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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.08.2018

Ökologisch WickelnDie Windeln und der lästige Müll

Von Gerhard Richter

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In Windeln und Gummistiefeln laufen zwei kleine Mädchen in Berlin auf dem Platz zwischen Bundeskanzleramt und Reichstag herum. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Windeln: erst praktische Helfer, dann stinkender Abfall... (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Einweg-, Mehrweg- oder gar keine Windel? Mit Plastik oder ohne? Eine Frage der Praktikabilität, der Kosten und der Nachhaltigkeit. Unser Autor Gerhard Richter ist Vater zweier Wickelkinder und mittendrin in der Problemzone Windeln.

Das Thema Windeln kommt bei uns zu Hause regelmäßig auf den Tisch, speziell den Wickeltisch. Trotz chronischer Übermüdung hat es meine Frau geschafft, ein paar Tage und Nächte mitzuzählen.

Katinka Richter: "Also, bei Clara, die anderthalb ist, sind es im Durchschnitt fünf Windeln und bei Liese, die jetzt erst zwei Wochen alt ist, sind es sieben im Durchschnitt." 

Eine Pampers: ein technisches Meisterwerk

Das sind bei zwei Kindern also zwölf Windeln pro Tag. Vor der Geburt haben wir lange überlegt, welches Windelsystem wir wollen. Das Internet ist voller Mutti-Blogs, die genau diese Frage diskutieren. Sicher waren wir uns, dass wir keine Einwegwindel aus Plastik wollen.

Katinka Richter: "Nicht nur, dass es einfach Masse ist, die die Mülleimer verstopfen, sondern ich hab auch mal gelesen, dass eine Windel ungefähr 500 Jahre rein rechnerisch benötigt, um wieder in ihre Bestandteile zersetzt zu werden."

Soweit kommt es selten. Die meisten Einwegwindeln werden mit dem Restmüll verbrannt. Ein bisschen schade, denn so eine Pampers ist auch ein technisches Meisterwerk.

Eine Windel besteht aus zwei Dutzend Teilen: Bündchen, Gummis, Vliese und Folien. Das wichtigste ist der Saugkern. Der besteht aus Polymersalzen. Die können ein Vielfaches ihres eigenen Gewichts an Flüssigkeit aufnehmen und binden.

Ein heutiger Saugkern besteht aus zwölf Gramm von diesem Superabsorber und kann 300 Milliliter Pipi aufnehmen. Einmal Pullern sind etwa 70 Milliliter. Das Kind kann also vier bis fünf Mal in die Windel pullern, bevor sie ausläuft. Grade nachts bietet das Sicherheit und Schutz. Wir haben uns trotzdem für Stoffwindeln entschieden, weil die ökologischer schienen und irgendwie auch schöner sind.

Katinka Richter: "Es ist etwas mehr Arbeit, weil man halt waschen muss, aber es hat auch eine sehr zeremoniellen, schönen mütterlichen Aspekt, wenn man die Windeln wäscht und wieder aufhängt. Das ist auch so ein bisschen meditativ, und man ist auch so in seiner Mutterrolle drin und ganz glücklich, wenn man eine Maschine Windeln aufhängen kann."

Ökowindeln - wirklich eine umweltfreundliche Alternative?

Daneben sind Stoffwindeln atmungsaktiver und viel billiger. Für Einwegwindeln zahlt man insgesamt 1500 bis 2000 Euro pro Kind, für Stoffwindeln gerade mal 300 Euro, inklusive Wasser und Strom fürs Waschen. Aber dann sind wir in der Elternzeit nach Italien gefahren und weil wir nicht ständig nach Waschmaschinen suchen wollten, sind wir auf Einwegwindeln umgestiegen. Allerdings nicht auf Plastikwindeln, wie wir sie etwas verächtlich nennen, sondern Ökowindeln. Die sind etwas teurer, aber dafür aus Materialien, die gewachsen sind - also aus Mais oder Kartoffeln oder Zellulose.

