Dienstag, 21.05.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 11.10.2016

ÖkoroutineWie wir tatsächlich nachhaltig leben können

Michael Kopatz im Gespräch mit Nana Brink

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Eine Frau kauft in München in einem Biomarkt ein. (picture alliance / Marc Müller)
Viele Lebensmittel sind im Supermarkt als Bio-Lebensmittel erhältlich (Foto: Marc Müller dpa/lby) (picture alliance / Marc Müller)

Eine ökologische Transformation der Gesellschaft sei mit Informationskampagnen nicht zu erreichen, meint der Sozialwissenschaftler Michael Kopatz. Vielmehr müssten Strukturen und Handlungsroutinen verändert werden. "Das geht viel leichter."

In kaum einem Bereich klaffen Wollen und Handeln so weit auseinander wie beim Umweltschutz: So begrüßen etwa 80 Prozent der Bürger artgerechte Tierhaltung, aber nur ein Bruchteil dieser Menschen kauft auch tatsächlich Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Fast alle sind für mehr Klimaschutz – aber wir fliegen gleichzeitig so viel wie nie zuvor.

Dem Sozialwissenschaftler Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut für Klima, Energie, Umwelt zufolge kann diese Kluft nicht dadurch überwunden werden, dass man noch mehr informiert und Bewusstsein schafft.

Vorbild Rauchverbot

Damit die Menschen tatsächlich das tun, was sie für richtig halten, müssten einfach Handlungsroutinen geändert werden, meinte Kopatz im Deutschlandradio Kultur. "Wir können nicht die Menschen ändern, aber wir können die Strukturen ändern. Und das geht viel leichter."

Als Beispiel dafür, wie sich gesellschaftliche Handlungsroutinen ändern können, nennt Kopatz das Rauchen.

"Als ich 14 war, war es normal, dass die Leute, Eltern im Auto gesessen haben – hinten saßen die Kinder drin – und haben geraucht. Darüber hat sich kaum jemand aufgeregt. Heute gilt das fast als Körperverletzung."

Umweltstandards umsetzen, ohne nachzudenken

Dies sei nicht dadurch zustandegekommen, dass die Menschen von allein bewusster geworden seien. 

"Sondern weil wir Tabak teurer gemacht haben, weil wir Werbung eingeschränkt haben bis hin jetzt auch Werbung verboten haben. Und wir haben Rauchverbote verhängt, bis hin sogar zu Gaststätten.  Und all das hat auch unsere Selbstwahrnehmung verändert und unsere Kultur und unsere Gewohnheiten und letztlich damit auch unsere Routinen."

Auch im Umweltbereich finden sich Kopatz zufolge solche Beispiele. So gelte ab 2021 beim Bauen in der gesamten EU der Nullenergiestandard:

"Das heißt, jedes neue Gebäude hat maximale Effizienz. Und die Bauherren müssen sich dann keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie das umsetzen. Sie tun es einfach, ohne darüber nachzudenken." (uko)

Michael Kopatz: "Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten"
Oekom-Verlag, München 2016
416 Seiten, 24,95 Euro


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Hand aufs Herz: Was halten Sie oder wie halten Sie es mit dem Schutz der Umwelt? Greifen Sie zum Bio-Spülmittel oder zum teuren Bio-Grillwürstchen oder fliegen Sie deshalb wirklich weniger oder lassen das Auto bewusst stehen, um die Umwelt zu schonen? Fiese Frage, weiß ich! Natürlich haben wir alle ein Öko-Bewusstsein und es geht ja auch gar nicht anders angesichts des Klimawandels, des Aussterbens von Tierarten, dem Verschwinden des Regenwaldes oder der Massentierhaltung.

Also, wir bemühen uns, nur manchmal hapert es doch schon mal bei der Umsetzung. Bei dem könnte nun das Konzept der Öko-Routine helfen! Michael Kopatz, Projektleiter für Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik beim Wuppertal Institut – das ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen –, er hat darüber ein Buch geschrieben: "Damit wir tun, was wir für richtig halten". Schönen guten Morgen, Herr Kopatz!

Michael Kopatz: Ja, schönen guten Morgen!

95 Prozent unserer Tätigkeiten sind Routinehandlungen

Brink: Was heißt denn Öko-Routine für Sie?

Kopatz: Ja, der Begriff Routine, der kommt daher, dass wir in 95 Prozent der Tätigkeiten, also quasi unseren ganzen Alltag bewältigen, ohne darüber nachzudenken. Allein wenn die Leute jetzt im Auto sitzen, den Fahrstreifen wechseln, dann blicken sie über die Schulter, schalten, kuppeln, Schulterblick, also, die Geschwindigkeit kontrollieren … All das sind Handlungen, die zur Routine geworden sind. Das Problem ist aber auch, dass wir diese Handlungen eigentlich nicht bereit sind zu ändern. Also, das gilt auch für die Produkte, die wir an Waren im Supermarkt kaufen. Die meisten davon kaufen wir ganz selbstverständlich, weil wir uns daran gewöhnt haben.

Und diese Routine ist auch neuronal ganz tief verankert, also, da ist ganz schwer heranzukommen. Und ich meine, dass sich die Routinen ändern müssen, damit die Leute tun, was sie für richtig halten. Denn wir tun nicht das, was wir eigentlich wollen. 90 Prozent der Bürger wollen den Klimaschutz, aber tagtäglich benutzen wir das Auto oder fliegen oder essen relativ viel Fleisch. Und das zu ändern, das wird nicht passieren durch einige moralische Appelle oder neue Kampagnen und Bildungsarbeit.

Ein Landschwein schaut in seiner luftigen Stallung auf dem Gut Klepelshagen der Deutschen Wildtierstiftung in Klepelshagen durch Gitterstäbe. (dpa/ picture-alliance/ Jens Büttner)Bio-Fleisch ist den meisten Verbrauchern schlicht zu teuer. (dpa/ picture-alliance/ Jens Büttner)

Brink: Das ist ja eine sehr strikte Meinung, dass Sie sagen 90 Prozent. Haben Sie Belege dafür? Weil, ich habe ja immer den Eindruck, wenn ich zum Beispiel in den Bio-Markt gehe oder wenn ich irgendwo anders bin, dass es eigentlich ein sehr großes Bewusstsein gibt und ein großes Reden und auch Bemühen darum.

Wieviel Macht hat der Kunde wirklich?

Kopatz: Na ja, also, die Statistik ist eindeutig. Die Zahl derjenigen … Also, der Anteil der Bio-Produkte im gesamten Lebensmittelmarkt liegt bei fünf bis sechs Prozent und bei Fleisch ist das noch deutlich weniger. Und der Anteil Bio-Fleisch ist noch weniger, also, das … Da ist zwar etwas in Bewegung geraten, aber eine kritische Masse werden wir so auf keinen Fall erreichen, das ist illusionär. Einfach weil manchen unbequem ist.

Beziehungsweise, nehmen wir mal Bio-Fleisch, das ist ungefähr doppelt, teilweise doppelt, dreimal so teuer. Und selbst diejenigen, die sich selber für ziemlich ökologisch orientiert halten, die wenigsten von denen kaufen tatsächlich dann das Fleisch. Die sagen in der Regel dann, ja, das war mir zu teuer. Also, wenn all diejenigen Bundesbürger, die sich das leisten können, das tun würden auch in der Praxis, also im Geschäft, dann hätten wir schon Bio-Marktanteil beim Fleisch von 50 Prozent mindestens.

Brink: Nun haben Sie gesagt, wir brauchen Routine, um bestimmte Dinge dann zu ändern, die wir für richtig halten, also tief in unserem Inneren, aber sozusagen unser neurales System hindert uns daran. Wie kommt man denn dann daran, dass wir das tun, was wir für richtig halten?

Kopatz: Ja, eben nicht dadurch, dass die Leute jetzt bewusster werden oder noch mehr über irgendetwas nachdenken oder noch besser im Fernsehen oder in der Schule informiert werden. Das wird zwar allgemein immer so kommuniziert, dass der Kunde die Macht hat, und wenn jetzt alle ihre Entscheidung ändern würden, also, wenn die Bundesbürger jetzt mit einem Mal anfangen würden, wesentlich mehr Bio-Fleisch zu essen oder wesentlich weniger zu fliegen, dann würde sich das Angebot natürlich dementsprechend anpassen. Aber das ist in der Realität nicht so. Und ich sage deswegen, wir können nicht die Menschen ändern, aber wir können die Strukturen ändern. Und das geht viel leichter.

