Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 09.04.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.08.2011

Ohne Großraum glücklich

Buch der Woche - Susan Cain: "Still"

Podcast abonnieren
Stille Brüter sind womöglich produktiver als laute Selbstdarsteller (AP)
Stille Brüter sind womöglich produktiver als laute Selbstdarsteller (AP)

Um sich in der egoistischen Ellenbogengesellschaft von heute durchzusetzen, muss der Mensch selbstbewusst, kontaktfreudig und dynamisch sein, sonst geht er unter. Oder auch nicht, sagt Susan Cain in ihrem gewaltigen Plädoyer für das Stille in einer lauten Welt.

Damit spricht sie für gut die Hälfte aller Menschen, die laut Statistik als introvertiert gelten. In China und Finnland sind es mehr, in den USA weniger. Allerdings verbiegen sich viele stille Menschen, geben sich aktiv und kontaktfreudig, weil es die gesellschaftlichen Normen so vorschreiben. Das heißt aber auch, dass sie ihre psychischen Bedürfnisse etwa nach Ruhe und Einsamkeit nicht befriedigen können – und so ihre Batterien nicht wieder vollständig aufladen. Was sowohl für sie als auch für ihre Partner und Arbeitgeber von Nachteil ist.

Susan Cain ist eine attraktive Frau mit langem, blondem Haar, sie hat als Wirtschaftsanwältin an der Wall Street gearbeitet und bezeichnet sich selbst als introvertiert. Passt das zusammen? Warum nicht, würde Susan Cain sagen. Schließlich kann man auch als harmoniesüchtiger, eher stiller Mensch zwischen Parteien vermitteln. Womöglich sogar erfolgreicher als diejenigen, die einfach in Basta-Manier auf den Tisch schlagen.

Sie erzählt eine Episode, in der sie als junge Anwältin ihren Kunden und eine große Menge Geld allein gegen einen Stab Anwälte der Bank auf der Gegenseite vertreten musste, von Angesicht zu Angesicht. Anfangs vergeht sie fast vor Angst, bringt kein Wort heraus. Dann verhandelt sie auf die einzige ihr mögliche Art: freundlich, aber beharrlich. Sie verlässt den Verhandlungstisch nicht nur mit einer für ihren Klienten glücklichen Einigung – sondern auch mit einem Jobangebot der beeindruckten Gegenseite in der Tasche.

Neben Fallgeschichten wie dieser ist das Buch gespickt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über Temperament und Talent von Introvertierten. Susan Cain begnügt sich nicht damit, prominente Namen von Introvertierten wie Bill Gates und Eleanor Roosevelt in den Ring zu werfen. Sie seziert auch en détail, was es eigentlich bedeutet, ein stiller Mensch zu sein. Wie es zum Ideal der Extraversion in der Gesellschaft von heute gekommen ist und wieso die Natur offenbar trotzdem einen Platz für Introvertierte vorgesehen hat.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben innere Tugenden wie Sittsamkeit und Fleiß an Bedeutung eingebüßt zugunsten von Selbstdarstellung und Charisma. Der Glaube an die Effizienz von Teamarbeit führte erst zu Großraumbüros, dann zunehmend zu Gruppenarbeit ab der ersten Schulklasse. Dabei wird außer Acht gelassen, dass auch das unabhängige Arbeiten zielführend sein kann. Mit dem Erfolg von Einzelgängern wie dem Apple-Gründer Steve Wozniak oder Facebooks Mark Zuckerberg scheinen wieder bessere Zeiten für Introvertierte anzubrechen. "Nerd" ist vielleicht nur ein anderes Wort für "Introvertierter" im Computerzeitalter.

"Still" will Mut machen, die eigene Introversion zu erkennen und anzunehmen. Schließlich kann sie, richtig erkannt und gefördert, Wunderbares hervorbringen. Chopin, van Gogh, Albert Einstein: Für Susan Cain haben diese Menschen Großes geleistet, gerade weil sie still waren.

Besprochen von Julia Eikmann

Susan Cain: Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt
Aus dem Englischen von Franchita Mirella Cattani und Margarethe Randow-Tesch
Riemann Verlag, München 2011
448 Seiten, 19,95 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Die heitere Form der Einsamkeit
Kampf mit dem Alleinsein

Buchkritik

Téa Obreht: "Herzland"Western mit Kamel
Das Buchcover von Tea Obersts Herzland vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (Rowohlt / Deutschlandradio)

In "Herzland" verwebt Téa Obreth die Geschichte einer Farmersfrau in den USA, die nicht nur mit der Dürre kämpft, und die eines Einwandererkindes, das mit einem Kamel durch die Lande irrt. Für beide wird Wasser zum Trost und zur Quelle der Kraft.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur