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Interview | Beitrag vom 02.12.2020

Ökonom über 30 Jahre "Blühende Landschaften"Es läuft besser, als oft erzählt wird

Karl-Heinz Paqué im Gespräch mit Dieter Kassel

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Weimar (Thüringen): Ein Spruchband mit der Aufschrift "Schäm Dich Helmut" halten am 20.08.2002 Gegendemonstranten bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU mit Altbundeskanzler Helmut Kohl auf dem Theaterplatz in Weimar.  (picture alliance / Zentralbild / Jan-Peter Kasper)
Ernüchtert von Helmut Kohl und seinen "Blühenden Landschaften": Protest in Weimar. (picture alliance / Zentralbild / Jan-Peter Kasper)

Für viele Ostdeutsche ist die Wendezeit mit dem Gefühl des Abgehängtseins verbunden. Der Ökonom Karl-Heinz Paqué wirbt für eine neue Perspektive: Im Osten sei in 30 Jahren viel passiert. Auch Bayern habe lange gebraucht, um zum Hightech-Standort zu werden.

Vor genau 30 Jahren fand die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl statt, und Helmut Kohl gab sein Versprechen, in der ehemaligen DDR bald "blühende Landschaften" entstehen zu lassen. Für sehr viele Menschen kam dann aber erst einmal die Ernüchterung: Abwicklungen und Jobverlust in der Wendezeit statt fulminantem Neustart, so erlebten es etliche.

Karl-Heinz Paqué, Ökonom und Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, hält dagegen - er will diese Ausdeutung der Vergangenheit so nicht stehen lassen. Der ehemalige Finanzminister von Sachsen-Anhalt hat gemeinsam mit dem Soziologen Richard Schröder eine Streitschrift zur Deutschen Einheit vorgelegt. Titel: "Gespaltene Nation? Einspruch!"

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Die Botschaft: Es kann weder von einer dauerhaften wirtschaftlichen noch politischen oder sozialen Spaltung zwischen Ost und West die Rede sein.

Das Buch wendet sich damit gegen die vorrangig negativen Narrative, die oft zu hören sind, wenn es um die Einheit geht. Da wird zum Beispiel die immer noch große soziale und finanzielle Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland betont. Und da wird von den jungen Menschen gesprochen, die scharenweise ihre alte Heimat in den neuen Bundesländern gegen Studienplätze und Jobs im Westen eintauschten.

Die Abwanderung ist seit 2012 gestoppt

Vieles davon lasse sich widerlegen, sagt Paqué. Seit 2012 sei die Nettoabwanderung gestoppt, viele junge Leute kehrten inzwischen sogar in die alte Heimat zurück. Es gebe hervorragende Hochschulen und Schulen in den ostdeutschen Bundesländern, und was die Einkommen betrifft, sei der Aufschluss zum Westen fast gelungen.

Der FDP-Politiker räumt andererseits aber auch ein: "Ich würde überhaupt nicht bestreiten, dass das ein langfristiger Prozess ist. Und dass das die große Täuschung bei der deutschen Einheit gewesen ist." Die "blühenden Landschaften": Das habe Helmut Kohl "viel zu vereinfacht formuliert", meint Paqué.

Dass sich Regionen und Bundesländer langsam entwickelten, gelte auch für Westdeutschland, betont Paqué und führt das Beispiel der Bayern ins Feld: "Vor dem Zweiten Weltkrieg war Bayern eine totale Agrarregion und hat sich dann in den 50er, 60er, 70er und 80er-Jahren hervorragend entwickelt. Heute ist es eine Hightech-Spitzenregion. Aber das hat mehrere Jahrzehnte gedauert."

(mkn)

Karl-Heinz Paqué, Richard Schröder: "Gespaltene Nation? Einspruch!"
Eine Streitschrift zu 30 Jahren Deutsche Einheit
NZZ Libro, Zürich 2020
289 Seiten, 32 Euro

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