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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2008

Ohne Angst vor den Grenzen des Kitsches

Jan Koneffke: "Eine nie vergessene Geschichte", DuMont, Köln 2008, 320 Seiten

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Rotglühende Sonnenuntergänge gibt es auch in "Eine nie vergessene Geschichte". (AP)
Rotglühende Sonnenuntergänge gibt es auch in "Eine nie vergessene Geschichte". (AP)

Es geht um einen ertrunkenen Bruder, eine gescheiterte Doppelhochzeit und das Wesen der Musik - alles verpackt in eine Familiensaga. Jan Koneffke schreibt in seinem Roman "Eine nie vergessene Geschichte" die Geschichte von Felix und seinen Angehörigen mit einer illustrativen Kraft, die sich nicht vor rotglühenden Sonnenuntergängen und anderem Schmuckwerk fürchtet.

Warum schreibt man so eine Geschichte? Der Erzähler stellt sich am Ende selbst diese Frage und gibt ehrlich zu, "keinen Schimmer" zu haben. Vielleicht, weil er besser einschlafen kann, wenn er sich Geschichten ausdenkt. Vielleicht, um dem Sinnlosen einen Sinn zu geben.

Oder um "den Staub zu ehren", wie einst ein alter Schäfer sagte, den Staub, zu dem wir alle wieder werden. Vielleicht aber auch, weil der Mensch wissen will, wo er herkommt und deshalb seine Familiengeschichte erforscht. Und wenn es sein muss, erfindet er sie eben. Denn eine erfundene Geschichte ist besser als keine Geschichte.

Jan Koneffke hat sich ein großes Pensum vorgenommen. Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis ins Jahr 1945 reicht die Saga der Kannmachers aus dem Pommerschen Ostseestädtchen Freiwalde, erzählt von einem Nachgeborenen, der entschlossen ist, die Leerstellen der Familiengeschichte auszufüllen. Auslöser seiner Erzählung ist der Tod der Großeltern und das Schicksal des Großonkels Felix, der zusammen mit drei Brüdern in Freiwalde aufwächst.

Einer von ihnen ertrinkt vor seinen Augen im Fluss. Ein anderer kommt nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Mit Bruder Ludwig schließlich verbindet ihn die Liebe zur Apothekertochter Emilie, bis die sich für Ludwig entscheidet, sodass für ihn nur deren ältere, schnippische Schwester Alma übrig bleibt. Kurz vor der geplanten Doppelhochzeit nimmt er Reißaus und schließt sich einem rumänischen Pianisten an. Denn dass er einmal auf Konzertreisen gehen und selbst ein Pianist werden würde, das hat ihm eine alte Wahrsagerin prophezeit.

Der Vater ist ein Studienrat, der sich mit Kant beschäftigt und sich aus Verzweiflung über den Lauf der Geschichte mehr und mehr in sein staubiges Studierzimmer zurückzieht. Die Mutter, übermäßig erregbar, lässt sich von deutsch-nationalistischer Hysterie anstecken. Dass einer ihrer Söhne im Krieg umkam, will sie nicht wahrhaben, sie rettet sich in den Wahn. So bewegen sich die Familienmitglieder zwischen den Koordinaten von reiner Vernunft und kategorischem Imperativ auf der einen, Wahnsinn und Amoral auf der anderen Seite.

Das ist erkennbar erzählerisches Kalkül, und auch die anderen Figuren sind nicht nur sie selbst, sondern immer auch typische Vertreter bestimmter politischer Strömungen. Da ist Onkel Alfred, der in Afrika gegen die Hereros kämpft, sich nach dem Ersten Weltkrieg einem Freikorps anschließt und schließlich ein veritabler, durch und durch fieser Nazi wird.

Da ist Onkel Heinrich in Stettin, der "mit der Republik nichts zu tun haben wollte" und dem Kaiser nachtrauert. Da ist der SA-Mann mit Potenzproblemen (weil hodenlos), den die ebenfalls als Nazi-Tucke abgestrafte Alma heiraten muss. Und dass Mutter Clara, von Alfred mitleidlos in die Psychiatrie gesteckt, schließlich im Gas enden wird, ist ebenfalls absehbar.

Trotz ihrer illustrativen Funktion sind Koneffkes Figuren einprägsame, lebendige Individuen. Die Kraft des Erzählers beweist sich daran, dem festgelegten Programm Freiräume abtrotzen zu können. Die Geschichte von Felix lässt sich auch als Künstlerroman lesen, in dem es weniger um die Demonstration von Zeitgeschichte geht, als um das Wesen der Musik.

Denn Musik, so heißt es einmal, "erschafft eine andere Zeit", die sich "erst im Vergehen entwickelt". Musik ist "verfließende Zeit, die zu Gegenwart wird". Sie ist der Gegenpol zur äußeren Geschichte und zum bloßen Handlungstransport.

Wer Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" gerne gelesen hat, der wird Koneffkes "Eine nie vergessene Geschichte" ebenso mögen. In beiden Fällen handelt es sich um Familienromane, die nicht nur durch den Ort Stettin, sondern auch durch den historischen Zeitrahmen verbunden sind. Waren es bei Franck zwei Schwestern, so sind es in Koneffkes männlichem Gegenstück zwei Brüder, die sich in schwieriger Beziehung gegenüberstehen.

In beiden Fällen sind es die Enkel, die zu erzählen beginnen: Bei Franck, um das Rätsel der Großmutter zu lösen, die den Vater als kleines Kind auf der Flucht zurückgelassen hat; bei Koneffke, um dem spurlos verschwundenen Großonkel nachzuspüren. Beide Autoren vertrauen ganz der Suggestionskraft der Narration. Sie setzen auf Bilder und schmückende Details, gehen bis an die Grenzen des Kitsches und haben keine Angst vor rotglühenden Sonnenuntergängen.

Koneffke greift ins Mythische, Surreale aus, wenn er einen alten Schäfer, der unbeweglich auf der Weide steht, in einen alten Baum verwandelt und wenn er eine seltsame Kräuterfrau die Zukunft voraussagen lässt. Doch es sind nicht zuletzt diese Elemente, die den Roman über die bloße Historienerzählung hinausheben. Die abschließende Frage des namenlosen Ich-Erzählers, warum er das alles erzähle, lässt sich dann so beantworten: Aus purer Lust am Erfinden und Geschichtenerzählen.

Rezensiert von Jörg Magenau

Jan Koneffke: Eine nie vergessene Geschichte
Roman, DuMont, Köln 2008
320 Seiten, 19,90 Euro

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