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Wortwechsel | Beitrag vom 05.07.2019

Ökobilanz der Textilindustrie"Fast Fashion" um jeden Preis?

Es moderiert Annette Riedel

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Ein Mädchen beim shoppen. (EyEM / Carina König)
Kleidung wird in Masse gekauft, Qualität ist dabei nur zweitrangig. An die Umwelt denken dabei die wenigsten Konsumenten. (EyEM / Carina König)

Die Textilindustrie produziert mehr Treibhausgase als der weltweite Flugverkehr und die Schifffahrt zusammen. Hinzu kommt ein enormer Ressourcen-Verbrauch. Und Müllmassen durch weggeworfene Kleidung. Konsequenz? Weniger Masse – mehr Klasse.

In Deutschland kauft jede Person durchschnittlich 60 Kleidungsstücke pro Jahr, jedes fünfte wird nach dem Kauf nicht getragen, eine Million Tonnen Kleidung werden jährlich aussortiert. Die Herstellung dieser Textilien erfordert Unmengen an Wasser und Energie. Natürliche Ressourcen werden durch Monokulturen heruntergewirtschaftet, giftige und hormonell wirksame Chemikalien zur Färbung und Beschichtung hinterlassen Rückstände im Wasserkreislauf.

Nach dem Aussortieren lassen sich die Textilien wegen der Verwendung von schwermetallhaltigen Farbstoffen und verschiedenen Kunstfasern nicht einfach entsorgen und müssen oftmals wie Sondermüll behandelt werden.

Konsumenten haben eine Mitverantwortung

Mode wird immer kurzlebiger – ähnlich wie von Fast Food spricht man im englischen von Fast Fashion –, es wird viel und billig eingekauft, kurz getragen, schnell aussortiert. Um diesen Entwicklungen entgegenzusteuern sind in den letzten Jahren verschiedene Initiativen entstanden, die sich mit der umweltfreundlicheren Herstellung, der längeren Haltbarkeit und der Wiederverwendung gebrauchter Textilien beschäftigen. Am Ende kommt es hier jedoch stark auf das Bewusstsein und Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten an. 

Rund um den Earth Overshoot Day im Juli, der den Tag im Jahr markiert, an dem nicht nur die natürlichen Ressourcen durch die menschliche Nachfrage erschöpft sind, sondern auch die Fähigkeit der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen überstiegen wird, fragen wir: Wie lässt sich die Textilindustrie ökologischer gestalten? 

Katastrophale Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern

Neben der Frage der Umweltkosten durch Textilproduktion und Wegwerf-Mode geht es auch um teilweise katastrophale, zumindest aber unfaire Arbeitsbedingungen entlang der Zulieferungskette. Wie lässt sich die Textilindustrie sozialer gestalten? Was tun die Gesetzgeber? Welche Verantwortung haben die Unternehmen? Und nicht zuletzt: Was können wir als Konsumentinnen und Konsumenten tun? 

Es diskutieren:

Prof. Dr. Heike Derwanz, Institut für Materielle Kultur, Universität Oldenburg:

"Selbst Bio-Baumwolle ist für – ich sag mal ‚Hardcore-Ökos‘ – auch noch ein problematisches Produkt, denn auch sie braucht in den Gebieten Wasser, wo eigentlich kein Wasser ist."

Prof. Dr. Sarah Jastram, Hamburg School of Business Administration:

"Wenn wir nicht alle so viel Mode kaufen würden, dann würde wahrscheinlich auch nicht so viel Mode produziert werden. Es muss ja auch abgenommen werden. Konsumentinnen und Konsumenten erwarten, dass Textilien sehr, sehr wenig kosten und haben eben entsprechend auch niedrige Erwartungen an die Qualität. Sie sagen, es ist in Ordnung, wenn das Kleid nach einem Waschen schon nicht mehr so gut aussieht. Das macht nichts, es hat ja nur 6 Euro gekostet."

Prof. Martina Glomb, Forschungsprojekt Slow Fashion, Hochschule Hannover:

"Es ist fast alles massenmarkttauglich möglich. Wir haben das Problem, dass DesignerInnen und Konsumenten gar nicht so genau wissen, was Qualität ist. Wir müssen also ganz unten anfangen und in Schulen wieder Handarbeitsunterricht, mehr Tanzen, mehr Singen, mehr Freude in den Schulen haben und nicht nur Büffeln und dann Kaufen gehen als Ersatzbefriedigung."

Kristin Heckmann, Corporate Social Responsibility, hessnatur: 

"Die Verantwortung [für die Bedingungen in der Textilindustrie] liegt natürlich bei den Unternehmen und auch bei der Regierung. Und die Unternehmen haben die Verantwortung ausgelagert an die Lieferkette, in dem sie die Produktion ausgeliefert haben. Das entbindet sie aber nicht ihrer Verantwortung. So kann man es einfach nicht mehr sehen. Die Verantwortung wird nicht auf die Konsumenten und Kunden ausgelagert – ich sehe es als eine Chance für die Kunden, wirklich etwas zu bewegen und mit ihrer bewussten Kaufentscheidung einen Beitrag zu leisten."

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