Die ersten Öko-Windeln unserer Tochter Clara habe ich im Garten verbuddelt. Ich wollte wissen, ob die wirklich zerfallen. Nachher nehme ich den Spaten und gehe mal nachsehen, ob das tatsächlich stimmt.

"Es gibt schon kompostierbare Windeln am Markt. Aber sie sind in der Regel schwerer als die konventionellen. Hinzu kommt, dass in konventionellen Windeln Superabsorber verwendet werden, die hocheffektiv sind. Ein Gramm davon kann 20 Gramm Wasser binden. In unserem Projekt entwickeln wir einen neuen, biologischen Superabsorber."

Maria Beatrice Coltelli von der Uni in Pisa arbeitet in dem Forschungsprojekt Polybioskin. Zwölf Firmen und Institute aus sieben europäischen Ländern entwickeln Polymere aus Biomasse und Essensresten - als Ersatz für erdölbasierte Materialien. Vier Millionen Euro investiert die EU in diesen Forschungsverbund, in der Hoffnung die Menge an Windel-Müll zu reduzieren, den Erdölverbrauch zu senken und Babypopos sicher trocken zu halten

"Wir hoffen, diese Innovationen können Hersteller und Verbraucher überzeugen, biobasierte und kompostierbare Windeln zu nutzen."

Odilia Wegener mit Mann Sascha und Sohn Lukas in Schlitzhose - und ganz ohne Windel. (Gerhard Richter)Odilia Wegener mit Mann Sascha und Sohn Lukas in Schlitzhose - und ganz ohne Windel. (Gerhard Richter)

Dabei kann man auf Windeln auch ganz verzichten. So wie Odilia Wegener, aus dem brandenburgischen Grabow. Sie zieht ihren Sohn Lukas windelfrei groß.

"Die ersten zwei Monate hatte er komplett keine Windel, gar nichts."

Wie das geht? Odilia Wegener hatte ein ausgiebiges Wochenbett und Zeit, ihr Baby kennenzulernen. Sehr schnell hat sie gemerkt, wann Lukas muss.

"Nach dem Aufwachen immer, oft auch zum Trinken, dann beim Stillen Töpfchen drunter, solche Sachen, da gibt es schon ganz natürliche Abläufe."

Und Lukas, so klein er auch ist, hat das Bedürfnis, sich nicht irgendwo zu entleeren, sondern ins Töpfchen. Eine volle Hose ist ihm irgendwie unangenehm. Apropos Hose: Odilia Wegener zieht ihrem Sohn eine Schlitzhose an, gibt es online zu kaufen. Aus feiner wasserabweisender Wolle und hinten offen. Der Popo guckt also raus.

"Und da kann er einfach überall, wo er krabbelt und spielt, sein Pippi machen und es ist auch da noch nie vorgekommen, dass er irgendwo sein Kacka macht. Das Kacka landet im Töpfchen."

Und selbst wenn mal Pipi danebengeht, Wischen ist einfacher als Windeln, sagt Odilia Wegener. So spart die 36-jährige Mutter über 5000 Windeln und vermeidet tonnenweise Müll.

Reste einer Öko-Windel, ausgegraben, nachdem sie ein JAhr in der Erde gelegen hat. (Gerhard Richter)Die angeblich so ökologisch abbaubare Windel, nachdem sie ein Jahr lang in der Erde gelegen hat. (Gerhard Richter)

Und ich gehe jetzt mit dem Spaten in den Garten. Mal sehen, ob die Ökowindeln, die ich vor über einem Jahr verbuddelt habe, verrottet sind.

"Also die Windeln sind alle noch da. Ziemlich gut erhalten, man kann die Form noch erkennen, die Klettverschlüsse kletten sogar noch. Und es ist alles in allem ziemlich unappetitlich. Die Natur hat sich diese Windeln noch nicht zurückgeholt und ich werde sie jetzt doch in der Mülltonne entsorgen müssen."

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