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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.04.2012

Ökonom kritisiert "krampfhaftes Festhalten" an Wirtschaftsmodellen

Rudolf Hickel fordert eine neue Wirtschaftstheorie

Moderation: Korbinian Frenzel

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Rudolf Hickel fordert die Zerschlagung von Banken (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)
Rudolf Hickel fordert die Zerschlagung von Banken (picture alliance / dpa / Ingo Wagner)

Nach Ansicht des Ökonomen Rudolf Hickel mangelt es vielen seiner Kollegen an Mut, Krisen nicht nur zu bekämpfen, sondern sie durch neue Ideen von vornherein zu verhindern. Man müsse eine Lehre aus dem "Versagen des finanzgetriebenen Kapitalismus" ziehen.

Korbinian Frenzel: Es mag einem schon manchmal seltsam vorgekommen sein während der Wirtschafts- und Finanzkrise: Da bricht ein System zusammen, das zu sehr an den Markt und an das Gewinnstreben geglaubt hat, und wenn immer die Politik seither etwas getan hat, vor allem zur Bekämpfung der Eurokrise, dann sind es genau diese Märkte gewesen, die Finanzmärkte, die zufriedengestellt werden mussten oder zumindest beruhigt - kurzum, die den Takt vorgegeben haben.

Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus, so hat das der englische Ökonom Colin Crouch gerade in seinem jüngsten Buch genannt. Und auch hierzulande wundern sich jetzt einige lautstark darüber, dass gerade die Wirtschaftswissenschaft so wenig gelernt zu haben scheint aus dieser Krise. Das tut ein Kreis von bald 100 Professoren in einem Memorandum für die Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften. Rudolf Hickel, Professor an der Universität Bremen, ist einer der Erstunterzeichner und jetzt bei uns im Interview. Guten Morgen, Herr Hickel!

Rudolf Hickel: Schönen guten Morgen!

Frenzel: Fangen wir mal von vorne an, diese Krise, die wir erlebt haben, ist sie ein Kind, das an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten geboren wurde?

Hickel: Unmittelbar nicht, ist sie da nicht geboren worden. Geboren ist die Krise dadurch, dass vor allem seit Maggie Thatcher und dann … Bill Clinton, dann aber auch in Deutschland, die Finanzmärkte dereguliert worden sind und man nicht wusste, welche Sprengkraft man auslöst. Die Wirtschaftswissenschaft hat aber sozusagen indirekt Hilfestellung gegeben, weil sie im Grunde genommen Modelle geliefert hat so nach dem Motto: Finanzmärkte sind eigentlich nie krisenanfällig, sie haben immer die Möglichkeit, optimal zu fungieren, die Banken funktionieren gleichsam wie ein Räderwerk. Und insoweit ist diese Art von Politikberatung, die da stattgefunden hat, hat natürlich eine ganz große Verantwortung für die Krise, und deshalb wird ja auch zurecht gesagt, das Allerwichtigste ist, dass die Beratungsökonomie jetzt endlich die Konsequenzen aus dieser Krise zieht und ihre Lehrbuchmodelle umbaut beziehungsweise die Krisenanfälligkeit vor allem von Finanzmärkten künftig ganz klar berücksichtigt.

Frenzel: Und jetzt sagen Sie, das tut sie bisher nicht genug. Woran liegt das? Fehlt da die Fantasie?

Hickel: Die Gründe sind eindeutig, es ist sozusagen der mangelnde Mut, sich auch mit Herrschenden anzulegen. Wenn man heute die Banken kritisiert, wenn man beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren Riesen-Spekulationsgeschäften etwa mit Nahrungsmitteln auf den Warenterminbörsen kritisiert, dann kann es ungemütlich werden. Und ich denke schon, es sind eigentlich zwei Gründe: einerseits dieses etwas krampfhafte Festhalten an der Eleganz der Modelle, so nach dem hegelianischen Motto, egal, schade um die Realität, wenn sie mit dem Modell nicht übereinstimmt, und andererseits der mangelnde Mut, wirklich die Wirtschaftswissenschaft, die Zunft kritisch aufzuziehen, sie im Grunde genommen als eine Lehre des Versagens des finanzgetriebenen Kapitalismus zu begreifen.

Frenzel: Aber vielleicht liegt es ja einfach auch daran, dass Wirtschaftswissenschaft eben auch nach dem Grundprinzip von Wirtschaft denkt, nämlich nach dem Prinzip des Marktes, also kaufen, verkaufen und dabei möglichst viel Gewinn machen.

Hickel: Na ja, wenn das der Inhalt der Wirtschaftswissenschaft wäre, dann würde ich doch vorschlagen, dass wir am besten sie abschaffen, weil sie dann eigentlich ihre ganz wichtige Funktion verloren hat. Genau das Gegenteil muss sie eigentlich zeigen, die kritische Wirtschaftswissenschaft - und dafür gibt es ja wunderbare historische Vorläufer auch, übrigens schon bei Adam Smith, einem der Gründer, der es sehr kritisch gesehen hat -, nämlich zu zeigen, dass wenn man dem einzelwirtschaftlichen Profitmotiv folgt oder wenn man den Homo oeconomicus unterstellt, also eine hochgradig individualisierte, abstrakte, sozial entleerte Figur, die immer ihren Nutzen maximiert, wenn man das unterstellt, dann kommt im gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang eben keine Wohlfahrt zustande, sondern kann dadurch Krise und kann Fehlentwicklung ausgelöst werden. Das ist eigentlich die Aufgabe, die die Wirtschaftswissenschaft hat.

Das übersieht der Stammtisch, das übersieht auch die aktive Politik, aber unser Job ist es - und das tun wir auch in unserer Arbeitsgruppe alternative Wirtschaftspolitik -, zweierlei, nämlich erstens zu zeigen, dass solche Systeme krisenanfällig sind, und zwar brutal - vor allem werden dann immer die getroffen, die mit der Krisenverursachung nichts zu tun haben -, und zweitens Modelle zu zeigen, wie wir da raus kommen, nämlich ...

Frenzel: Aber die frage ist doch, warum kommen Sie denn nicht damit in der Politik an? Wenn wir mal zurückgucken in der Wirtschaftsgeschichte, da gibt es ja diese wunderbare Geschichte des Aufstieg des Neoliberalismus, wie also belächelte Ökonomen um Milton Friedman in den 70er-Jahren diese Theorie entwickelt haben, das dann aber geschafft haben, dass Politiker wie - Sie haben es schon erwähnt - Maggie Thatcher in Großbritannien, Ronald Reagan in den USA, das auf ihre Fahnen gehoben haben. Das müsste Ihnen doch jetzt auch gelingen in dieser Situation der Krise, dass Sie Alternativen aufzeigen und die dann auch zur Politik werden.

Hickel: Ja, wenn man aber diese Alternativen aufzeigt, dann muss man massiv in die bisherigen Verfügungsgewalt-Kräfte des Wirtschaftssystems eingreifen. Und da ist genau der Punkt, an dem nichts passiert. Wir können es ja mal am Beispiel deutlich machen: Die Bundeskanzlerin ist 2009 unter dem Schock der Krise nach London geflogen und hat dort erklärt, es darf nie wieder Finanzmarktprodukte geben, Finanzmärkte, Finanzinstitutionen, die nicht schärfstens kontrolliert werden. Jetzt fragen wir mal heute, was ist von dem Satz übriggeblieben - heute hat sich der Satz verkehrt in die Aussage, ach, man muss ja doch eher die Finanzmärkte und das Bankensystem schonen, das hat natürlich auch was sozusagen mit politischen Landschaftsverhältnissen zu tun.

Unser Problem, das ist immer das Problem der Kritik, dass unsere Vorschläge immer auf massive Gegeninteressen stoßen und dass sie deshalb nicht so einfach durchsetzbar sind. Es gibt aber - da bin ich relativ überzeugt - es gibt in der Zwischenzeit schon so einen allmählichen Lernprozess auch in der Mainstream Economics, weil man sich ja nun wirklich so massiv blamiert hat, dass jetzt begriffen wird, wir brauchen eine neue Theorie, die vor allem viel deutlicher Politik in den Vordergrund stellt.

Frenzel: Dann fragen wir doch mal nach dieser neuen Theorie: Wie soll die aussehen und wie sieht dann unsere Wirtschaft aus, die auf einer solchen Theorie basiert?

Hickel: Na ja, die Märkte müssen - ich sage es mal ganz schlicht und vielleicht ein bisschen auch oberflächlich - gebändigt werden, vor allem die Finanzmärkte müssen gebändigt werden, die Banken müssen im Grunde genommen - ja, man kann es sagen - zerschlagen werden, vor allem in dem Bereich, in dem Investment- und Spekulationsbereich, das müsste durch Regulierung abgebaut werden.

Wir brauchen dann beispielsweise auch zur Dämpfung der internationalen Spekulationsgeschäfte eine Finanztransaktionssteuer - es gibt schon ein Instrumentarium und das würde man, wenn man es ordnungspolitisch zusammenfasst, würde man sagen, jawohl, wir nützen die Marktkräfte, aber wir nützen sie nur dort, wo sie effizient sind. Wenn es aber im Grunde genommen zur Krisenerzeugung kommt und zu schweren Belastungen der Wirtschaft beziehungsweise auch der Gesellschaft und Politik, dann muss gegengesteuert werden, also ein stärkeres Primat der gestaltenden Politik, wobei ich dazu sage, Politik selber muss natürlich auch neu strukturiert werden, weil die Politik hat ja, gerade auch in Deutschland 2002, 2003 bei der Deregulierung der Finanzmärkte massiv versagt.

Frenzel: Aber ist das nicht genau die Logik dieser Märkte, wie Sie sagen, staatliche Korrektur, staatliche Regulierung, die findet dann statt, gerade nach so einer Krisensituation - vielleicht nicht ganz so stark, wie Sie sich das gewünscht haben, aber dann läuft es besser -, und dann sagt man, jede Regulierung, die begrenzt ja auch das Wachstum, und sie fällt wieder, gerade im internationalen Wettbewerb. Ist das nicht die innere Logik dessen, was wir ja dann man Ende doch Kapitalismus nennen müssen?

Hickel: Wir haben jetzt einen Bankenrettungsfonds, der geschaffen worden ist, in den die Banken einbezahlen. Der geht in der Tat von der von Ihnen beschriebenen Logik aus, dass am Ende dann eben aus dem Pott bezahlt wird, wenn es zur nächsten Krise kommt. Und wir sagen, die Krise muss verhindert werden, beispielsweise auch durch das Verbot der übelsten Spekulationsinstrumente, die müssen einfach verboten werden. Die Warenterminmärkte müssen kontrolliert werden. Das Dritte ist die Bekämpfung der Schattenbanken. Da gibt es in der Zwischenzeit einen breiten Konsens, der reicht sozusagen von dem Chefberater Issing der Bundesregierung bis hin zur Weltbank, dass diese Schattenbanken bekämpft werden müssen, das heißt, sie dürfen nicht zustande kommen.

Frenzel: Dann wollen wir mal sehen, ob dieser große Konsens dann auch zu politischen Ergebnissen führt.

Hickel: Das ist die große Frage, wohl wahr!

Frenzel: Rudolf Hickel, Volkswirtschaftsprofessor und Erstunterzeichner des Memorandum für eine Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Hickel: Schönen Dank!

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