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Interview | Beitrag vom 20.07.2018

Offener Brief der "Enkel" des 20. Juli 1944Anständig bleiben in schwierigen Zeiten

Christina Rahtgens im Gespräch mit Dieter Kassel

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In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin: Die Ausstellung "Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944". Das Foto links zeigt Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Albrecht Ritter Merz von Quirnheim im Führerhauptquartier in Winniza. (picture alliance/dpa/Foto: Soeren Stache)
Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin: Die Ausstellung "Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944". Das Foto zeigt Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Albrecht Ritter Merz von Quirnheim im Führerhauptquartier in Winniza. (picture alliance/dpa/Foto: Soeren Stache)

Wir seien dabei, 70 Jahre Frieden und Zusammenhalt in Europa aufs Spiel zu setzen: So warnen heute 400 Nachfahren der Widerständler des 20. Juli in einem offenen Brief. "Ich glaube, die Gefahren sind deutlich", sagt Initiatorin Christina Rahtgens.

Vielleicht 20 oder 30 Unterschriften - darauf hatte Christina Rahtgens gehofft, als sie mit zwei weiteren Frauen aus dem Kreis der Nachkommen der Widerständler des 20. Juli 1944 einen offenen Brief zur Verteidigung eines geeinten Europas schrieb. 

"Seitdem ist meine Inbox nicht mehr still gestanden. Und das geht noch weiter, also noch kriege ich weiterhin E-Mails von Leuten – 'bitte, ich möchte mit unterschreiben!', so die Enkelin des 1944 hingerichteten Carl Ernst Rahtgens im Deutschlandfunk Kultur.

Inzwischen haben mehr als 400 Menschen den offenen Brief unterzeichnet, der am heutigen Freitag im Berliner "Tagesspiegel" erschienen ist.

Einen Auszug aus dem Aufruf können Sie auch hier nachhören:

Der offene Brief ist Mahnung und Warnung zugleich, "das, was wir seit 70 Jahren genießen, Frieden und europäischen Zusammenhalt, nicht sorglos aufs Spiel zu setzen", so Rahtgens. "Ich glaube, die Gefahren sind deutlich, und zwar sind sie noch nicht möglicherweise so greifbar an allen Stellen und vielleicht nicht in jedem Aspekt sofort spürbar, aber es sind die Details, die man schon sehen kann."

Vor allem die Verrohung der Sprache beschäftigt die Hamburger Unternehmensberaterin. "Wie Begriffe in unsere Sprache sich einschleichen, die wir noch vor wenigen Jahren niemals benutzt hätten", erklärt sie. "Und das bedeutet einfach eine Verschiebung der Werte, wo man, wie ich finde, gar nicht früh genug anfangen kann, dagegen anzugehen."

Gegen eine Vereinnahmung des 20. Juli durch die AfD

Natürlich sei Widerstand in einer Diktatur nicht vergleichbar mit der heutigen Situation. "Heute twittern wir und wir schreiben einen offenen Brief in eine Zeitung. Und dennoch ist genau das natürlich das Wichtige: Die Stimme erheben, Haltung zeigen, anständig bleiben."

Ausdrücklich verwahrt sich Rahtgens gegen die Vereinnahmung des 20. Juli 1944 durch die AfD: Darüber sei die Empörung im Kreis der Nachfahren groß. 

"Ich glaube, es wird der AfD nicht gelingen, aber natürlich ist das semantische Verwirrspiel, das die benutzen und sagen, sie wären Wiedergänger Stauffenbergs, weil sie ein demokratisches, von einer Frau Merkel geführtes Deutschland vergleichen mit einer Nazi-Diktatur und behaupten, da wäre Widerstand am Werk – das ist nicht vergleichbar, und wir glauben, dass das einfach zu deutlich und zu erkennbar ist für jeden mit einem offenen Geist."

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: "Studio 9" am Morgen des 20. Juli. Und das Vermächtnis dieses 20. Juli 1944, das Vermächtnis der Männer und Frauen, die Widerstand leisteten gegen das NS-Regime – übrigens nicht nur im Zusammenhang mit dem Stauffenberg-Attentat, es geht um viel mehr –, das Vermächtnis dieser Menschen ist in Gefahr. Das finden zumindest viele ihrer Nachfahren, und deshalb ist heute im Berliner "Tagesspiegel" ein Appell erschienen, den inzwischen mehr als 400 Menschen unterschrieben haben.

Und zu den Initiatorinnen dieser Aktion gehört Christina Rahtgens. Sie ist die Enkelin von Carl Ernst Rahtgens, der als Mitverschwörer im August 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde. Sie ist Mitglied im Vorstand der Forschungsgemeinschaft 20. Juli, und sie ist im Hauptberuf Unternehmensberaterin in Hamburg. Schönen guten Morgen, Frau Rahtgens!

Christina Rahtgens: Schönen guten Morgen!

Verrohung der Sprache bedeutet auch Wertverschiebung

Kassel: Sind Sie wirklich der Meinung, dass die Entwicklungen, die wir heute in Deutschland und in Europa erleben, vergleichbar sind mit der Endphase der Weimarer Republik oder gar mit der NS-Zeit?

Rahtgens: Ich glaube, die Gefahren sind deutlich, und zwar sind sie noch nicht möglicherweise so greifbar an allen Stellen und vielleicht nicht in jedem Aspekt sofort spürbar, aber es sind die Details, die man schon sehen kann. Was mich am meisten beeindruckt, ist, wie die Sprache sich verändert.

Dazu lese ich auch am meisten, aber mich interessiert das auch, deswegen lese ich dazu viel. Wie die Sprache verroht, wie Begriffe in unsere Sprache sich einschleichen, die wir noch vor wenigen Jahren niemals benutzt hätten. Und das bedeutet einfach eine Verschiebung der Werte, wo man, wie ich finde, gar nicht früh genug anfangen kann, dagegen anzugehen.

Und das ist – dazu bin ich jetzt nicht Historikerin genug, für welchen Detailgrad der Weimarer Republik das nun vergleichbar ist –, aber achtsam zu sein und jetzt schon die Augen offenzuhalten und das, was wir seit 70 Jahren genießen, Frieden und europäischen Zusammenhalt, nicht sorglos aufs Spiel zu setzen. Ich finde, dafür kann man nicht früh genug anfangen, zu kämpfen.

Haltung zeigen in schwierigen Zeiten

Kassel: Es heißt ja, das Vermächtnis der Widerstandskämpfer, deren Nachfahren – das sind ganz unterschiedliche Verwandtschaften, Neffen, Sie sind Enkelin – da unterzeichnet haben, über 400 Menschen inzwischen, sei in Gefahr. Worin besteht denn konkret dieses Vermächtnis des Widerstands von damals?

Rahtgens: Das Vermächtnis des Widerstands ist, anständig zu bleiben und Haltung zu zeigen in schwierigen Zeiten. Man sagt ja immer, am 20. Juli fokussiert sich so ein bisschen, dass auch in den finstersten Zeiten Deutschlands es noch das andere Deutschland gab. Das ist mitnichten mit heute vergleichbar, natürlich nicht.

Aber wir hatten das Anliegen, das, was vielleicht man als schweigende Mehrheit betrachten kann, da mal offen auszusprechen, diesen Menschen eine Möglichkeit zu geben, einen offenen Brief zu unterschreiben, wo das alles drinsteht.

Und es war, als wäre ein Knoten geplatzt. Wir haben diesen Brief geschickt an alle Nachfahren, die wir da in unserem Verteiler haben, und das sind ja wirklich sehr unterschiedliche Menschen, die da in diesem Verteiler versammelt sind, und wir haben gedacht, hoffentlich finden wir 20, 30, die das mit uns drei Initiatorinnen unterschreiben, und haben die Mail rausgeschickt und zwölf Stunden zum Antworten gegeben.

Und seitdem ist meine Inbox nicht mehr still gestanden. Und das geht noch weiter, also noch kriege ich weiterhin E-Mails von Leuten – "bitte, ich möchte mit unterschreiben!" Die können jetzt nicht mehr alle im "Tagesspiegel" erscheinen heute, aber die werden auf den Webseiten der Stiftung und der Forschungsgemeinschaft sicher aufgezählt werden, weil es offenbar ist, dass wir alle endlich sagen wollen, was wir fühlen.

Den gemeinsamen Nenner finden: ein friedliches Europa

Kassel: Sie haben gesagt, es sind heute vollkommen unterschiedliche Menschen, sicher richtig. Aber auch deren Vorfahren, also die Widerstand Leistenden damals waren ja vollkommen unterschiedlich. Man redet oft über die Stauffenberg-Gruppe, aber es waren ja ganz verschiedene Menschen mit dem gleichen Motiv, aber verschiedenen Hintergründen. Da haben, Stichwort "Rote Kapelle", Kommunisten die gleichen Ziele verfolgt im Widerstand wie Katholiken, Adelige die gleiche wie einfache Arbeiter.

Ist das vielleicht heute das Problem, weil die Situation ja auch noch nicht ganz so dramatisch ist wie, sagen wir, 1944, dass viele Leute sagen, ich will natürlich keinen Populismus und keinen Rechtsradikalismus, ich will ein vereintes Europa. Aber darüber hinaus habe ich doch so viele Partikularinteressen, dass ich jetzt gar nicht da am großen Strang ziehen kann.

Rahtgens: Und das war natürlich damals auch nicht viel anders. Natürlich waren das andere Zeiten, das heißt, man konnte sich nicht so frei mal eben kurz auf Twitter treffen, wie das heute der Fall ist, sondern das war ja alles ausgesprochen konspirativ.

Und dennoch haben sie geschafft, über alle Bevölkerungsschichten hinweg, die Männer und Frauen des Widerstands – und es gab ja auch Einzelwiderstandskämpfer, natürlich, aber es gab eben auch diese Gruppen, die sich dann vernetzt haben. Und tatsächlich kamen die aus allen Bevölkerungsschichten mit sehr unterschiedlichen Zielen. Und das ist sicher heute genau das Gleiche.

Man muss sich überlegen, auf welchen gemeinsamen Nenner man sich einigen kann, und das ist ganz sicher ein friedliches Europa. Und dann muss man überlegen, an welchen Stellen man für seine eigenen Interessen kämpft, für die Partikularinteressen, und wo man aber den großen oder vielleicht auch den kleinen gemeinsamen Nenner findet. Und das ist ganz sicher ein friedliches Europa in einer friedlichen Welt.

Widerstand in Kriegszeiten nicht vergleichbar

Kassel: Aber wie genau könnte denn ein solcher Widerstand heute aussehen?

Rahtgens: Ich glaube, heutzutage ist Widerstand – ich mag das immer gar nicht vergleichen, Widerstand in Kriegszeiten und in einer Diktatur ist natürlich nicht vergleichbar mit Widerstand, was wir heute machen. Heute twittern wir und wir schreiben einen offenen Brief in eine Zeitung. Und dennoch ist genau das natürlich das Wichtige: Die Stimme erheben, Haltung zeigen, anständig bleiben. Das sind vielleicht die Sachen, die man auch heute schon machen kann, ohne dass ich das jetzt in irgendeiner Weise mit dem Widerstand in Diktaturen vergleichen will.

Kassel: Wie verhindert man denn, dass sich einer solchen Aktion auch die Falschen anschließen? Ich will auf was Konkretes hinaus. Es hat durchaus auch schon Versuche der AfD – mindestens einer ist mir bekannt – gegeben, Graf Stauffenberg zu vereinnahmen und zu sagen, heute wäre der bei uns. Ich weiß nicht, ob sie das wörtlich gesagt haben, aber es klang fast ein bisschen so. Wie verhindert man, dass dann plötzlich die, gegen die Sie eigentlich Widerstand leisten wollen, sagen, sehe ich genauso, ich schließe mich da an?

Semantisches Verwirrspiel der AfD

Rahtgens: Da kenne ich mehr als das eine Beispiel. Wir hatten ein Enkeltreffen im April und haben uns da darüber unterhalten. Die Empörung ist natürlich groß. Ich glaube, es wird der AfD nicht gelingen, aber natürlich ist das semantische Verwirrspiel, das die benutzen und sagen, sie wären Wiedergänger Stauffenbergs, weil sie ein demokratisches, von einer Frau Merkel geführtes Deutschland vergleichen mit einer Nazi-Diktatur und behaupten, da wäre Widerstand am Werk – das ist nicht vergleichbar, und wir glauben, dass das einfach zu deutlich und zu erkennbar ist für jeden mit einem offenen Geist.

Kassel: Jeder mit einem offenen Geist sollte sich diesen Appell, finde ich, anschauen. Er ist auch nicht so unendlich lang. Das, was wir vorhin gehört haben, ist nur ein Ausschnitt. Er ist schon ein bisschen länger, aber es ist jetzt kein Proseminar, sondern ein sehr konkreter Text, der sich heute im Berliner "Tagesspiegel" findet, ein offener Brief von inzwischen, wir haben es erwähnt, von über 400 Nachfahren …

Rahtgens: And coming …

Kassel: And coming, ja. Wenn Sie bei 4.000 sind, können Sie wiederkommen – nein, vorher, gern jederzeit auch! Christina Rahtgens war bei uns zu Gast. Sie ist Enkelin des hingerichteten Widerstandskämpfers Carl Ernst Rahtgens und Mitglied im Vorstand der Forschungsgemeinschaft 20. Juli. Herzlichen Dank für Ihren Besuch!

Rahtgens: Sehr gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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