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Interview / Archiv | Beitrag vom 07.06.2016

Olafur Eliasson über seine Installationen in Versailles"Kunst ist eine Wirklichkeitsmaschine"

Moderation: Korbinian Frenzel

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Die Installation "Sense of Unity" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)
Die Installation "Sense of Unity" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)

Schloss und Park von Versailles sind in diesem Jahr Spielwiese für den dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson. Mit Licht- und Spiegeleffekten wolle er die internationalen Besucher animieren, über Versailles als Sinnbild der Macht nachzudenken, sagt Eliasson.

Seit 2008 lädt das Schloss von Versailles jedes Jahr für eine Ausstellung einen Gegenwartskünstler ein - unter anderem Jeff Koons, Takashi Murakami oder Anis Kapoor. Dieses Jahr gehören Park und Schloss dem dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson, der schon die Schaffung eines riesigen Wasserfalls und eines Nebelwaldes in den königlichen Gärten angekündigt hat, verzaubert die Besucher im Inneren des Schlosses mit Spiegeln, Spiegelbildern und warmen Lichteffekten in den prachtvollen Sälen. Und oft muss man schon sehr genau hinschauen, damit man Eliassons Kunstwerke entdeckt.

Die Absicht dahinter: "Die Leute müssen (...) explorativ ein bisschen mittdenken, um meine Arbeiten auch zu finden", sagte Eliasson im Deutschlandradio Kultur. "Hier geht es auch darum, die Wahrnehmung und das Erlebnis des Schlosses zu untersuchen." Heute könne jeder "König oder Königin" im Schloss sein, das einst das Sinnbild der Macht gewesen sei.

Raus aus dem Eskapismus des Museumsbesuchs

Er wolle mit seiner Kunst die Besucher animieren, sich nicht nur "als Konsumenten, sondern auch als Produzenten von Erlebnissen sehen": raus aus dem Eskapismus, hinein in eine "zeitgenössische, diskursive Idee". Für ihn gebe es Relationen zur politischen Macht und Demokratie: "Sollen wir wir passiv zuschauen oder sollen wir sie aktiv mitgestalten?"

Für Olafur Eliasson hat sich Versailles über die Jahrhunderte weiterentwickelt - es sei mehr für ihn als Sinnbild des französischen Absolutismus, denn heute tummelten sich dort Menschen aus aller Welt. Eliassons letzte Aktion in Frankreich waren schmelzende Eisblöcke aus Grönland, die er anlässlich des Klimagipfels in Paris aufbauen ließen.

Sind auch seine Kunstwerke in Versailles, wie fast immer bei ihm, ein politisches Statement beziehungsweise eine gesellschaftspolitische Botschaft? "Kultur ist ja ohnehin Teil der Politik (...) Kultur ist einfach eine Wirklichkeitsmaschine, in der auch Politik vorhanden ist."

Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)


Das Interview im Wortlaut: 

Korbinian Frenzel: Versailles, das französische Schloss Versailles ist ein Ort mit Geschichte. Es ist aber auch ein Ort mit Gegenwart. Und da denke ich jetzt nicht an Selfie Stick und Tourie-Ansturm, sondern an Kunst. Seit 2008 bietet das Schloss von Versailles jeden Sommer einem renommierten Künstler die Gelegenheit, die Räumlichkeiten des Château zu gestalten.

Da gab es schon Jeff Koons, der das gemacht hat, oder auch Takashi Murakami, und ab heute ist es Ólafur Elíasson, der Versailles bespielt, der dänisch-isländische Künstler, der zum Beispiel mit einer großen Lichtinstallation in der Turbinenhalle der Tate Modern in London die Sonne aufgehen ließ, der mit seinen New York Waterfalls weltweit Aufmerksamkeit bekam, der – eine Sache nenne ich Ihnen noch, dann hören Sie ihn selbst – zum Klimagipfel in Paris im Dezember zwölf Eisblöcke aus Grönland anliefern ließ, um die Welt zu mahnen, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Ólafur Elíasson jetzt im Deutschlandradio Kultur, guten Morgen!

Ólafur Elíasson: Guten Morgen!

Frenzel: Was machen Sie mit Versailles, was erwartet die Besucher?

Elíasson: In dem unglaublichen Garten habe ich drei größere Arbeiten, unter anderem was genau in der zentralen Achse steht. Und in dem Schloss selber habe ich, glaube ich, so fünf Arbeiten, und die sind zum Teil so leicht versteckt. Das heißt, man muss da schon hingucken, um die Arbeiten auch zu finden. Und so sind meine Arbeiten nicht wie auch zuvor frei stehende Objekte oder klassische Skulpturen, das ist eigentlich eher so was, wo man sagt, die Leute müssen, wie soll ich sagen, explorativ ein bisschen mitdenken, um meine Arbeiten auch zu finden.

Frenzel: Sie müssen sie finden, können Sie uns einen kleinen Tipp geben, wie man sie finden könnte oder was man dann erwarten kann?

Elíasson: Na ja, eigentlich ist es nicht so schwierig. Es heißt nur, also, meine Arbeiten sind aus Spiegeln und mit Licht. Hier geht es auch darum, die Wahrnehmung und das Erlebnis von dem Schloss zu untersuchen. Denn einerseits ist es natürlich sehr, sehr beeindruckend, aber es ist natürlich auch so eine Art von Machtdemonstration, so ein unglaubliches Schloss zu machen mit so viel Gold und Spiegeln und so weiter. Und die Zeiten haben sich ja natürlich verändert. Jetzt sind wir in einer Republik, das ist eine Demokratie jetzt, der König, wie wir wissen, ist tot. Und jetzt können Königinnen und Könige hier sein, jeder soll sich explorativerweise selber seine Narration hier aufbauen.