Es ist ganz gut zu erklären, wie sich Routinen ändern können, eigentlich am Beispiel Rauchen. Als ich 14 war, war es normal, dass die Leute, Eltern im Auto gesessen haben – und hinten saßen die Kinder drin – und haben geraucht. Darüber hat sich kaum jemand aufgeregt. Heute gilt das fast als Körperverletzung.

Das kam nicht, weil die Leute einfach bewusster geworden sind von alleine, sondern weil wir Tabak teurer gemacht haben, weil wir Werbung eingeschränkt haben bis hin jetzt auch Werbung verboten haben. Und wir haben Rauchverbote verhängt bis hin sogar in Gaststätten. Und all das hat auch dann unsere Selbstwahrnehmung verändert und unsere Kultur und unsere Gewohnheiten und letztlich damit auch unsere Routinen.

Strukturen lassen sich leichter verändern als Menschen

Und diese Grundidee, die setzen wir auch in der Politik bereits um. Der Vorteil ist, dass die Strukturen zu verändern, Rahmenbedingungen beim Klimaschutz, in vielen Fällen viel leichter ist. Wenn Sie zum Beispiel bei den Gebäuden … Die neuen Gebäuden dürfen jetzt maximal noch … Also, beziehungsweise ab 2021 ist null Energie Standard, gilt dann für die ganze Europäische Union.

Das heißt, jedes neue Gebäude hat maximale Effizienz. Und die Bauherren müssen sich dann keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie das umsetzen, sie tun es einfach, ohne darüber nachzudenken. Das befreit einen auch von viel Grübelei mit dem Architekten. Das ist ungefähr so, als würden Sie beim Tabakkonsum oder beim Tabak die Schadstoffe so weit reduzieren, dass am Ende keine Schadstoffe mehr drin sind.

Brink: Aber ich erinnere mich jetzt so ein bisschen an die Diskussion um den Veggieburger zum Beispiel in öffentlichen Kantinen, wofür die Grünen auch irgendwie sehr verspottet worden sind nach dem Motto: Das ist Bevormundung. Steckt nicht in diesem Konsum, das Sie vorschlagen, nicht auch eine große Bevormundung des Konsumenten?

Bevormundung des Konsumenten? "Nur scheinbar"

Kopatz: Ja, nur scheinbar. Also, die Grünen haben da einen kleinen … Ich würde mal sagen, erst mal ist natürlich manipulativ in den Medien diskutiert worden. Aber letztlich war es auch eine Strategie, die nicht gut verfängt in der Öffentlichkeit. Wenn ich aber sage, ich will die Bedingungen im Stall verändern und nicht am Küchentisch, und nicht die Moral am Küchentisch, dann geht das relativ einfach.

Kaum jemand der Bundesbürger hat mitbekommen, dass ein Legehuhn heutzutage doppelt so viel Auslauf hat wie im Jahr 2003. Das Produkt an der Ladentheke hat sich verändert, ohne dass jemand eigentlich es sogar mitbekommen hat. Oder der Stand-by-Verlust von Elektrogeräten liegt mittlerweile bei einem halben Watt in der ganzen Europäischen Union, also ein Markt mit 500 Millionen Konsumenten, und vorher war ein Leerlaufverlust von 30, 50 Watt. Also, die Geräte haben mehr Strom verbraucht, wenn sie scheinbar aus waren. U

nd das gibt es jetzt seit vielen Jahren nicht mehr, weil die Europäische Union das zum Standard gemacht hat Im Grunde hat uns das also enorm entlastet und keiner hat davon etwas mitbekommen. Allerdings muss ich zugeben, ich habe auch Vorschläge, die deutlich wahrnehmbar sein werden in der Öffentlichkeit.

Brink: All das nachzulesen in Ihrem Buch "Damit wir tun, was wir für richtig halten". Vielen Dank, Michael Kopatz! Und wir haben gesprochen über das Konzept der Öko-Routine. Danke für das Gespräch!

Kopatz: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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