Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.04.2014

Ökonomie ist nicht allesDu musst Dein Leben ändern!

Die Spardiktate, die die EU manchen Ländern zumutet, grenzen an Sadismus

Von Gesine Palmer

Podcast abonnieren
Ein griechischer Journalist hält eine Tageszeitung in der Hand, auf der Bundeskanzlerin Merkel auf einem Thron sitzt. (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)
Eine griechische Zeitung setzt die Kanzlerin auf einen Thron: Viele Südeuropäer sind verärgert über die deutsche Krisenpolitik. (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)

In der EU müssen manche – wenn nicht ihr Leben – so doch ihre Haltung verändern. Das findet die Theologin Gesine Palmer. Sie ist empört darüber, dass die wirtschaftlich starken Staaten den schwachen Vorschriften machen.

Als Peter Sloterdijk den letzten Vers von Rilkes Gedicht "Archäischer Torso Apollos" zum Titel für sein Buch "Du musst dein Leben ändern" machte, da meinte er das positiv. Es geht darin um Training, um Selbstoptimierung, um alles, was wir so erreichen können, wenn wir nur ordentlich üben, üben, üben. Sloterdijk war dabei nah an dem Gedicht. "Du musst dein Leben ändern" – das scheint im Gedicht ja eine Selbstermunterung zu sein.

Im Alltag funktioniert das oft anders. Da dominiert die zweite Person – und erzeugt eine fatale Unwucht. DU musst dein Leben ändern. Und zwar am besten so, wie ICH es dir vorschreibe. Wer diesen Ruf von sich geben kann, der hat es geschafft. Wer ihn hören muss und gezwungen werden kann, ihm zu folgen, der hat verloren.

Im Jahr 2013, dem Jahr 11 nach der Einführung des Euro, wurden in Spanien täglich 184 Zwangsräumungen durchgeführt. Das ist nur eine Zahl, die anschaulich macht, was in den europäischen "Problemländern" vor sich geht. Während die baltischen Staaten munter den Gürtel enger geschnallt, die Ärmel aufgekrempelt und ihr Leben verändert haben, ist es den Mittelmeereuropäern nicht gelungen, den Reformprozess wirklich zu ihrer eigenen Sache zu machen.

Protestanten wird gern Leidenswille unterstellt

Das könnte am guten alten Gegensatz der Konfessionen, an ihrer Einstellung zur kapitalistischen Ethik liegen. Nur Protestanten haben eben jene sadistische und notfalls auch mal selbstquälerische Freude an „einschneidender" Reform und „schmerzhaften Einschnitten". Katholiken und Orthodoxe hingegen haben keine Freud am Leid?

So simpel ist das wohl nicht. Kann wirklich jemand ernsthaft den nachhaltigen Ruin vieler Familien begrüßen und der Verödung ganzer Landstriche als Kollateralschaden auf dem Weg zur gemeinsamen Glorie abbuchen? Nein, diese Schmerzrhetorik klingt nicht nach Selbstermunterung, sondern nach "Sado-Kapitalismus", wie es Günther Nenning genannt hat.

Mitten in Europa wird einer wachsenden Zahl von Menschen die ökonomische Sicherheit entzogen, auch dann, wenn sie sich nach besten Kräften anstrengen – und alles Tugend- und Reformgerede schlägt in eine sadistische Rede um, wenn ihnen zugleich die alleinige Verantwortung für die Folgen zugemutet wird, gegen die sie in Wahrheit nicht die geringste Chance haben. Wir entscheiden, wann ihr so weit seid, dass wir nicht nochmal drüber gehen müssen.

Den baltischen Staaten dürfte außer dem Protestantismus die schlechte Erinnerung an die Sowjetunion geholfen haben. Vor diesem Hintergrund erschien ihnen die Mitgliedschaft in der EU trotz der Mühen der Reformen reizvoll. Die Mittelmeerländer hingegen haben, allen voran Griechenland, gute Gründe, sich nicht nur als Alteingesessene Europas, sondern als das Ursprungsland der europäischen Demokratie anzusehen.

Menschliche Handlungen neu - und nicht öknomisch - organisieren

Italien ist immer noch eine wichtige Wiege von Kultur- und Rechtsverständnis. So kommt denn auch von dort eine Tugendpredigt in der Gegenrichtung. Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriere sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie, schreibt der Jurist und Kulturwissenschaftler Giorgio Agamben. Für den homo sapiens sei vielleicht der Moment gekommen, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren.

Wie das gehen soll, wenn die Wirtschaft am Boden liegt, erschließt sich mir nicht. Jedoch gab es eine Zeit, da reisten Nordeuropäer nach Südeuropa, um sich aus dem stählernen Gehäuse der nach Max Weber auf protestantische Weise ökonomisierten Welt so weit zu befreien, dass sie kreativ werden konnten. So hat zum Beispiel Goethe sein Leben geändert. Nicht, weil es ihm jemand verordnet hatte – sondern weil er es wollte.

Wirtschaftlicher Erfolg allein berechtigt nicht dazu, anderen vor zu schreiben, wie sie ihr Leben ändern müssen. Eine EU, in der die einen das Gefühl haben, am Gängelband der anderen zu gehen, hat hier einen Grund, ihr Leben zu ändern.

 

Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer (privat)

Dr. Gesine Palmer, geb. 1960 in Schleswig-Holstein, studierte Pädagogik, evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Lehr- und Forschungstätigkeit gründete die Religionsphilosophin 2007 das „Büro für besondere Texte" und arbeitet seither als Autorin, aber auch als Redenschreiberin, Trauerrednerin und Beraterin. Ihr wiederkehrendes Thema sind „Religion, Psychologie und Ethik" – im Kleinklein der menschlichen Beziehungen wie im Großgroß der Politik.

Politisches Feuilleton

Folgeschäden des BergbausO Ewigkeit, du Donnerwort!
Bergleute stehen auf der Zeche Prosper Haniel im Förderkorb. Das Bergwerk Prosper Haniel ist das letzte aktive Steinkohle Bergwerk im Ruhrgebiet. Ende 2018 schließt die Ruhrkohle AG (RAG) das Bergwerk.  (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

Die letzte Zeche in Deutschland schließt, doch das Kapitel Steinkohlebergbau ist damit nicht beendet. Denn die Folgeschäden werden in alle Zukunft reichen, von Ewigkeitskosten und Ewigkeitsschäden wird gesprochen. Mächtige Worte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur