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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.11.2010

Ökosysteme gemeinschaftlich schützen

Wirtschaftswissenschaftler beweist im Feldversuch die Überwindung des Kooperationsdilemmas

Michael Kosfeld im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Ökonom Kosfeld ist überzeugt, dass die Wirkung des "reziproken Altruismus" mithelfen kann, Ökosysteme zu retten. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Ökonom Kosfeld ist überzeugt, dass die Wirkung des "reziproken Altruismus" mithelfen kann, Ökosysteme zu retten. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Frankfurter Neuroökonom Michael Kosfeld hat im Experiment mit Waldnutzern in Äthiopien Erfreuliches herausgefunden: "Menschen sind eigentlich eher geneigt zu kooperieren und zu helfen, wenn das Gegenüber das auch tut". In diesem "reziproken Altruismus" sieht er eine große Chance.

Stephan Karkowsky: Ökonomisches Handeln ist egoistisches Handeln, das macht Kooperation so schwierig. Doch schon Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat der Wirtschaftswissenschaft Wege gezeigt aus dem Kooperationsdilemma heraus. Dieses Dilemma entsteht, wenn etwa mehrere Anrainer einen Wald ausbeuten wollen oder ein Meer. Laut Ostrom versprechen hier selbstverwaltete regionale Institutionen Erfolg, und zwar deutlich mehr Erfolg als staatliche Regulierung oder Privatisierung.

Den Beweis im Feldversuch angetreten hat nun erstmals der Frankfurter Neuroökonom Professor Michael Kosfeld. Im Fachmagazin "Science" beschreibt er eine Feldstudie in Äthiopien, dort hat er ein bedeutendes Waldmanagementprogramm untersucht. Die Aufgabe: Die Einheimischen müssen sich ausreichend versorgen dürfen mit dem wertvollen Rohstoff Holz, aber gleichzeitig sollen sie das Ökosystem nicht zerstören, weil sie womöglich zu viel abholzen. Herr Kosfeld, reicht es da nicht einfach, an die Vernunft zu appellieren?

Michael Kosfeld: Das wäre schön, wenn das reichen würde. Häufig ist halt doch das Eigeninteresse im Vordergrund und die Vernunft heißt dann eben, genau dieses Eigeninteresse zu verfolgen. Und das führt in solchen Situationen häufig zu Ineffizienz, also zu einem Überabbau der Wälder oder in anderen Situationen, wenn es um Meere, Seen geht, zur Überfischung der Meere, wo wir das ja auch sehen. Die Vernunft reicht da nicht aus, es braucht eine Lösung für das Kooperationsproblem, was sich da stellt.

Karkowsky: In Ihrem Beispiel kooperieren 49 Waldnutzergruppen, also 49 Gruppen, die diesen Wald abholzen. Was für Gruppen sind das denn, Familien, sind das Stämme oder ganze Dörfer?

Kosfeld: Das sind Familien. Es sind 49 verschiedene Gruppen, die jeweils einen eigenen Wald haben. Das ist das Schöne an dieser Studie, dass wir erstmals Zugang haben zu einer so großen Gruppe von verschiedenen Gruppen eigentlich, die jeweils ihren eigenen Gemeinschaftswald bewirtschaften. Und dann schauen wir uns halt an, wie sich die jeweiligen Gruppen unterscheiden. Und in den Gruppen sind es Familien, das sind Bauern, die haben Kleinvieh, die leben von dem jeweiligen Wald, den sie gemeinsam verwalten. Zum Beispiel indem sie für ihr Vieh Holz brauchen oder Nahrung aus dem Wald oder auch Brennholz brauchen oder andere Sachen auf dem Markt verkaufen.

Karkowsky: Nun müsste ja das Eigeninteresse jeder dieser 49 Gruppen sein, so viel wie möglich, Holz aus dem Wald zu schleppen, um so viel wie möglich Brennholz zu haben, Hütten zu bauen oder vielleicht sogar damit Handel zu treiben. Aber unreguliert würde dann der Wald irgendwann ganz verschwinden. Wie unterschiedlich haben die das gelöst?

Kosfeld: Die haben das unterschiedlich gelöst, indem sie Regeln sich ausgedacht haben, wie man halt gemeinsam dafür sorgt, dass alle kooperieren. Der Knackpunkt ist ja der: Wenn man sagt, Kooperation ist gut, dann ist nach wie vor das Eigeninteresse da. Und wir wissen aus vielen Studien im Labor zum Beispiel, aber auch theoretischen Analysen, dass dieses Eigeninteresse diese Kooperation teilweise unmöglich machen kann. Unsere Frage war jetzt die: Unterscheiden sich nicht die einzelnen Gruppen, also die Mitglieder in den verschiedenen Gruppen hinsichtlich ihrer freiwilligen Kooperationsbereitschaft? Denn genau das sehen wir ja auch im Labor. Wir sehen, dass sich eben dieser Homo oeconomicus nicht in allen Menschen eindeutig gleich manifestiert, sondern dass es Menschen gibt, die sind bereit, freiwillig zu kooperieren, wenn andere das auch tun. Unsere Frage war jetzt: Sehen wir das auch im Feld, sehen wir, dass sich die 49 Gruppen unterscheiden dahin gehend, dass manche bereit sind, das Allgemeinwohl in den Vordergrund zu stellen und damit auch eben dieses Hindernis vom Kooperationsdilemma zu überwinden?

Karkowsky: Und was haben Sie herausgefunden?

Kosfeld: Wir haben herausgefunden - was wir gemacht haben, muss man vielleicht so erklären: Wir sind hergegangen und haben mit circa 700 von diesen Bauern Experimente durchgeführt, indem wir die individuelle Kooperationsbereitschaft gemessen haben durch ein Verhaltensexperiment, durch ein Spiel. Wir haben dort jeweils zwei Personen zusammengebracht und die konnten dort in diesem Spiel Entscheidungen tätigen, da konnten sie Geld investieren.

Und dieses Spiel fasste genau das Kooperationsdilemma ein. Es war dort im individuellen Eigeninteresse, nicht zu investieren, aber es war für die Gruppe insgesamt gut, zu investieren. Und wir sehen dort eine große Heterogenität. Wir sehen, dass manche bereit sind, ihr Eigeninteresse zurückzustellen und zu kooperieren, wenn die anderen das auch tun, und andere halt nicht. Und damit messen wir die individuelle Kooperationsbereitschaft eines Bauern dort. Und dann schauen wir uns an: Naja gut, wie viele von so kooperativen Menschen hat denn eine Gruppe von unseren 49 Gruppen, und dann stellen wir fest, dass wirklich die Gruppen, die mehr freiwillig kooperative Mitglieder haben, tatsächlich in der Lage sind, ihr Kooperationsproblem zu lösen. – Was sich niederschlägt in der Qualität des Waldes, indem wir nämlich messen können, wie viele Bäume es hat – und das müssen Bäume sein von mittlerer Größe.

Das Problem dort in Äthiopien war, dass die Bäume sehr alt waren. Es ist einfach, kleine Bäume zu fällen, und dann überaltert der Wald irgendwann und stirbt ab. Man muss diese jungen Bäume quasi pflegen und genau da stößt dann genau das Eigeninteresse auf das Kooperationsproblem. Und wir konnten das tatsächlich nachweisen, dass es an Anzahl dieser Bäume tatsächlich messbar hervorkommt, dass diese Kooperation aufgrund der freiwilligen Kooperationsbereitschaft sich zeigt.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den Frankfurter Neuroökonomen Professor Michael Kosfeld, der ein Experiment zum Kooperationsdilemma gemacht hat in Äthiopien. Herr Kosfeld, gab es denn in den kooperationsbreiteren Gruppen nicht auch Trittbrettfahrer, die also genau jene Bäume heimlich gefällt haben, die die Gemeinschaft eigentlich zum Erhalt des Waldes stehen lassen wollten?

Kosfeld: Das gab es natürlich, und genau das ist das Problem, was Sie immer noch haben, selbst wenn Sie daran glauben oder wie wir es halt auch finden, dass es durchaus freiwillige Kooperation gibt. Gruppen sind nun mal heterogen und es gibt kaum Welten, in denen alle wunderbar zusammen kooperieren, sondern sie haben immer ein paar Trittbrettfahrer dabei. Deswegen ist die Frage auch: Wie schaffen es denn die, die freiwillig kooperieren, dann auch die anderen dazu zu bringen?

Denn wie ich beschrieben habe, die Kooperationsbereitschaft ist nicht generell. Das sehen wir überall, also Menschen sind eigentlich eher geneigt zu kooperieren und zu helfen, sich altruistisch zu verhalten, wenn das Gegenüber das auch tut. Wir nennen das den reziproken Altruismus. Und wenn ich jetzt weiß, dass ich in einer Gruppe bin, in dem sehr viele Trittbrettfahrer sich eben nicht an die Kooperation halten, da bin ich auch nicht mehr bereit, das zu tun. Also brauchen unsere freiwilligen Kooperierer mehr. Und was wir uns gefragt haben: Na ja, wie schaffen die das? Und wir haben die Menschen gefragt, ja welche Regeln habt ihr denn und wie setzt ihr die um? Wir haben sie insbesondere gefragt, wie oft seid ihr denn im Wald, um mögliche Trittbrettfahrer, die dann eben illegal, also indem sie die Regeln brechen, Holz abhacken, zu identifizieren? Also gibt es Patrouillen, in denen die einzelnen Bauern durch den Wald gehen, ja oder nein? Und wie viel Zeit investieren die?

Und da stellen wir fest, dass genau diejenigen, die von sich aus kooperativ sind, auch am meisten bereit sind, Zeit zu investieren, um Trittbrettfahrer zu identifizieren durch Patrouillengänge, also durch Kontrolle. Und genau das ist der Knackpunkt, den Sie jetzt brauchen: Diese Koppelung aus einer freiwilligen Kooperationsbereitschaft plus der zusätzlichen Bereitschaft, auch Trittbrettfahrer zu kontrollieren, die dann letztendlich sanktioniert wurden. Es gibt dort ein Panel von, ein Komitee, einen Führer dieser einzelnen Gruppen, einen Chef, der dann entscheidet, was mit denen passiert.

