Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Interview | Beitrag vom 10.08.2020

Öffnung von KindertagesstättenKitas haben zu wenig Personal für Regelbetrieb

Barbara Nolte im Gespräch mit Julius Stucke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mädchen sitzt am Tisch und versucht die Form eines Corona-Virus nachzuzeichnen. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Viele Erzieherinnen und Erzieher seien aufgrund einer medizinischen Risikobewertung nicht einsatzbereit, sagt die Paderborner Kita-Leiterin Barbara Nolte. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Nicht nur Schulen, auch die Kindertagesstätten im Land versuchen, trotz Corona zurück in den Regelbetrieb zu finden. Zur Freude von Kindern und Eltern, sagt die Kita-Leiterin Barbara Nolte, doch in vielen Einrichtungen fehle es an Personal.

Wie Schulen unter Sicherheitsauflagen den Unterricht wieder aufnehmen können, darüber wird derzeit in ganz Deutschland diskutiert, während Schülerinnern und Schüler in allen Bundesländern nach und nach aus den Sommerferien zurückkehren. Dabei gerät beinahe aus dem Blick, vor welchen Herausforderungen Kindertagesstätten stehen, die derzeit ebenfalls versuchen, so gut wie möglich in den Regelbetrieb zurückzukehren.

Eltern setzen Hoffnung in den Neustart

Viele Eltern sähen diesem Schritt mit Freude und Erleichterung entgegen, sagt Barbara Nolte vom Verband Bildung und Erziehung in Nordrhein-Westfalen. Sie hätten in den letzten Monaten zu Hause viel schultern müssen und erhofften sich nun auch wieder eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie höre aber auch kritische Stimme: Manche Eltern gäben zu bedenken, man hätte vielleicht "die Reiserückkehrwelle noch abwarten sollen."

Abonnieren Sie unseren Kultur-Newsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail.

Die Erzieherinnen und Erzieher seien auf den Schritt zurück in den Regelbetrieb "grundsätzlich gut vorbereitet", so Nolte, die eine Kita im Kreis Paderborn leitet. Zahlreiche Einrichtungen hätten aber mit Personalmangel zu kämpfen. Viele Kolleginnen und Kollegen seien nicht einsatzbereit, da sie aufgrund einer medizinischen Risikobewertung "nicht am Kind arbeiten" dürften. Bundesweit betreffe das fünf bis zehn Prozent der Belegschaften. "Ich kenne Einrichtungen, denen 100 bis 140 Stunden in der Woche aufgrund von Risikobewertungen fehlen", sagt Nolte: "Und dafür gibt es keinen Ersatz."

Zuviel Distanz zwischen Kita und Eltern

Was den Alltag unter Coronabedingungen schwierig mache, seien nicht so sehr die strengen Hygieneregeln. Händewaschen, Husten- und Nies-Etikette, all das habe weitgehend schon vor Corona zu den Grundregeln gehört, an die Kinder in der Kita herangeführt würden, erklärt Barbara Nolte. Eine gravierende Einschränkung stellten allerdings die Abstandsregeln dar, und zwar auch im Hinblick auf den Kontakt von Erzieherinnen und Erziehern zu den Eltern.

"Eine gute Bildungs- und Erziehungsarbeit lebt einfach davon, dass die Eltern und Pädagogen in einer guten Erziehungspartnerschaft eng zusammenarbeiten", unterstreicht Nolte. Aber das sei mit den Sicherheitsmaßnahmen während der Pandemie oft kaum zu vereinbaren. In manchen Einrichtungen fehle es auch "an der technischen Ausstattung, um wirklich gut Kontakt zu den Eltern halten zu können." Elterngespräche per Videokonferenz etwa seien vielerorts nicht möglich. Im Übrigen fehle auch vielen Familien die entsprechende Ausstattung.

Der Bund will Kitaplätze fördern

Familienministerin Franziska Giffey hat Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung für die Wiederaufnahme des Regelbetriebs angekündigt, darunter ein Investitionsprogramm zum Ausbau von Kitaplätzen. Doch Barbara Nolte meint: "Das hilft im Moment relativ wenig." Wichtiger erscheine es ihr, mehr Geld bereitzustellen, um dringend benötigte Fachkräfte zu gewinnen.

Kitaleiterin Barbara Nolte beantwortet Fragen, auf der Pressekonferenz zum Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK). (picture alliance / dpa /  Roland Weihrauch)Den Beruf für junge Menschen attraktiver machen: Kita-Leiterin Barbara Nolte (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

"Wir haben es mit einem großen Fachkräftemangel in der Bundesrepublik zu tun", erklärt Nolte. "Die Schätzungen gehen von 160.000 bis fast 300.000, die uns in den nächsten Jahren fehlen werden, so dass wir da richtig Geld in die Hand nehmen müssen, um diesen Beruf wirklich attraktiv zu machen und junge Menschen für den Beruf zu begeistern."

(fka)

Mehr zum Thema

Mütter in der Coronakrise - Die Systemrelevanz der Care-Arbeit
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 10.8.2020)

Datenlage vor dem Schulstart - Wie hoch ist das Corona-Infektionsrisiko in Schulen?
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 3.8.2020)

Sechs Monate Corona in Deutschland - Ein halbes Jahr, das alles verändert hat
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 27.7.2020)

Interview

Fotograf Gerald PirnerDer einzigartige Blick des Blinden
Aus einer schwarzen Fäche tritt ein mit Unterlicht konturiertes männliches Gesicht zutage (Gerald Pirner)

Als Blinder fotografieren? Für Gerald Pirner kein Widerspruch. Seit einigen Jahren begibt er sich mithilfe von Lightpainting auf die Suche danach, den inneren Bildern fotografischen Ausdruck zu verleihen. In Berlin sind seine Arbeiten jetzt zu sehen.Mehr

StreamingdiensteDie Illusion der Konsumentenfreiheit
Ein Mädchen liegt zur Dämmerung in ihrem Bett und schaut auf ihren Laptop. (Getty Images / Carlos Alvarez)

Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime versprechen Freiheit. Sie lieferten aber "betreutes digitales Leben", kritisiert der Medienwissenschaftler Marcus Kleiner. Ihre Algorithmen seien "wie eine Wirklichkeitsbrille, die uns aufgesetzt wird".Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur