"Ohne gelebte Erfahrung kann man nicht inszenieren"

Volker Schlöndorff im Gespräch mit Joachim Scholl |
Schon als Schüler war Volker Schlöndorff sein Berufswunsch klar: Filmemacher. "Ich habe rückblickend schon eine unglaubliche Konsequenz gehabt von dem, was ich wollte", sagt der Regisseur, dessen Biografie jetzt erscheint. Darin schreibt er nicht nur über seine Filme, sondern auch über große Gefühle, die die Grundlage für sein Werk gewesen seien.
Joachim Scholl: Er hat über 30 Filme gedreht, einige sind schon filmhistorische deutsche Klassiker geworden, "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" etwa, "Die Fälschung" und für die Verfilmung "Die Blechtrommel" hat er den begehrtesten Filmpreis der Welt, den Oscar, bekommen: Volker Schlöndorff. 69 ist der Regisseur inzwischen und bald 50 Jahre davon gehörten dem Film. Jetzt erscheint ein Buch "Licht, Schatten, Bewegung", seine Autobiografie. Völker Schlöndorff lebt im schönen Potsdam, und dort ist er uns jetzt aus seinem Studio zugeschaltet. Willkommen im "Radiofeuilleton", guten Tag, Herr Schlöndorff.

Volker Schlöndorff: Ja, guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: "Mein Leben, meine Filme" heißt es im Untertitel Ihres Buches. Können Sie sich noch eigentlich an den allerersten Film erinnern, nicht, den Sie gedreht haben, sondern den Sie in Ihrem Leben im Kino gesehen haben?

Schlöndorff: Der hieß, das ist, glaube ich, ein Kinderfilm, "Die Kinder von Mara-Mara". Ich habe ihn aber nie wieder aufgestöbert, obwohl da eine schreckliche Szene drin war, wo Kinder an Fleischerhaken aufgehängt wurden, nicht gerade am Nacken, aber immerhin am Schlafittchen. Aber der Film, der mich markiert hat, den werde ich nie vergessen. Das war "Die Faust im Nacken". Das waren die 50er-Jahre, Marlon Brando, "On the Waterfront" von Elia Kazan. Und die Musik, die wir gerade gehört haben, das war für mich die richtige Einstimmung.

Scholl: Duke Ellington.

Schlöndorff: Genau. Das habe ich jeden Tag natürlich auf AFN, American Forces Network, in unserem "Little America" erlebt. Und mein Buch, das übrigens keineswegs ein Buch der Enttäuschungen ist, sondern ich hab viel zu viel erlebt, das beschreibt so, fast ein Viertel davon spielt, glaube ich, so in dieser Nachkriegszeit, in diesem Hessen, in einem kleinen Kaff, Schlangenbad, wo es mehr Amerikaner als Deutsche gab.

Scholl: Sie sind 1939 geboren, Volker Schlöndorff. Eine ganz starke kulturelle Prägung wie für viele Intellektuelle Ihrer Generation war eben Amerika. Darüber schreiben Sie ganz viel, die Musik, die Filme. Dennoch weht über Ihrer Biografie, könnte man sagen, eigentlich die Trikolore. Frankreich - das wurde Ihr Land, Ihre Sprache auch. Wie kam es eigentlich dazu? Sie gingen dort zur Schule?

Schlöndorff: Ja natürlich, die erste Erinnerung, das war 1945 der Einmarsch der Amis, das war ich sechs und wir hatten unsere Amerikaner und das prägte uns. Aber als ich dann raus in die Welt wollte, so mit 16, 17, war ja doch Amerika noch etwas weit. Mitte der 50er-Jahre war das unvorstellbar, da hinzugehen. Aber auf der anderen Rheinseite gab es so eine sehr schnelle Verbindung nach Paris. Und Paris lag vor der Tür. Paris war näher als Berlin. Aus Paris kamen die aufregenden Rififi-Filme, die Gabin-Filme, aber auch die Kunstfilme von Cocteau. Und ich war damals schon schwer infiziert vom Filmvirus. Und deshalb habe ich mich aufgemacht nach Frankreich.

Scholl: Aber Sie gingen erstmal nicht nach Paris, sondern dort auf eine Schule, auf eine Klosterschule, das werden die meisten nicht wissen. Und ein Kamerad, mit dem Sie dort die Schulbank drückten, das war ein großer Mann der französischen Filmgeschichte Bernard Tavernier?

Schlöndorff: Ja, wir waren dann zusammen auf der Schule. Ich hatte mich gemeldet von Wiesbaden vom Internat aus, einfach für einen Sprachkurs, zwei Monate auf einem Internat, landete bei Jesuiten in der Bretagne. Aber das war nun alles andere als klösterlich. Da gab es eine Theatertruppe, eine Filmtruppe, und die haben mich eigentlich ermutigt, meine Träume ernst zu nehmen und sagten, du musst doch nicht Rechtsanwalt oder Architekt oder was werden, oder Arzt, wie deine Eltern. Warum denn nicht Film? Das ist ein angesehener Beruf in Frankreich. Oder Theater. Und dadurch war ich so ermutigt, dass ich dann dort geblieben bin, statt zwei Monate, kann man sagen, in Frankreich, fast zehn Jahre. Denn nach der Schule bin ich dann nach Paris und habe dann wie ein guter französischer Provinzler die Stadt herausgefordert, und es ist mir auch gelungen.

Scholl: Und Sie wurden als Schüler, das sollte man, glaube ich, noch hinzufügen, Respekt gebietend als Deutscher auf einem französischen Gymnasium beim Wettbewerb aller Schulen gewannen Sie den Preis für Philosophie. Gibt es ein reizendes Foto in Ihrer Autobiografie?

Schlöndorff: Ja, das war mein erster öffentlicher Auftritt. Philosophie gehörte dort zum Abiturprogramm. Und in Frankreich ist alles so nach Wettbewerben, ja auch heute noch, mit diesen Eliteschulen organisiert. Und ich war selbst verblüfft, als da plötzlich große Aufregung war, dass ich der Zweitbeste war, dann der Untertitel war "Vor zwei Jahren sprach er noch kein Französisch". Das wurde natürlich als eine Demütigung empfunden. Aber immerhin steht da drunter auch, "er will Regisseur werden - il veut devenir metteur en scène". Ich habe rückblickend schon eine unglaubliche Konsequenz gehabt von dem, was ich wollte.

Scholl: Diese Erfahrungen, die macht Sie auch zu einem der beneidenswerten Zeitgenossen, die Marcel Proust im Original lesen kann, Herr
Schlöndorff. Stichwort Literatur. Sie gelten als der belesenste deutsche Filmregisseur und haben besonderes Faible für Literaturverfilmungen. Jetzt machen wir mal einen Sprung von Paris wieder zurück nach Deutschland. Ihr erster großer Film war "Die Verwirrung des Zöglings Törleß", eine Geschichte von Robert Musil. Was reizt Sie so sehr daran oder was hat Sie immer so sehr daran gereizt, Literatur zu verfilmen?

Schlöndorff: Bei dem allerersten Film, das war der Übergang von der Klosterschule zu einer Internatsgeschichte, die Musil erzählt, der spürte ich mich sehr nahe und es hatte auch sehr viel mit Deutschland zu tun. Und dann habe ich gesagt, gut, ich mache jetzt hier diesen Robert Musil und dann nie wieder Literatur, sondern schreibe schön meine Drehbücher. Das habe ich auch getan. Die Filme waren Flops. Dann habe ich wieder mal Literatur gemacht, das war wieder ein Erfolg. Und irgendwann habe ich dann eingesehen, es ist besser, man macht das, was man kann als das, was man möchte.

Scholl: Das ist die Begründung für die Literaturverfilmungen? Ist da nicht auch eine tiefere große Leidenschaft für die Bücher da?

Schlöndorff: Ja, da ist die flapsige Begründung.

Scholl: Ja, ich dachte es mir doch, Herr Schlöndorff!

Schlöndorff: Nein, ich bin eine Leseratte, schon immer gewesen. Und ich habe oft das Gefühl gehabt, jedenfalls in jungen Jahren, dass Leseerlebnisse stärker waren als das, was mir selbst zugestoßen ist. Ich habe immer wieder in der Literatur einen Spiegel gefunden von dem, was mir zugestoßen ist. Manchmal Dinge in der Literatur erlebt, die ich im Leben erst viel später erlebt habe, wo das dann wie eine Bestätigung kam, hin und her. Und ich kann mir einfach ja mein Leben ohne ein Buch in der Tasche nicht vorstellen. Und so habe ich eben dann, kann man auch sagen, eigentlich aus meiner Leidenschaft meinen Beruf gemacht.

Scholl: Der Regisseur Volker Schlöndorff im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur über seine Autobiografie, die in diesen Tagen erscheint. Ich habe die Filme schon erwähnt vorhin, die großen literarischen Filme "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nach Böll, "Die Fälschung" nach dem Roman von Nicolas Born, später auch "Homo faber" von Max Frisch, aber natürlich der berühmteste Film ist immer noch "Die Blechtrommel". Dafür bekamen Sie den Oscar. Es heißt ja immer, das sei der schönste Moment im Leben eines jeden Filmschaffenden. War es das auch für Sie?

Schlöndorff: Ja, das ist ein bisschen die heutige Interpretation. Denn damals, es ist ja 30 Jahre fast her …

Scholl: 1981.

Schlöndorff: … war dann doch für mich die Goldene Palme in Cannes das eigentliche Erlebnis, vielleicht auch, weil ich in Frankreich zur Schule gegangen bin, die meisten Freunde da hatte, dort am meisten eingeführt war. Und Cannes, das galt dann doch so als die höheren Weihen der Filmkunst, wogegen Oscar und Hollywood, das hat ja auch mehr mit Geschäft zu tun. Das war dann wunderbar noch dazuzukommen. Aber ich muss sagen, von meiner eigenen Emotion her ist der Taumel, das war eben doch die Goldene Palme in Cannes.

Scholl: Ein Thema, das in der "Blechtrommel" natürlich dominiert, aber oft auch in den anderen Filmen präsent ist, das ist die deutsche Geschichte, der Nationalsozialismus, die Verbrechen. Sie haben als Jugendlicher davon erstmals richtig in jenem französischen Internat erfahren, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Und dann steht da der Satz: "Innerlich bin ich nie damit fertig geworden." Ist das diese NS-Erfahrung oder die Vergangenheit, die deutsche, ist das eine große prägende Kraft für Ihre Filme geworden?

Schlöndorff: Na ja, oder fürs Leben. Ich weiß nicht, man kann das einfach nicht abstreiten, dass für unsere Generation, das Trauma war schon, als wir sehr spät eigentlich erst in den 50er-Jahren, wir hatten ja noch ein Stück Krieg miterlebt, aber wir wussten nicht von Holocaust und Lagern, außer aus schlechten Witzen. Und als dann Mitte der 50er-Jahre in Filmen wie "Nacht und Nebel" und anderen zum ersten Mal diese Dokumente nochmal wieder gezeigt wurden, wenn man das im Ausland erlebt und alle drehen sich zu einem um und fragen, jetzt sag uns doch mal, du als Deutscher, wie war das möglich, dann ist das eine Frage, die einem schon nachgeht und irgendwie direkt oder indirekt kommt man immer wieder drauf zurück.

Ich bin froh, dass andere Generationen später darüber hinweg sind. Aber wir mussten das natürlich bei uns schon abarbeiten. Da kam man nicht drum herum. Und im Grunde hat man aber die Antwort nie gefunden. Das ist eine ganz einfache Frage, wie kommt das Böse in die Welt, die habe ich mir auch weit über den Holocaust hinaus, wenn man erlebt, was in Bürgerkriegen an Schrecklichkeiten immer wieder und wieder passiert, man versteht den Mechanismus. Das ist seit dem 30-jährigen Krieg derselbe immer wieder, die anderen gegeneinander aufzuputschen, Leute, die vom Krieg leben. Aber trotzdem begreift man sich nie, wie sind Menschen zu so was fähig.

Scholl: Eine Autobiografie, Volker Schlöndorff, ist ja auch immer eine Beschäftigung mit den frühsten Dingen, auch denen, die man vielleicht so Zeit seines Lebens verdrängt hat. Wie war es für Sie jetzt, dieses Buch zu schreiben, so in Ihr eigenes Leben ab ovo zurückzugehen?

Schlöndorff: Na, über die Filme zu schreiben, war leicht. Manches andere war schwer. Die Kindheit, ich will jetzt nicht sagen, dass ich eine besonders schwere Kindheit hatte, aber es war halt eine Nachkriegs- und Kriegskindheit. Das war der Verlust der Mutter. Das war natürlich eine absolute Erschütterung, ist ganz klar, dass man danach nicht mehr derselbe ist. Und dann gibt es, was auch sehr, sehr schwer zu beschreiben ist, man erlebt ja eben doch Dramen, Gefühlsdramen, Lieben im Leben, man verrät oder man verliert jemanden, und darüber wollte ich auch schreiben. Ich wollte ja über das schreiben, was außer den Filmen noch in meinem Leben gewesen ist, und was im Grunde ja die Filme überhaupt erst möglich gemacht hat. Denn ohne gelebte Erfahrung kann man nicht inszenieren.

Scholl: Der Film, das ist ein Geschäft, wo ja das Team groß im Mittelpunkt steht. Auch, wenn der Film beendet ist, gibt es in der Regel eine Party mit allen Beteiligten, Bücher schreiben ist ein ganz einsames Geschäft. Was haben Sie gemacht, als Sie die letzten Zeilen zu Papier gebracht hatten?

Schlöndorff: Na ja, man hatte ja immer wieder weiter dran gearbeitet. Es fällt mir nicht ganz leicht, jetzt wieder den nächsten Schritt zu machen. Ich werde heute noch nach Paris fliegen und habe dort ein Angebot und werde mit einem Drehbuchautor anfangen, an einem Drehbuch zu arbeiten für einen französischen Film. Und ich merke schon, ich habe mich ganz schön eingerichtet in meiner Schreibstube ein Jahr lang. Das ist auch sehr angenehm. Früher hatte ich immer Angst, draußen geht das Leben vorbei.

Scholl: Wir werden öfter vielleicht noch den Schriftsteller Volker Schlöndorff begrüßen können?

Schlöndorff: Na, hoffentlich nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich hätte schon noch einiges zu erzählen. Das ist mir, nachdem ich fertig war, erst klar geworden.

Scholl: Volker Schlöndorff, herzlichen Dank für Ihren Besuch und das Gespräch. Alles Gute für Sie und Ihr Buch! "Licht, Schatten und Bewegung - Mein Leben, meine Filme", so heißt die Autobiografie von Völker Schlöndorff. Ab übermorgen ist sie im Buchhandel erhältlich, 472 Seiten für 24,90 Euro.