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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.01.2021

Obdachlosenhilfe im Berliner HofbräuAufwärmen in der Gaststube

Von Anja Nehls

Ein Bild von leeren Tischen und Bänken in einem Gewölberaum (imago images / Hoch Zwei Stock / Angerer)
Wo sonst 1000 bis 2000 Gäste am Tag essen, dürfen jetzt bis zu 150 Obdachlose versorgt werden. In dem großen Raum können so die Abstandsregeln eingehalten werden. (imago images / Hoch Zwei Stock / Angerer)

Wegen der Coronakrise sind viele Orte für Obdachlose in Berlin dicht. Den Wohnungslosen fehle ein Platz, an dem sie mal zur Ruhe kommen könnten, sagt Svenja Ketelsen vom Sozialträger Gewebo. Nun springt das Hofbräu-Gasthaus ein. Eine Win-Win-Situation.

Die Frau mit der zerschlissenen Jacke ist beruhigt. Hier gibt es Essen, bis der Hunger tatsächlich gestillt ist. Im Restaurant Berliner Hofbräu am Alex stehen statt Touristen jetzt Berliner Obdachlose an einer liebevoll improvisierten Essensausgabe. 

Svenja Ketelsen vom Sozialträger Gebewo, der hier jetzt eine neue Tagesstätte für Wohnungslose betreibt, erklärt: "Hier gibt es jeden Tag zwei Essen zur Auswahl, die sind hier mit Bildern angebracht, einmal gibt es ein Essen mit Fleisch und eins ohne und das ist in der Regel deftige Hausmannskost."

Gekocht von Dennis Schmidt, dem Stammkoch des Hofbräus, der ansonsten bayerische Spezialitäten wie Haxe, Knödel oder Weißwürste serviert und jetzt in weißer Kochjacke persönlich an der Ausgabe steht: "Alles frisch gekocht. Das macht auch Spaß, mehr so kleine Portionen kochen. Ich meine wir kochen jetzt für 150 Leute, sonst kochen wir für 1000 oder 2000. Den Speiseplan schreibe ich – jeden Tag ein anderes Gericht und ein Wochendessert."

Alles hat zu

Die Frau hat sich mit der Doppelportion Kartoffelgulasch und Hühnerfrikassee jetzt an einen der Holztische gesetzt. Auf den Tischen stehen Teelichter, an den Wänden hängt Tannengrün. Der Raum ist riesig, aber gemütlich.  An einen der langen Tische passen auch mit Mindestabstand zwei oder drei Menschen, die hier im Warmen sitzen, essen und sich unterhalten können.

Seit Corona keine Selbstverständlichkeit mehr in Berlin, kritisiert ein älterer Obdachloser, der jetzt einen Kaffee trinkt. Zeckenprinz, wie er genannt werden möchte, meint, dass die Maßnahmen gegen Corona jetzt für die Obdachlosen gefährlicher seien als das Virus selbst: "Hör auf mit Corona. Fünf Kältetote. Wie viele Kältetote braucht Berlin noch? Weil die Einrichtungen zu haben. Ich kenne eine Einrichtung in Kreuzberg, die für eine Stunde Wohnungslose reinlässt, der Rest hat zu."

Gewinn für beide Seiten

Dafür gibt es jetzt das Hofbräu am Alex. Die Kooperation der Berliner Sozialverwaltung mit dem Hofbräu entstand durch einen Zufall, erklärt der Berliner Geschäftsführer Björn Schwarz: "Einer unserer Mitarbeiter arbeitet ehrenamtlich in der Kältehilfe in Berlin und hat auf die Schließung vieler Tageseinrichtungen hingewiesen und damit auf die Unterversorgung. Und wir sind ja mit dem Hofbräu in einer sehr guten Lage und wir haben sehr viel Quadratmeter und wir haben geschlossen durch die Pandemie." Man habe sich kurzerhand mit den Kollegen der Kältehilfe zusammengesetzt und da sei schnell klar geworden: "Hier können wir was tun und wir haben und an einen Tisch gesetzt und beratschlagt." 