Karkowsky: Können Sie denn eine Erklärung dafür geben, dass manche Gruppen stärker als andere zur bedingten Kooperation bereit waren? Hatten die Mitglieder vielleicht mehr Altruismusgene?

Kosfeld: Das ist nach wie vor eine spannende Frage. Wir können in unserem Daten, wir haben keine genetischen Daten hier, die wir analysieren können, in diesem Datensatz. Wir können an unserem Datensatz zeigen, dass zum Beispiel der Chef einen großen Einfluss auf die Kultur dieser Gruppen hat. Also wenn der Chef selbst kooperativ ist – der hat auch unsere Experimente alle mitgemacht –, wenn der Chef selbst kooperativ ist, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass die Gruppe selbst viele kooperative Mitglieder hat, signifikant.

Das heißt, wir sehen so ein "leading by example", also ein Rollenmodell, was vorgelebt wird, was hier tatsächlich die Kultur prägt. Aber es ist eine große Frage: Was macht es tatsächlich, dass wir Unterschiede sehen zwischen den verschiedenen Bauern. Und da können natürlich auch biologische Grundlagen im Prinzip eine Rolle spielen.

Karkowsky: Sie haben also nun herausgefunden, dass die auf Kooperation aufbauenden Gruppen erfolgreicher sind, als jene, in denen es weniger Menschen gibt, die zur bedingten Kooperation bereit sind. Was können wir daraus nun für Folgen schließen? Gibt es Handlungsanweisungen, die Sie der Politik da mitgeben können, oder ist das einfach etwas, was unser Wissen über die menschliche Kooperation stärkt?

Kosfeld: Zum einen stärkt es unser Wissen, zum anderen hat es aber konkrete Handlungsfolgerungen, die hier eigentlich offen daliegen jetzt. Bisher beruhen die meisten Analysen dieser Probleme auf der Annahme, dass sich alle Menschen allein eigennützig verhalten. Wenn ich also versuchen will, das Problem in den Griff zu kriegen, dann muss ich die Institution und die Regeln entsprechend gestalten. Die Ergebnisse, die wir seit einigen Jahren in vielen Laborexperimenten gezeigt haben, dass Menschen halt eben teilweise nicht nur eigennützig sind, sondern dass es da freiwillige Kooperationsbereitschaft gibt, die zeigt jetzt, dass, wenn ich meine Institution bauen will, ich das berücksichtigen muss. Weil wir sehen nämlich zum Beispiel, dass vielfach so eine freiwillige Motivation auch verdrängt werden kann. Das heißt, wenn ich Regeln bauen will, damit so ein System funktioniert, darf ich nicht nur die motivieren, die eben unmotiviert sind ...

Karkowsky: ... also nicht nur Anreize für die bösen Buben ...

Kosfeld: ... genau, nicht nur Anreize für die bösen Buben, sondern ich muss im Hinterkopf haben, dass es Leute gibt, die eine eigene Kooperationsbereitschaft haben. Und deren Vertrauen in die Kooperationsbereitschaft anderer muss ich stärken. Und wenn ich das nicht tue, dann kann ich negative Effekte generieren, die nachher die positiven Effekte, indem ich nur auf die bösen Buben geschaut hab, dominieren.

Karkowsky: Auch hier wird es wieder schwer, mit der Vernunft zu kommen. Man könnte ja nun bei jeder künftigen zu schließenden Kooperationsvereinbarung die Ergebnisse Ihrer Studie vorlegen und sagen, seht her, wir haben bewiesen, dass euch Kooperation mehr bringt als nationale Sturheit, vor allem haben wir bewiesen, dass viele, von denen ihr annehmt, sie sind eigentlich Egoisten, das gar nicht sind. Warum aber funktioniert das nicht über den Verstand?

Kosfeld: Ja, der Verstand allein ist halt das eine, aber unsere Ziele, unsere Motive sind das andere. Und die Ökonomie hat ja genau diese beiden Achsen immer im Modell, dass wir einerseits immer versuchen vernünftig zu entscheiden, aber selbst wenn wir vernünftig entscheiden, haben wir oft Interessenkonflikte. Und diese Interessenkonflikte können wir nicht wegdefinieren durch Vernunft, sondern wir können sie nur schaffen, sie zu lösen. Und das können wir natürlich vernünftig machen, indem wir die tatsächlichen Motive unserer Akteure auch richtig erfassen und dann auch richtig berücksichtigen. Und da, hoffe ich, hat unsere Studie was Wichtiges zu beigetragen.

Karkowsky: Auswege aus dem Kooperationsdilemma zeigt ein Feldversuch des Frankfurter Neuroökonoms Michael Kosfeld. Ihnen Danke für das Gespräch!

Kosfeld: Danke Ihnen!

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