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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.11.2006

Offen für alle

Das Jüdische Krankenhaus im Berliner Wedding

Von Victoria Eglau

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Das Jüdische Krankenhaus ist, nach der Charité, das älteste Krankenhaus der Stadt. Einer der ersten Ärzte dort war Benjamin de Lemos, der Vater der Salonière Henriette Herz. Ihr Mann, Markus Herz, wurde später leitender Arzt. An ihrem heutigen Standort im Wedding befindet sich die Klinik seit 1914 - sie war damals das modernste Krankenhaus Berlins.

Im Wedding entwickelte sich die jüdische Einrichtung zu einem Kiezkrankenhaus, das allen Berlinern offen stand. Die Nazi-Zeit überlebte das Krankenhaus als einzige jüdische Einrichtung. Der Klinikbetrieb wurde die ganze Zeit aufrechterhalten. Tausende von Juden, die verzweifelt versucht hatten, sich umzubringen, wurden im Jüdischen Krankenhaus gerettet. Doch gleichzeitig diente das Haus als Sammellager für Deportationen in die Konzentrationslager. Ab Herbst 1942 hatte die Gestapo das Sagen im Krankenhaus. Auch Ärzte und Pflegepersonal wurden deportiert. Aber die Einrichtung wurde auch zu einer Art Ghetto, in der mehrere hundert Juden überlebten. Nach 1945 machte die Klinik weiter, 1963 ging der Betrieb an den Berliner Senat über, der das Jüdische Krankenhaus seitdem wie ein kommunales Krankenhaus finanziert.

Einer der Leitsätze des Jüdischen Krankenhauses ist, dass es jedem Menschen, unabhängig von Religion und Kultur, Herkunft und Hautfarbe offen steht. Nach der historischen Erfahrung der Verfolgung jüdischer Menschen legt das Krankenhaus Wert darauf, sich um Verfolgte, Flüchtlinge und Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern. So begann die Klinik früher als viele andere Krankenhäuser mit der Behandlung und Therapierung von Alkoholikern.

Freitagnachmittag, Jüdisches Krankenhaus in Berlin, Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Chefarzt Dr. Tom Bschor, ein schmaler Mann mit kurzen, dunklen Haaren, eilt in den Therapieraum.

"Soo, sieht mir noch nicht so aus, als wenn wir vollzählig sind ..."

Auf Stühlen, die im Kreis aufgestellt sind, sitzen Männer und Frauen jeden Alters: Suchtpatienten, die sich zum Alkoholentzug im Jüdischen Krankenhaus aufhalten.

"So. Dann begrüß ich sie ganz herzlich zur themenzentrierten Gruppe am Freitag. Freitags haben wir immer ein spezielles Thema, das ist: Körperliche Folgen der Alkoholabhängigkeit. Also, was macht der Alkohol mit dem Körper."

Dr. Bschor, der im weißen Arztkittel vor der Gruppe steht, fragt, welche Organe durch Alkohol geschädigt werden. Die Antworten schreibt er mit Kreide an die Tafel.

"Das Gehirn hatte irgendjemand schon gesagt. ... Bauchspeicheldrüse! Gute Idee. Was ist denn dicht dran am Magen, den wir schon haben? – Die Galle – Die Galle, ja. ..."

Die Situation erinnert an eine Schulstunde, die meisten der alkoholkranken Patienten beteiligen sich lebhaft. Wer zur Suchtbehandlung ins Jüdische Krankenhaus kommt, von dem wird aktive Mitarbeit erwartet. Den körperlichen Entzug begleitet ein intensives psychotherapeutisches Programm. Außerdem wird frühzeitig Kontakt zu Selbsthilfegruppen vermittelt. Das Jüdische Krankenhaus im Berliner Wedding ist seit Jahrzehnten auf die Behandlung von Menschen spezialisiert, die von Alkohol, Drogen oder Tabletten abhängig sind. Chefarzt Tom Bschor:

"In den 60er Jahren hat man überhaupt erst erneut angefangen, die Sucht als eigenständige Krankheit zu begreifen, und das Bedürfnis entwickelt, die Sucht als zugrunde liegende Erkrankung für die ganzen Folgen gezielt zu behandeln. Und da war das Jüdische Krankenhaus in Berlin durchaus ein Vorreiter. Der Gründer der Suchtabteilung, Professor Schmidt, hat den Bedarf erkannt und gesagt: Das sind für mich nicht lästige Patienten, die immer wieder sich selber schädigen, sondern das sind Menschen, die krank sind und Hilfe und Therapie brauchen. Und hat dafür gekämpft, dass die Alkoholabhängigkeit als Krankheit anerkannt wird, und im Krankenhaus behandelt wird."

In Berlin ist das Jüdische Krankenhaus eine der wichtigsten Anlaufstellen für Suchtkranke. Die Patienten kommen aus der ganzen Stadt, nicht nur aus dem Wedding. Chefarzt Tom Bschor ist überzeugt, dass die Behandlung abhängiger Menschen gerade im Jüdischen Krankenhaus sehr gut aufgehoben ist:

"”Das passt eigentlich sehr gut in die Tradition jüdischen Heilens, das Kümmern um Suchtkranke, die eben eher am Rande der Medizin stehen, oder auch am Rande der Gesellschaft. Es hat sicher auch was mit der Minderheitenposition der Juden zu tun, die eben auch als eigene Gruppe immer eine Minderheit waren, und fast immer ausgegrenzt, benachteiligt, diskriminiert waren, so dass die Erfahrung, was es heißt, am Rande zu stehen, eben auch eine Erfahrung der Juden zum Beispiel in Deutschland ist. Und das kann man eben auch übertragen auf Menschen mit psychischen Erkrankungen, die auch oft am Rande stehen. Und ich glaube, das ist auch eine Quelle, warum die jüdische Medizin dieses Bewusstsein entwickelt hat, auch eine soziale Leistung bringen zu müssen.""

"Es werden Kranke aller Art aufgenommen, einheimische, ansässige, Dienstboten, Studierende, desgleichen Fremde, aus Polen, Preußen, aus dem Reiche etc., die entweder hier krank werden, oder um geheilt zu werden, hierher geschickt werden. Die Pflege ist ungemein gut."

Eine Beschreibung des Jüdischen Krankenhauses aus dem Jahr 1796. Eröffnet worden war das erste Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlins 1756 in der Oranienburger Straße. Die Krankenversorgung sah die Gemeinde als vorrangige Aufgabe an. Barmherzigkeit und Nächstenliebe sind im Judentum eine religiöse Pflicht. Das Jüdische Krankenhaus kümmerte sich vor allem um mittellose Menschen. Die Historikerin Elke-Vera Kotowski:

"Nach dem jüdischen Glauben wird jeder Kranke behandelt, ob er Geld hat oder keins. Sprach sich natürlich auch relativ schnell rum, und es kamen sehr viele Patienten, nicht nur aus Berlin, sondern auch aus dem Ausland. Das Jüdische Krankenhaus hatte einen unglaublich guten Ruf, es waren Koryphäen seinerzeit, und man kam dann eben auch von überall her."

250 Jahre nach der Gründung des Jüdischen Krankenhauses von Berlin: Im gepflegten Garten mit Springbrunnen steht der ärztliche Direktor Jechezkel Singer und lässt seinen Blick über die Gebäude und die kleine Synagoge schweifen. Die Krankenhaus-Anlage ist eine friedliche, grüne Oase im ehemaligen Arbeiterbezirk Wedding.

"Das Krankenhaus hier, das hat nicht irgendwie eine staatliche Organisation gebaut, sondern wirklich die Jüdische Gemeinde. Die haben das Geld, das sie hatten, oder zum Teil auch gesammelt, um das Haus hier aufzubauen. (...) Und wenn man die Geschichte von 250 Jahren sieht, sind mehrere Krankenhäuser gebaut worden. Das ist alles kein Zufall und keine einmalige Geschichte. Das ist eine Sache, die eine Kontinuität hat."