Der Zuschauer als Produzent

Frenzel: Das heißt, Sie demokratisieren Versailles?

Elíasson: Ja, ich glaube, Versailles und die Geschichte Europas sowieso hat sich ja sowieso demokratisiert. Und was mich interessiert ist: Vielleicht soll man nicht die Dezentralisierung von Macht als selbstverständlich sehen. Das ist schon, meine ich, so, dass wir uns nicht zum Beispiel in einem Museum nur als Konsumenten von Erlebnissen sehen, sondern vielleicht sollten wir uns eher oder die Besucher sich eher als Produzenten von Erlebnissen sehen. Sind die passiv oder sind die aktiv? Und so ist es ja mit Demokratie auch oder mit Machtstrukturen: Sollen wir denen passiv zuschauen oder sollen wir die aktiv mitgestalten?

Lichtskulpturen von Eliasson in Versailles. (Deutschlandradio / Burkhard Birke)Eliasson in Versailles (Deutschlandradio / Burkhard Birke)

Frenzel: Ist vor diesem Hintergrund Versailles nicht, ich sage mal, ein sehr anspruchsvoller Ort? Denn das ist ja eigentlich genau der Ort, wo die Leute hingehen, fotografieren, sich vor dieser wunderbaren, dieser barocken Kulisse sehen wollen. Ist das da der größte Widerspruch zu dem, den Sie gerade beschrieben haben, was Sie vorhaben?

Elíasson: Ja, das könnte man so sehen. Und natürlich ist ja auch hier eine Art von Museumsindustrie vorhanden. Und das bezieht sich zum Teil auch auf so eine Art von Konsumierung, auf einen Konsumgedanken einerseits. Aber daher machen die ja auch einige zeitgenössische Aktivitäten, unter anderem meine Ausstellung, um genau dieses Museum aus dieser etwas eskapistischen Situation rauszubringen und in eine zeitgenössische, diskursive Idee hineinzubringen. Ich glaube, das ist auch die Frage, wie gehen wir mit unserer eigenen Geschichte um. Also, Europa zum Beispiel, was heißt das auch, dass zum Beispiel ein 300 Jahre altes Schloss hier ist?

Versailles heute: Keine Reise zurück

Ich würde sagen, das Schloss hat sich auf einer Reise über 300 Jahren zu uns hinbewegt. Das ist ja nicht so, dass ich nach Versailles zurück in der Zeit reise, ich bin von Berlin nach Versailles gegangen und Berlin hat sich über Jahrhunderte auch bewegt. Und so treffen wir uns heute. Und eigentlich würde ich darauf bestehen: Versailles ist eine zeitgenössische Situation, ein zeitgenössisches Schloss, ein zeitgenössisches Forum. Wenn ich hier einmal im Garten heute rausgehe, dann sehe ich Leute aus allen Kontinenten der Welt. Das ist schon sehr interessant. Wir sind natürlich in Frankreich, aber eigentlich ist es auch sehr, sehr global hier.

Frenzel: Aber eigentlich ist doch Versailles, die Attraktion Versailles gerade darin begründet, dass es eben dieser Ort der absolutistischen Pracht ist. Inwieweit hat sich das verändert? Ich kann Ihrem Gedanken nicht so ganz folgen, ist es nicht eigentlich diese Kulisse geblieben, all die Jahre, all die Jahrhunderte?

Elíasson: Die Vergangenheit und unsere Geschichte sehen wir von der Position, wo wir heute stehen. Wir gehen nicht in ein Museum hinein, um aus der Wirklichkeit herauszutreten, wir gehen natürlich in ein Museum herein, um die zeitgenössische Wirklichkeit genauer zu untersuchen. Der Garten zum Beispiel, der Garten ist ein absolutes Konstrukt, ein kulturelles Konstrukt über Natur.

Letzte Woche war hier in Paris die Flut, die Seine ist über ihre Grenzen geflossen, und heute hat mir gerade jemand gesagt, ja, das war eine Naturkatastrophe! Aber die Wahrheit ist ja wahrscheinlich schon eher: Das war keine Naturkatastrophe, das war wahrscheinlich eine Kulturkatastrophe. Und das ist glaube ich die Frage des zeitgenössischen Blicks, sich selber auch im Zusammenhang mit seiner Umgebung zu sehen.

Frenzel: Diese Kulturkatastrophe, die Sie da gerade beschreiben, das Übertreten der Seine, hat das denn eigentlich den Park Ihrer Arbeit konkret auch betroffen?

Elíasson: Das unglaubliche Unwetter hat uns ein paar Tage verspätet, aber es hat nicht das Schloss sehr stark beeinflusst.

Frenzel: Herr Elíasson, Sie haben ja schon deutlich gemacht, welche Gedanken Sie verbinden mit dieser Ausstellung, die ja durchaus eine gesellschaftliche Botschaft zumindest hat. Zuletzt waren Sie in Frankreich, waren Sie in Paris – ich habe es erwähnt anfangs – mit den schmelzenden Eisblöcken zum Klimawandel, zur Klimakonferenz. Kann man sagen, Elíasson ist in Versailles auch wieder politisch?

Elíasson: Das würde ich sagen, ja. Kultur ist ja ohnehin Teil der Politik auch. Ich würde nicht sagen, dass Kunst entweder politisch ist oder nicht politisch ist. Kultur ist einfach eine Wirklichkeitsmaschine, worin auch Politik vorhanden ist.

Frenzel: Ólafur Elíasson bespielt Versailles ab heute und bis zum November. Herr Elíasson, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Elíasson: Danke auch, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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