Biograf Lars Haider über Olaf Scholz

    Ein politischer Außenseiter wird Bundeskanzler

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    Olaf Scholz, designierter Bundeskanzler, bekommt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue seine Ernennungsurkunde überreicht.
    Einer der sagt, was er macht, und macht, was er sagt – so Journalist Lars Haider über Olaf Scholz. © imago / photothek / Thomas Imo
    Lars Haider im Gespräch mit Dieter Kassel · 08.12.2021
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    Dröge, unnahbar, ungeliebt: Lange Zeit hatte in der SPD niemand Olaf Scholz auf dem Zettel. Ohne Hausmacht schaffte es der innerparteiliche Außenseiter zum Bundeskanzler. Wie vor ihm CDU-Außenseiterin Angela Merkel, sagt Scholz-Biograf Lars Haider.
    Mit Olaf Scholz hat Deutschland jetzt einen als Bundeskanzler, den früher eigentlich niemand auf der Rechnung hatte: zu dröge, zu wenig Charisma, zu zurückhaltend.
    Lange Zeit habe nur einer geglaubt, dass Olaf Scholz Kanzler wird – nämlich dieser selbst, sagt Lars Haider, Autor einer gerade erschienenen Scholz-Biografie. „Seien wir ehrlich: Hätten Sie gedacht, dass er mal Kanzler wird? Hätte das in der SPD jemand gedacht?"

    Ohne Hausmacht in der SPD

    Wie Angela Merkel innerhalb der CDU sei Scholz in der SPD eher ein Außenseiter gewesen, der weder richtig ernst genommen noch besonders geliebt worden sei, "obwohl er ja schon Bundesarbeitsminister war und Bundesfinanzminister und Hamburger Bürgermeister", unterstreicht der Journalist.

    Olaf Scholz kämpfte einst bei den Jusos gegen das Großkapital, gegen Konzerne und für die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien. Mit diesem Programm kann in Hamburg aber niemand Bürgermeister werden. Weggefährten von damals bescheinigen ihm nicht nur Wandlungsfähigkeit, sondern auch Lernfähigkeit und erinnern sich an "ihren" Olaf Scholz .

    Porträt von Olaf Scholz. Im Hintergrund weht eine große Fahne mit Hamburger Wappen.
    © picture alliance / dpa / Marcus Brandt
    "Wenn es Wahlen gab auf dem Parteitag, war Olaf Scholz immer der, der die niedrigsten Werte bekommen hat, und am Ende hat sich einer durchgesetzt, der auch in der SPD gar keine Hausmacht hatte.“

    Ein Mann der Tat und nicht der Worte

    Scholz' große Stärke sei es, dass er sage, was er mache, und mache, was er sage, unterstreicht Haider, der den Politiker bereits seit 2011 kennt, als er vom Weser-Kurier als Chefredakteur zum Hamburger Abendblatt wechselte.
    „Olaf Scholz war schon Bürgermeister in Hamburg und bat mich zu sich ins Rathaus“, erinnert sich der Journalist an seine erste Begegnung mit dem heutigen Kanzler.
    „Er stand am Fenster des Rathauses, schaute hinaus, sah mich und zeigt auf das Gewässer draußen und sagte: Das ist also die Binnenalster. Und dann habe ich gedacht, okay, wenn du einmal in Bremen warst, musst du immer wieder erklären, dass du eigentlich gebürtiger Hamburger bist.“

    Übersehen die Parteien Leute wie Scholz?

    Sein Scholz-Buch sei keine klassische Biografie, sagt Haider, und schon gar nicht eine, die im Auftrag des Politikers entstanden sei. Bis vor Kurzem habe Scholz nicht einmal gewusst, dass es dieses Buch geben würde - und als er davon erfahren habe, sei seine Reaktion sinngemäß gewesen: Muss das wirklich sein?
    Gewidmet hat Haider das Buch den Außenseiterinnen und Außenseitern. Denn:
    „Vielleicht müssen die Parteien nach den Erfahrungen mit Merkel und Scholz mal genau hingucken, wen sie da eigentlich in ihren Reihen haben und ob sie vielleicht manchmal Leute übersehen, weil sie nicht so laut und nach außen gehend sind.“

    Lars Haider: Olaf Scholz - der Weg zur Macht
    Klartext-Verlag 2021
    200 Seiten, 20 Euro

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