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Studio 9 | Beitrag vom 13.03.2020

Ökonom Thomas Piketty in BerlinGroße Utopien vor kleinem Publikum

Andre Zantow im Gespräch mit Ute Welty

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Porträt von Thomas Piketty vor Haustür in Amsterdam. (picture alliance / ANP / Sander Koning)
Thomas Piketty Ende Februar in Amsterdam: Der französische Ökonom war vor Kurzem auch in den Niederlanden, um für sein Buch "Kapital und Ideologie" zu werben. (picture alliance / ANP / Sander Koning)

120.000 Euro für jeden, finanziert per Vermögenssteuer: Mit seinen Ideen hätte der Ökonom Thomas Piketty in Deutschland Hallen füllen können. Wegen der Coronakrise präsentierte er sein Buch "Kapital und Ideologie" nun vor 40 Leuten. Fans gab es trotzdem.

Thomas Piketty wäre eigentlich gestern Abend in der vollen Berliner Volksbühne aufgetreten. Aber statt 800 Zuschauern waren es knapp 40 im Centre Marc Bloch in der Friedrichstraße. Das deutsch-französischen Forschungszentrum für Sozial- und Geisteswissenschaften organisierte ein internes Arbeitsseminar für Mitarbeiter, Wissenschaftlerinnen und Journalisten.

Auf dem Podium saßen die Soziologin Bénédicte Zimmermann, die Historikerin Heike Wieters und der Politikökonom Henrik Enderlein, um die interdisziplinären Ausflüge des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty in seinem neuen Buch "Kapital und Ideologie" zu diskutieren. Für alle Fachrichtungen war etwas dabei.

Die Ungleichheit wächst

"Ein großartiges Buch, es ist ein vielschichtiges Buch, es macht viel Spaß durch die Seiten zu gehen und auch mal zu überblättern, es ist ein so ausführliches Konstrukt. Was man sehr genau lesen muss, ist die Einleitung und der ganze Schluss", so das Kurzfazit von Henrik Enderlein. Bei mehr als 1300 Seiten und einem Ritt durch Geschichte und Kontinente mit vielen Zahlen, Daten, Statistiken zur Ungleichheit kein Wunder, wer sich da auf die Kernaussagen des französischen Ökonomen konzentrieren will:

"Besitz ist super, aber das Problem ist, die meisten Leuten haben keinen. Die unteren 50 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben fünf Prozent des Gesamtvermögens besessen Anfang der 1990er-Jahre. Heute besitzt die untere Hälfte weniger als drei Prozent. Es war also wenig und ist heute noch weniger. Also müssen wir das Steuersystem neu ausbalancieren. Um mehr Leuten Zugang zu Vermögen zu geben."

Verteidigung des partizipativen Sozialismus

Thomas Piketty spricht an diesem Nachmittag immer wieder von Lösungsansätzen, weil momentan eine breite Schicht nicht profitiere von der Globalisierung. Das zeige sich im Brexit-Votum oder in der Ablehnung des EU-Vertrages 2005 beim Referendum in Frankreich. Er sieht uns in einer Übergangsphase:

"Was ich möchte, ist die Transformation des Kapitalismus und der Besitzverhältnisse fortsetzen. Das hat schon im 20. Jahrhundert begonnen: Mit mehr Rechten für Arbeiter, weniger Stimmrechten für Großaktionäre in den Konzernen. Die Grundidee des partizipativem Sozialismus, die ich verteidige, ist, dass wir in sehr gebildeten Gesellschaften leben und alle brauchen, um an ökonomischen Entscheidungen mitzuwirken. Dafür brauchen wir auch mehr Zirkulation von Kapital und eine fortschrittliche Beteuerung.

In Deutschland hatten wir eine hohe Vermögensteuer nach dem Zweiten Weltkrieg. In diese Richtung müssen wir weiter gehen. Damit alle Zugang haben zu Bildung und Besitz. Nicht alle müssen Millionäre sein, aber alle müssen Zugang zu Besitz haben – sogar 100.000 oder 200.000 Euro im Vergleich zu Null Euro machen einen großen Unterschied."

120.000 Euro als Startkapital fürs Leben

120.000 Euro, schlägt er vor, solle jeder mit Mitte 20 bekommen. Als Startkapital für das Leben.

"Die Grundidee ist, dass man gleiche Chancen hat. Arme Kinder sollten ihr Leben mit etwas Kapital beginnen. Nicht so viel wie reiche Kinder, aber wir sollten die Lücke reduzieren. Das ist eigentlich Common Sense. Aber verrückterweise sagen auch die Leute, die an Chancengleicheit glauben: Wenn wir den armen Kindern 120.000 Euro geben, ist das zu viel für die Armen. Damit könnten sie nichts Sinnvolles anfangen. Als ob reiche Kinder ihr Geld immer clever nutzen. Das stimmt nicht im Alltag."

Dazu will er eine hohe Besteuerung von Vermögen. 90 Prozent schweben Piketty vor. Den französischen Präsidenten Hollande überredete er zu einer 75-prozentigen Vermögensteuer. Kein Erfolg in der Praxis. Viele Reiche verlegten einfach ihren Wohnsitz.

Die "Entsakralisierung von Eigentum"

Von "radikaler Utopie" ist einige Male die Rede in der Runde. Piketty ist kein Mann des Pragmatismus. Er ist Wissenschaftler mit ganzem Herzen. Auch kein Politiker, knackige Statements hört man bei ihm kaum. Er verliert sich oft in minutenlangen Gedankenketten und kommt dann vom Bildungsstand der Industrieländer 1914 bis zur vorbildlichen Vermögensteuer in Taiwan heute.

Die Welt betrachtet er durch seine Brille der Umverteilung. Und hier hat Piketty schon aktivistische Züge. Er will, dass sich alle – vor allem die Geisteswissenschaftler – mehr einmischen und Ökonomie-Diskussionen nicht einer kleinen Expertengruppe überlassen. Er will die "Entsakralisierung von Eigentum" für eine gerechtere Gesellschaft, die Zugänge für alle ermöglicht.

Die Umverteilung ist das Lebensthema des 48-Jährigen. Große Hallen braucht er dafür nicht. Seine Energie – gespickt mit großem Faktenwissen aus seinen Forschungen – sprüht egal wo aus ihm heraus.

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