Das neue, bis heute existierende Klinikum im Wedding eröffnete die Jüdische Gemeinde 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Es ist der dritte Standort des Jüdischen Krankenhauses. Jeder der drei Orte ist mit berühmten Namen verbunden. In der Oranienburger Straße wirkte der Arzt Markus Herz, Mann der Berliner Salonière Henriette Herz. Im 1861 fertig gestellten und damals hochmodernen Neubau in der Auguststraße brachte es der Nierenchirurg James Israel zu Weltruhm. Israel war es auch, der im Ersten Weltkrieg einen Eisenbahnwaggon zum OP umfunktionierte und damit vom Wedding aus an die Front fuhr. Eine Blütezeit erlebte das Krankenhaus in der Weimarer Republik.

"Das war so fast wie ein Universitätskrankenhaus, man hat es auch die ‚kleine Charité’ genannt. Weil so viele Professoren hier waren, so viel Forschung hier durchgeführt wurde. Und wir können uns an diesen Sachen heute noch nicht messen, ja? Aber, ich hoffe, es ist auch eine Frage der Zeit, man muss so was auch über Jahre aufbauen. Auch die Zahl der jüdischen Ärzte, es ist im Grunde gering heute, im Vergleich zu damals. Wir haben heute, ich glaube, 60 Ärzte hier im Krankenhaus, und davon sind drei oder vier jüdische Ärzte."

Der 60-jährige Internist Jechezkel Singer arbeitet seit mehr als dreißig Jahren am Jüdischen Krankenhaus. Er wurde in Israel geboren und kam zum Medizinstudium nach Berlin. Die Krankenhausleitung hat Singer erst Anfang November übernommen.

"Für mich bedeutet das sehr viel. Ich wollte auch hierher kommen, ins Jüdische Krankenhaus. (...) Das war mir auch sehr wichtig. (...) Ich habe einen Uronkel gehabt, der hier im Krankenhaus auch gearbeitet hat, und auch während des Krieges hier im Krankenhaus war, und für mich ist das auch einfach die Kontinuität zu bewahren. Er war ein Verwaltungsangestellter, und war ein Verwaltungsleiter. (...) Er war ein Abteilungsleiter bei Hertie vorher, und wurde aus seiner Stellung damals rausgeschmissen. Und er hat die Stelle hier gefunden, und hat so den Krieg überlebt. Das war sein Glück. (...) Ich bin Arzt, ich mach nicht das, was er gemacht hat, aber im Grunde diese Aufgabe, das Krankenhaus zu betreuen, das sehe ich als meine Verpflichtung und vielleicht sein Erbe, ja."

Die Jahre zwischen 1933 und 45 waren für das Jüdische Krankenhaus die dunkelsten seiner Geschichte. Aber, und das ist wenig bekannt, es blieb als einzige jüdische Einrichtung in Deutschland vom ersten bis zum letzten Tag der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft geöffnet. Achthundert bis tausend Juden, darunter der Onkel von Jechezkel Singer, überlebten den Holocaust im Jüdischen Krankenhaus. Die Historikerin Elke-Vera Kotowski vom Moses-Mendelsohn-Zentrum in Potsdam:

"”Es wurde nicht geschlossen. Alle jüdischen Institutionen in ganz Deutschland wurden sukzessive geschlossen, aufgelöst, so auch die Jüdische Gemeinde in Berlin. Es kam aber alles, was noch an Personen vorhanden war, und auch an Institutionen, sammelte sich auf dem Gelände des Jüdischen Krankenhauses. (...) Es wurde zwar verboten, Nicht-Juden zu behandeln, es wurde auch ein Sammellager eingerichtet, die Gestapo hatte auch ein Lazarett eingerichtet. Aber es war immer Krankenhaus, der Krankenhausbetrieb als solcher war gegeben.""

"Das letztvergangene Jahr mit seinen unaufhörlichen Aufregungen erst hat mich zum alten Manne gemacht. Täglich Selbstmordversuche, durch Gas und Schlafmittel, behandeln zu müssen, oftmals vergeblich, ist auch für den Stärksten zu viel."

