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Kompressor | Beitrag vom 31.05.2016

Öffentlicher RaumRettet die Parkbank!

Von Anette Schneider

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Sitzbänke in der schwäbischen Kurstadt Bad Wörishofen (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Muße mit Muse: Sitzbänke in der schwäbischen Kurstadt Bad Wörishofen (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)

Die demokratische Erfindung der öffentlichen Parkbank machte es früher leicht, sich einen Moment aus dem Betrieb des Alltags zurückzuziehen − ohne dafür zu bezahlen. Und heute? Wo sind die alten bequemen Bänke geblieben?

Drei Bretter für die Sitzfläche, zwei für die Lehne. Eine Parkbank ist etwas Wunderbares. Wenn man eine findet. Und sie ist heil.

Die klassische Parkbank ermöglicht, was heutzutage mehr und mehr verloren geht: Sie lädt zum Verweilen ein, zum (vermeintlichen) Nichtstun. Sie ist ein Ort, an dem man zwischen oder nach der Arbeit zur Ruhe kommen kann. An dem man seinen Gedanken nachhängen, träumen oder sich mit anderen treffen und reden kann. Sie ist ein Ort für neue Ideen.

Vorausgesetzt, man findet eine.

In x-beliebigen Einkaufsstraßen, gleich ob in Hamburg, Berlin oder Frankfurt, sucht man sie zunehmend vergeblich. Da gibt es links Läden, rechts Läden und in der Mitte Autorauschen. Zwischen den Läden nutzen Kneipen und Cafés den öffentlichen Raum des Bürgersteigs für ihre privaten Geschäfte. Was es nicht gibt, sind Bänke. Wer einfach nur einen Moment sitzen möchte, der muss in ein Café gehen − also dafür zahlen!

Selbst in Parks und auf Friedhöfen werden sie immer seltener. Auf Hamburgs größtem Friedhof etwa sind etliche am Vermodern. Wenn sie völlig kaputt sind, werden sie abgebaut.

So spart die Stadt ein paar Euro, die sie stattdessen in fragwürdigen Großprojekten versenken kann. Vor allem aber löscht der schleichende Abbau der einst überall aufgestellten Parkbänke die Erinnerung an eine Gesellschaft, die nicht nur auf Nutzen ausgerichtet war. In der die Bank eine solidarische, fürsorgliche Einrichtung für alle war. Eine öffentliche Einladung, sich zu setzen und zu bleiben.

Platte Dreisitzer aus Metall

Wenn heute noch irgendwo Bänke stehen, sind es meist platte Dinger aus Metall. Ohne Rückenlehne. Ohne Armstützen. Unterteilt in drei oder vier Sitze, damit sich ja keine Obdachlose auf sie legen können.

Entspanntes Sitzen ist auf diesen Bänken unmöglich. Sie scheinen nur eine Funktion zu haben: Man soll sie so schnell wie möglich wieder verlassen.

Das zeigt: Eine Bank ist mehr als nur eine Bank.

Kirchenbänke etwa waren Jahrhundertelang nach sozialer Herkunft gegliedert. Während des Faschismus prangte auf Bänken der Hinweis "Nicht für Juden". Und Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Bänke in öffentlichen Parks auftauchten, waren sie vor allem der Bourgeoisie vorbehalten, die es sich leisten konnte, am Tag zu flanieren statt zu arbeiten.

Zweckfreies Sitzen ist unerwünscht

Eduard Manet malte solch ein wohlhabendes Paar 1879: Eine junge Frau sitzt entspannt auf einer Parkbank, ein Arm hängt lässig über der Rückenlehne, hinter der ihr Mann steht. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Vor allem sie ist ganz in sich versunken.

Auf dem, was heute als Bank herumsteht, ist solche Selbstvergessenheit unmöglich. Und genau das ist gewollt. Zweckfreies Sitzen im öffentlichen Raum soll vermieden werden.

In Zeiten, da alles Tun effektiv zu sein und schnell zu geschehen hat, in denen es keinen Moment der Auszeit mehr gibt, weil man durch Handy, Tablet oder Notebook seinen Arbeitsplatz stets mit sich führt, gilt das Verweilen auf einer Parkbank, das sich Herauskatapultieren aus dem vorherrschenden Regelwerk, als Affront.

Deshalb zwingen einen die lehnenlosen Drahtbänke in eine angespannte Hab-Acht-Stellung, als säße man auf dem Sprung.

Bequeme Lehne, weiter Blick

Ganz bewusst fehlt diesen Bänken jegliche Tauglichkeit zur Kontemplation: Auf ihnen soll man gerade nicht seinen Gedanken nachhängen. Nicht innehalten. Nicht träumen. Nicht diskutieren. Sich nicht dem täglichen, getakteten Räderwerk entziehen können!

Eine richtige Bank mit bequemer Rückenlehne und weitem Blick, eine Bank, die einen aufnimmt, um sich fallen und die Gedanken fliegen lassen zu können, eine Bank, die Distanz ermöglicht zu dem, was um einen herum geschieht − solch eine Bank hat heutzutage schon etwas Subversives.

Deshalb: Rettet die Parkbank! Und wenn wir sie uns selber bauen müssen. Drei Bretter für die Sitzfläche, zwei für die Lehne reichen völlig.

Mehr zum Thema:

Smartphone-App - Die sprechenden Parkbänke von Paris
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 6.11.2015)

"Einfach lächerlich, dieses permanente Arbeiten ohne Pause"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 12.7.2013)

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