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Konzert / Archiv | Beitrag vom 16.07.2016

"Oedipe" von George EnescuEuropäische Tragödie in London

Aufzeichnung aus Covent Garden

Johan Reuter als "Oedipe" in Enescus Oper am ROH Covent Garden London (Clive Barda/ROH)
Johan Reuter als "Oedipe" in Enescus Oper am ROH Covent Garden London (Clive Barda/ROH)

Schuldlos schuldig: Das Schicksal des Ödipus gehört zu den prägenden Mythen Europas und hat die Menschen über Jahrtausende hinweg bewegt. Die überragende Opernbearbeitung des Stoffs stammt von George Enescu.

In der Fußball-Europameisterschaft konnten sich beide Länder nicht halten; in der EU wird man hingegen auch künftig mit Rumänien rechnen können. Nicht so mit Großbritannien, wo noch vor dem Brexit-Referendum eine Tragödie wahrhaft europäischen Ausmaßes auf die Bühne des Royal Opera House Covent Garden kam: "Oedipe", die Oper des rumänischen Nationalkomponisten George Enescu, der zugleich ein großer Europäer war und in diesem Fall ein französischsprachiges Libretto nach einer altgriechischen Vorlage vertonte.
George Enescu (1881-1955) war einer der prägenden Violinvirtuosen der Musikgeschichte, aber als Komponist hat er sich – anders als beispielsweise Nicolò Paganini oder Eugène Ysaÿe – stets zurückgehalten, wenn es um sein eigenes Instrument ging. So wurde in Enescus schmalen Œuvre ausgerechnet eine Oper zum Hauptwerk – "Oedipe" nach Sophokles, und das nicht nur auf Grundlage der berühmten Tragödie "König Ödipus", sondern auch unter Einbeziehung des späteren "Ödipus auf Kolonos". Sophokles bringt dort die Erlösung des schuldlos Schuldigen auf die Bühne, und Enescu macht daraus im vierten Akt seiner Oper ein anrührendes Musikdrama, in dem sich der Kreis zur ebenfalls geschilderten Geburt des Ödipus schließt.
Bereits 1910 hatte Enescu erste Ideen zu dieser Oper notiert, der Hauptteil der kompositorischen Arbeit fiel in die 1920er Jahre, abgeschlossen wurde dieses Werk allerdings erst 1931. In der Zwischenzeit hatte Igor Strawinsky seinen so gänzlich anders gearteten "Oedipus Rex" komponiert, aber Enescu musste sein Werk keineswegs als überholt betrachten, da sich seine musikalische Entdeckungslust immerhin bis zum Einsatz einer singenden Säge und zur Verwendung von Vierteltönen erstreckte.
Aus dem Königlichen Opernhaus Covent Garden kommt nun eine Produktion von "Oedipe" – eine Oper, die aufgrund ihrer hohen musikalischen Ansprüche ein leider seltener Gast auf den Bühnen der Welt ist. Dabei bezeugt die prominente Besetzung, wie attraktiv das Werk auch für renommierte Sänger ist – allen voran der große britische Bassist Sir John Tomlinson in der Rolle des blinden Sehers Tiresias. Ein solcher hat den Briten zuletzt womöglich gefehlt.

Royal Opera House Covent Garden, London
Aufzeichnung vom 4. Juni 2016

George Enescu
"Oedipe"
Tragédie lyrique in vier Akten und sechs Bildern op. 23
Libretto: Edmond Fleg nach der Tragödie des Sophokles

Oedipe – Johan Reuter, Bariton
Tirésias – Sir John Tomlinson, Bass
Antigone – Sophie Bevan, Sopran
Thésée – Samuel Dale Johnson, Bariton
Mérope – Claudia Huckle, Alt
Jocaste – Sarah Connolly, Mezzosopran
Die Sphinx – Marie-Nicole Lemieux, Mezzosopran
Ein Hirte – Alan Oke, Tenor
Ein Hoherpriester – Nicolas Courjal, Bass
Laios – Hubert Francis, Tenor
Créon – Samuel Youn, Bariton
Phorbas – In-Sung Sim, Bass
Der Wächter – Stefan Kocan, Bass
Chor und Orchester des Royal Opera House Covent Garden
Leitung: Leo Hussain

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