Hermann Strauß, Leiter der Inneren Abteilung des Jüdischen Krankenhauses, im Jahr 1939. Angesichts der drohenden Deportation entschieden sich viele Berliner Juden für den Freitod. Wer überlebte, wurde ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert.

Kotowski: "”Die Patienten wurden ins Jüdische Krankenhaus gebracht, wurden dort gerettet, und mussten dann in den Gefängnistrakt. Das heißt, diejenigen, die gerettet werden konnten, wurden dann ins Gefängnis gebracht und danach deportiert. Also, das war unglaublich. (...) Das Leben retten, um es danach zu vernichten. Man kann sich natürlich vorstellen, dass das auch für das Personal hier unerträglich war.""

Zu denen, die im Jüdischen Krankenhaus arbeiteten und überlebten, gehört Inge Lewkowitz. 1943 war sie achtzehn Jahre alt und Zwangsarbeiterin bei Siemens, als sie von der SS abgeholt wurde und knapp der Deportation nach Auschwitz entging. Nach zwei Wochen des Eingesperrtseins und der quälenden Ungewissheit brachte man sie schließlich ins Jüdische Krankenhaus. Dort arbeitete sie zunächst in der Küche und dann im Gefängnistrakt, der so genannten Polizeistation. In ihrer New Yorker Wohnung beschreibt die heute 82-jährige Inge Lewkowitz die Situation im Krankenhaus während der letzten Kriegsjahre:

"Es war ja zu dieser Zeit nicht nur ein Hospital, es wurde ein Ghetto, in dem wir leben und schwer arbeiten mussten. Die damalige Pathologie, das Gebäude wurde beschlagnahmt von der Gestapo und wurde das so genannte Durchgangslager. Alle Menschen, die verhaftet wurden, kamen in dieses Lager und wurden von dort aus deportiert in die verschiedenen Konzentrationslager. Das galt auch für die Polizeistation, die wir hatten. Die Patienten, während ihrer Verhaftung wurden krank, und kamen dann auf diese Station. Und wenn sie wieder besser waren, rüber ins Lager, und dann deportiert. Da die Gestapo so dicht neben uns war, waren auch wir unter ständiger Beobachtung. (...) Wenn jemand den Stern nicht getragen hat, kam er rüber ins Lager und wurde deportiert."

Als eine ständige Gratwanderung zwischen Leben und Tod muss man sich das Leben im Jüdischen Krankenhaus wohl vorstellen. Für manche bedeutete es die Rettung, andere traten von dort aus die Reise in die Vernichtungslager an. Zu denen, die verschleppt wurden, gehörte auch Hermann Strauß, Arzt am Jüdischen Krankenhaus. Er kam 1942 nach Theresienstadt und nahm sich dort 1944 das Leben. Adolf Eichmann persönlich, der Organisator der Deportationen, ging im Jüdischen Krankenhaus ein und aus. Inge Lewkowitz erinnert sich:

"Eichmann war der most gefürchtete SS guy, und der kam sehr oft zu uns ins Hospital. Da ging er erst zu Dr. Lustig, der war der Chef vom ganzen, und kam dann mit Lustig rauf auf die Polizeistation, wo ich gearbeitet hab – hab mich immer versteckt auf der Toilette, wenn der kam – und dann hat er rausgesucht die Patienten. (…) Wenn der ins Haus kam, hat die Telefonzentrale angerufen von unten und uns alle gewarnt, Eichmann ist im Haus, dass Ihr Bescheid wisst. Wir wussten nie, was der im Sinn hat. Er hätte sagen können: morgen wird das geschlossen. Alle weg! Er hat die Power gehabt. Wenn der kam, war immer furchtbar."

Als der heute 86-jährige Berliner Rolf Joseph als Patient ins Jüdische Krankenhaus eingeliefert wurde, hatte er bereits eine schreckliche Odyssee hinter sich. Seine Eltern waren deportiert worden. Er selbst wurde zwar von einer Frau versteckt, fiel aber der Gestapo in die Hände, als er einmal draußen unterwegs war. Nach wochenlanger Haft und schwerer Misshandlung die Deportation Richtung Osten, doch Joseph gelang es, aus dem fahrenden Zug zu springen. Schnell wurde er wieder geschnappt und brutal geschlagen – aus Angst täuschte er schließlich eine Scharlach-Erkrankung vor.

"Da bin ich ins Jüdische Krankenhaus gekommen, in den zweiten Stock. (...) Nach 14 Tagen kam ne Krankenschwester aufgeregt rein zu mir und sagt: Herr Joseph, ich habe eben nen Telefongespräch abgehorcht, sie werden in einer halben Stunde abgeholt, sie kommen nach Lichterfelde. Da wusste ich, das war die SS-Kaserne in Lichterfelde, da wurden alle Politischen erschossen. Da wusste ich, ist mein Ende. Hab ich mir meine Handtücher genommen, nass gemacht, hab die Gitter damit gebogen, nen bisschen, ich wog ja nur noch 92 Pfund, und bin vom zweiten Stock aus dem Fenster gesprungen. Hab mir das Rückgrat angebrochen, aber mit letzter Kraft bin ich noch über’n Zaun geklettert."

Rolf Joseph überlebte die Nazi-Zeit in seinem Versteck bei einer mutigen Berlinerin.

Im beschaulichen Krankenhaus-Garten scheinen das Grauen und die menschlichen Tragödien jener Jahre heute weit weg. Im Jüdischen Krankenhaus, das 1963 in eine Stiftung überführt wurde und vom Land Berlin finanziert wird, herrscht Normalität. Jechezkel Singer, der ärztliche Direktor:

"Das ist ein offenes Krankenhaus. Wir haben keinen Zaun hier, wie sie sehen. Wir leben in Frieden mit allen, ja? Und wir tragen dazu bei, die Gesundheit in dieser Stadt zu erhalten und zu verbessern, und im Grunde Menschen zu helfen, und auch mit Menschen zusammen zu arbeiten. Und das ist eine wichtige Position. Nicht nur für die Jüdische Gemeinde, sondern für die ganze Stadt. Wir sind ein Krankenhaus in Berlin. Im Wedding. Und das ist uns voll bewusst. Wir sind ein Kiezkrankenhaus und versorgen unsere Umgebung hier, und wir sind auch stolz darauf. Und das ist auch unsere Zukunft, und die Zukunft unserer Kinder. So seh ich das."

"In der Tradition unseres Hauses und jüdischer Medizin und Krankenpflege achten wir jeden Menschen, unabhängig von seiner Religion und Kultur, Herkunft und Hautfarbe."

Offen für alle, egal welcher Herkunft und Religion, ist das Jüdische Krankenhaus seit seiner Gründung vor 250 Jahren. Im multikulturellen Bezirk Wedding wird der Leitsatz heute täglich in die Praxis umgesetzt.

"”Ich bin Dr. Hoz, ich arbeite im Jüdischen Krankenhaus, unser Krankenhaus ist das einzige Jüdische Krankenhaus in Deutschland, und ich bin ein Facharzt für Chirurgie, und bin schon in diesem Krankenhaus seit 1992 tätig.""

Boris Hoz, der aus Lettland stammt, ist am Jüdischen Krankenhaus für die Beschneidungen zuständig. Achtzig bis hundert jüdische Beschneidungen pro Jahr nehme er vor, sagt Hoz, Tendenz steigend. Doch beschneidet er auch etwa genauso viele muslimische Jungen.

"Das ist ganz normal, zum Beispiel für arabische Familien, genauso wie die türkischen Familien, in das Jüdische Krankenhaus zu gehen. Weil es auch bewusst ist, dass im Judentum gute Ärzte es gab und gute Ärzte es gibt, und es wird auch gute Ärzte immer geben. (...) Und außerdem fühlt sich anscheinend, meiner Meinung nach, der Islam nicht vom Judentum angegriffen. Deswegen sehen wir den ganzen Fluss von Menschen, den wir hier haben, da hat kein Araber, kein Libanese, kein Türke, kein Problem in unser Krankenhaus zu kommen. Er wird genauso gut behandelt wie eine andere Glaubensrichtung."

