Ökologische Wende

    Den eigenen Lebensstil ganz neu denken

    04:23 Minuten
    Vor einem Supermarktregal hält jemand ein Glas mit veganem Aufstrich in den Händen und liest die Inhaltsstoffe.
    Die Frage, mit welcher Kaufentscheidung man den Planeten weniger belastet, stellt sich täglich ganz konkret im Supermarkt, sagt der Philosoph Uwe Bork. © picture alliance / photothek / Ute Grabowsky
    Ein Kommentar von Uwe Bork · 22.10.2021
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    Grün zu sein, sei heute einfach, behauptete unlängst Regierungschef Boris Johnson. Der Journalist Uwe Bork hingegen meint, kleine Veränderungen im persönlichen Verhalten seien gut. Um den Planeten zu retten brauche es aber ein radikales Umdenken.
    In New York ereignete sich jüngst Unerhörtes: Boris Johnson, seines Zeichens britischer Premierminister, erklärte dort am Rednerpult der UN-Vollversammlung seinen grundlegenden Dissens mit Kermit, seines Zeichens amerikanischer Frosch. Während jener nämlich schon seit Jahren verkündet, es sei nicht einfach, grün zu sein, ist Ihrer Majestät mitunter höchst erratischer Regierungschef seit neuestem gegenteiliger Ansicht: Grün zu sein, sei nicht nur einfach, es sei auch lohnend, gut und richtig.
    Ich persönlich neige eher dazu, dem Springer aus der Sesamstraße als dem Sprunghaften aus der Downing Street Recht zu geben. Klar, grün ist gut, das unterschreiben mittlerweile selbst hartgesottene Wirtschaftsliberale, und verschärft ökologisches Handeln steht inzwischen ganz oben auf der Weltrettungs-Agenda. Aber, dear Prime Minister, ist es deswegen auch wirklich einfach?

    Die CO2-Frage stellt sich im Supermarkt ganz konkret

    Ich glaube nicht. Und ich meine dabei einmal nicht die ermüdenden Debatten darüber, ob unser CO2-Fußabdruck nun nur durch die Macht des Marktes oder durch die Macht der Politik verkleinert werden kann. Ich meine stattdessen Entscheidungen wie: Soll ich meine Milch lieber in einer Pfandflasche oder in einer Kartonverpackung kaufen, deren Beschichtung neuerdings immerhin aus Zuckerrohr besteht?
    Ab welchem Anteil von Recycling-Material ist Shampoo in einer Plastikflasche vertretbar? Wo bleibt mein Gewissen reiner, beim veganen Burger unbekannter Herkunft oder beim Fleisch vom nächsten Bio-Hof? Ganz zu schweigen von der Frage, ob mein neues Auto eigentlich lieber ein leichter Verbrenner oder ein schwerer Elektrokreuzer werden sollte.
    Am besten weder-noch, werden Sie jetzt vielleicht sagen, und natürlich haben Sie damit recht. Auch mein Kopf würde Ihnen hier zustimmen. Indes: Der Geist mag willig sein, meine Arme und Beine sind nun einmal eher schwach – und der letzte Weinkarton ist mir erst gerade neulich vom Gepäckträger meines Fahrrades gekracht.

    Hinter jeder kleinen Tat lauert die Resignation

    Ich will meinen Alltag nachhaltiger gestalten, selbstverständlich. Aber als Konsument fühle ich mich zunehmend verwirrt und hilflos angesichts der Vielfalt der Möglichkeiten, der Atmosphäre zu schaden oder sie zu schützen. Ich muss mich anstrengen, um angesichts der offenbaren globalen Probleme nicht in Resignation zu verfallen und meine ökologischen Segel zu streichen.
    Was gilt es schließlich nicht alles anzupacken: Mittel- bis langfristig müssen wir nach Berechnungen des Umweltbundesamtes pro Jahr und Kopf elf Tonnen CO2-Emissionen einsparen. Jeder und jede einzelne von uns. Allein mit dem Müsli aus dem Unverpackt-Laden und dem Umstieg auf die Holzzahnbürste dürfte das nicht zu schaffen sein.

    "Anders denken!" lautet die Problemlösungsstrategie

    Setzen wir unsere persönlichen Anstrengungen doch einmal ins richtige Verhältnis. Unsere kleinen Schritte sind wertvoll und unverzichtbar, aber sie werden nicht ausreichen. In keinem Fall. Soweit die schlechte Nachricht. Ob einer dieser kleinen Schritte in die Irre oder gar nach Rückwärts geht, ist deshalb aber auch gar nicht so wesentlich. Das ist bei allem Sarkasmus die gute Nachricht. Machen wir uns Gedanken, was und wie viel wir kaufen, aber erwarten wir dadurch nicht die Rettung unseres Planeten.
    Wir müssen vielmehr damit beginnen, unseren gesamten Lebensstil zu verändern, alles andere greift zu kurz. Probleme kann man nach Albert Einstein niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Wir werden also um ein neues Denken und Handeln nicht herumkommen.
    Einfach wird das sicher nicht, aber es ist einfach alternativlos. Egal, was Kermit oder Boris dazu sagen.

    Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bis Ende 2016 leitete er die Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet. Uwe Bork arbeitet als Autor, Referent und freier Journalist.

    Der Journalist Uwe Bork
    © Deutschlandradio / Manfred Hilling
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