er Jahre vom Arbeiterklub Barmbek-Uhlenhorst zum HSV.

Krug: "Das Umfeld war schon anders. Wenn man hinterher so ins Clubhaus nach dem Training oder nach einem Spiel kam, dann waren die Tische gut gefüllt. Es gab schon mal Sekt – von Champagner war, glaube ich, noch nicht so die Rede. Die Herren haben gut getafelt und holten sich dieses oder jenes Talent an den Tisch, mal 'Guten Tag!' sagen. 'Was hast du denn vor, was willst du denn werden? Wie sieht es aus in der Schule?' und so. Also, diese Umgebung hat einen schon ein bisschen gefördert, ja."

1948 kommt Günther Mahlmann. Ein ehemaliger Studienrat, der wegen seiner braunen Vergangenheit aus dem Schuldienst entlassen wurde. Er übernimmt die Jugendarbeit in der Fußballabteilung des HSV, formt eine der besten Jugendmannschaften in Deutschland und wird sie 12 Jahre später sogar zur Deutschen Fußballmeisterschaft führen. Mahlmann erkennt Uwes überdurchschnittliches Talent sofort, fördert ihn, wo er nur kann, und entschuldigt sogar Uwes Schwächen.

Mahlmann: " Vom Talent her war alles vorhanden, schon als lütscher Bursche! Er konnte großartig maulen, schimpfen, die Klappe stand während des ganzen Spiels nicht still. Das ist aber keine negative Eigenschaft bei ihm gewesen, das gehörte einfach zu ihm. Er braucht so etwas wie ein Ventil. Er musste sich Luft machen. Und der Dicke – das stammt aus der Zeit – dieser Dicke war vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel geladen. Es wurde als selbstverständlich, auch von allen anderen, akzeptiert, dass Uwe eben derjenige war, der überhaupt bestimmt in einer Mannschaft, auf die Mannschaftskameraden einwirken konnte. " "

Uwe Seeler verehrt seinen langjährigen Trainer noch heute, doch Günther Mahlmann war nicht unumstritten:

Krug: "Günther Mahlmann war die Autoritäts- und Respektsperson. Ich hatte das nie erlebt, dass einer so einen harten Zugriff hatte in der Freizeit. Er war unerbittlich mit Anfangszeiten und mit dem Programm, das gemacht wurde. Er war, ja er war für mich auch ein bisschen einschüchternd am Anfang. Er guckte an einem vorbei, gab mit links die Hand und so. Also sehr autoritär. Aber alle sagten, ja ja, so ist er nun mal, er hat schon einen weichen Kern, und er weiß schon, was er will und so. Aber er war für mich – also, mitreißend war er nicht, also keine positive, mitreißende Figur."

Teubner: "Der war herrisch. Er hatte ja die Angewohnheit, jeden zu duzen, aber er selber wollte gesiezt werden. Und das habe ich 100%ig durchbrochen, und da bäumt er sich auf, und ich sag: 'Reg dich nicht auf. Wenn du mich für nichts hältst, dann brauchst du mich gar nicht einzuladen, dass ich herkommen soll. Und wenn du mit mir sprechen willst, und wenn das nicht sein soll, dann musste es eben anders machen!' Aber seit der Zeit war das dann mit ihm auch in Ordnung. Er sagte wieder 'Sie' zu mir, aber ich musste dann auch Herr Mahlmann sagen."

Das Trainingsgelände des Hamburger Sportvereins lag vor den Toren der Stadt in Ochsenzoll, auf einem Gelände, dass Papa Hauenschild, Gönner und guter Geist des HSV, dem Club gestiftet hatte.
Seeler: "Wir sind zum Teil noch mit dem Fahrrad zum Training gefahren. Es waren immerhin 18 Kilometer, die eine Tour nach Ochsenzoll raus."

Krug: "Ich kann mich noch erinnern, Uwe Seeler wohnte in der Innenstadt, also in Eppendorf, und der fuhr dort los mit dem Fahrrad. Das hatte natürlich noch keine Gangschaltung und so. Und dann kamen sie bei mir vorbei, hatten inzwischen noch zwei andere aufgelesen. Dazu gehörte Jürgen Werner, der später auch Nationalspieler war. Und dann holten sie mich ab und von da aus fuhren wir weiter. Und es waren dann immer noch 15 Kilometer. Und die letzte Strecke, so etwa einen halben Kilometer, haben wir dann immer noch so'n Rennen gemacht. Und dann mit hochrotem Kopf gewann Uwe Seeler immer das Rennen."

Gerd Krug war einer von drei Oberschülern in der HSV-Jugend. Trotzdem gab meist Uwe den Ton an. Er war der Shooting Star im Team, an ihn reichte keiner heran.

Auch als 1952 Uwe eine Lehre als Speditionskaufmann beginnt und nicht immer pünktlich zum Training kommen kann, bleibt er den anderen eine Nasenlänge voraus. Mit 16 darf er mit DFB-Sondererlaubnis in der Oberliga-Mannschaft des HSV mitspielen. Mit 17, 1954, glänzt er beim FIFA-Jugendturnier, wo er 12 Tore schießt. Dennoch:

Uwe Seeler: "Lehre war immer meine Hauptsache, weil auch mein Vater – aber auch mein sportbegeisterter Chef – immer darauf Wert gelegt hat, dass ich erst einmal die Lehre gemacht habe. Aber das war bei mir auch immer gegeben, dass ich gesagt habe, erst einmal der Beruf als Sicherheit. Und das hab ich auch nicht vernachlässigt."

Im Herbst 1954 kommt überraschend ein Brief von Bundestrainer Sepp Herberger. Uwe soll sein erstes Länderspiel bestreiten. Doch bei aller Freude – Uwe zögert:

Uwe Seeler: " "Da hatte ich eine Einladung, die für mich auch überraschend kam. Und dann hatte ich die meinem Chef gezeigt und hab gesagt, ich kann nicht fahren, weil ich immerhin kurz vor der Prüfung stehe. Und das ist mir wichtiger. Das muss ich erst einmal abgeschlossen haben. Und da ist der Chef zusammen mit mir in die Berufsschule gegangen und hat mit dem Lehrer gesprochen, ob das zu verantworten sei. Und da hat der Lehrer gesagt, er kann fahren. Die Begründung – aber das hat man mir erst später gesagt – ist, weil ich in der Berufsschule nie aufgefallen bin, sondern – obwohl ich ja schon im HSV sehr aktiv war und auch eben, wie man so schön sagt, viel in den Blättern gestanden habe, und der Lehrer immer darüber ganz begeistert war – ganz normal, ruhig, wie jeder andere Schüler auch in der Schule gesessen habe. Das hat ihn wohl so fasziniert, dass er gesagt hat: 'Die Chance, die soll er dann auch haben.'"

Vier Länderspiele wird Uwe machen – zu früh. Er ist noch nicht so weit. Physisch wie psychisch. Beim HSV aber wächst der "Lütte" aus Eppendorf schnell zum Hamburger Superstar heran. 1958 holt Herberger ihn zurück in die Nationalmannschaft. Bei der Fußball-WM in Schweden erlebt Uwe Seeler seinen internationalen Durchbruch. Zwei Jahre später wird er mit dem HSV, mit der Mannschaft, die Günther Mahlmann über Jahre aus Hamburger Jungs geformt hat, Deutscher Fußballmeister.

O-Ton: Reportage von Herbert Zimmermann: " "Uwe, Uwe!" ruft es durch das Bahnhofsgebäude. Der Schlachtruf der HSVer. Aber wir wollen nicht vergessen, dass außer Uwe Seeler die anderen alle auch mitgespielt haben. "