Im Judentum wird eine Beschneidung traditionell von einem Mohel durchgeführt, einem religiösen Spezialisten. Er sei kein Mohel, macht Chirurg Boris Hoz deutlich. Doch bei der Beschneidung eines jüdischen Kindes hält er sich an die religiösen Regeln und spricht die überlieferten Worte:

"Der Spruch klingt so – Hebräisch – und das bedeutet, dass im Namen des Gottes wird dieser Akt durchgeführt. (...) Die jüdische rituelle Beschneidung wird am achten Tag nach Geburt des Kindes durchgeführt. Das bedeutet, dass das Kind (...) im Bund des Judentums mit eingeschlossen ist. Es ist eine der höchsten Mizwe im Judentum. Das heißt, es ist die höchste gute Tat, was man in der jüdischen Religion machen kann. Mizwe – gute Tat. Und dann natürlich freue ich mich, dass ich das machen darf, machen kann."

Die religiösen Beschneidungen sind eine der wenigen Besonderheiten, die das Jüdische Krankenhaus tatsächlich von anderen Berliner Kliniken unterscheiden. Was ist eigentlich jüdisch am Jüdischen Krankenhaus? – diese Frage hört Direktor Jechezkel Singer häufig.

"Einmal ist es so, dass wir Jüdisches Krankenhaus heißen, der Name darf auch nicht geändert werden, und zweitens, dass wir auch die Möglichkeit anbieten, jüdische Patienten, wenn sie zu uns kommen wollen, dass wir immer im Grunde ein Bett für sie haben. Ich werde auf jeden Fall versuchen, mehr jüdische Ärzte ins Krankenhaus zu bringen, mehr jüdisches Pflegepersonal, Verwaltungspersonal. Und genauso auch mehr jüdische Patienten letztendlich. Also das find ich schon wichtig. Auch für die Leute, die nicht jüdisch sind, dass sie das vielleicht auch mehr verstehen. Wir haben eine Synagoge, aber sie lebt nicht genug. Sie sehen, sie ist verschlossen. Vielleicht kann man da ein bisschen mehr Leben reinbringen. Und in Richtung auch Aufklärung: was sind die jüdischen Feiertage? Auch für uns alle hier, für die Mitarbeiter, dass man auch mehr darüber Bescheid weiß."

Chefarzt Tom Bschor, Psychiater und Experte für Suchterkrankungen, bedeutet seine Arbeit am Jüdischen Krankenhaus viel.

"Ich bin sehr stolz, im Jüdischen Krankenhaus arbeiten zu können. Wir sind sehr stolz, dass es uns heute gibt, dass es uns seit 250 Jahren gibt, und zwar ohne Unterbrechung. (...) Und mein Verständnis vom Judentum, meine Verbindung hat sich sehr vertieft, seit ich im Jüdischen Krankenhaus arbeite. (...) Ich hab doch ganz regelmäßig Kontakt zur Jüdischen Gemeinde, bin dort im engen Austausch, bin aus den verschiedensten Gründen jetzt häufiger in Synagogen, sehr viel mehr als vorher, und hab mich natürlich auch selber mit der jüdischen Religion und Geschichte mehr beschäftigt als ich das vorher getan habe."

Inge Lewkowitz, die von 1943 bis 45 im Jüdischen Krankenhaus arbeitete, wanderte 1949 in die USA aus. Die heute in New York Lebende kehrte vor zwei Jahren zum ersten Mal an den Ort zurück, an dem sie überlebte.

"Ich war sehr erstaunt, wie modern alles geworden ist, und wie gut alles aussah. Was mich auch sehr berührt hat, war die kleine Synagoge, die wir hatten, die umgebaut und vergrößert wurde. In diese kleine Synagoge sind wir manchmal rein geschlichen, wenn’s dunkel war, und haben gebetet zum lieben Gott, dass er unser Hospital lässt und dass wir am Leben bleiben. (...) Er hat uns gehört. Wir sind geblieben, und so unser Hospital, und wir sind auch sehr stolz darauf, dass das Hospital hat den Namen behalten: Jüdisches Krankenhaus."

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