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Eine Win-Win Situation – für die Obdachlosen genauso wie für die Mitarbeiter des Restaurants, deren Gehälter nun weiterbezahlt werden können. Zwar werde keine Miete gezahlt, aber es habe gereicht, um fast zehn Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zu holen.

Einer von ihnen ist Alexander Düring. Er steht gerade am Tisch von Romana, die auf der Straße lebt und im Rollstuhl sitzt. Düring ist Kellner mit Herz und Seele und über seine neuen Gäste ziemlich froh: "Für mich ist das eine Arbeit wie davor auch. Natürlich arbeiten wir jetzt mit Menschen, die nicht so viel haben, aber ich bediene die Leute genauso wie davor. Macht man doch so oder? Sie sind dankbar und es ist auch nicht so, als wenn hier Big Partys sind, so der ganze Dreck. Wir haben nicht mehr so viel zu putzen. Natürlich habe ich was zu tun und freue mich, dass ich nicht nur zuhause hocke. Also man hat auch einen richtigen Tagesrhythmus, ich war ja auch in der Kurzarbeit nur zuhause. Da wirst du ja verrückt. Arbeit ist da schon das Richtige für mich."

Die Nähe hilft

Von 10 bis 16 Uhr ist das Hofbräu von Montag bis Freitag geöffnet. Bis zu 150 Menschen können sich hier auf 1500 Quadratmetern unter Einhaltung der Hygienebestimmungen aufhalten, so lange sie wollen, freut sich Romana: "Ich bin halt sehr froh, dass ich hier willkommen bin. Mit Leuten unterhalten, im Warmen sitzen, essen können, den Tag über hierbleiben, sich einfach mal ein bisschen ausruhen. Personal ist hier ganz gut, ich habe mich gestern mit einer Sozialarbeiterin unterhalten, ob die mir halt in irgendeiner Art und Weise helfen können."

Denn das ist für die Gebewo wichtig. Außer Wärme, Essen und Getränken soll es auch Hilfe und Beratung geben, für alle, die das möchten, sagt Svenja Ketelsen: "Kleinigkeiten konnten wir schon klären, Notübernachtungsplätze konnten wir vermitteln, medizinische Hilfe können wir vermitteln. Es kommen häufig Menschen, die wollen einfach Kontakt und sprechen, also es ist überhaupt nicht so, dass sie hier in Ruhe gelassen werden wollen." 

Denn die Einsamkeit und erzwungene Isolation seien für die Obdachlosen während der Coronakrise das Schlimmste, so Ketelsen: "Man merkt auch, wie die hier wieder aufblühen. Denn das ist ja gerade das, was gerade fehlt. Diese Tagesaufenthalte, wo sie auch mal zusammenkommen können, wo sie in Ruhe sitzen und auch mal quatschen können. Das gibt es gerade nicht, weil die alle zu klein sind um Abstände einzuhalten. Einkaufszentren sind zu, Bibliotheken sind zu, Toiletten sind zu. Es gibt nur noch Essen nach außen, aber keine Gespräche mehr."

Alles bleibt friedlich

Das ist hier jetzt anders. Das Stimmengewirr ist gewaltig und mehrsprachig – schon vormittags um kurz vor elf. Aber die Stimmung sei bisher immer friedlich und freundlich, sagt Björn Schwarz vom Hofbräu: "Wir haben Leute erlebt, die sich höflich und vorsichtig verhalten, sehr schnell auch ein Danke sagen und den Leuten hier gegenüber sehr positiv und angenehm auftreten. Wir haben bis jetzt in keiner Form und Richtung Berührungspunkte gehabt, die unangenehm waren und werden das natürlich auch gerne weiter so machen."

Vorerst bis Ende April. Um dem stetig steigenden Ansturm gerecht zu werden, könnte man die Fläche sogar noch auf 3000 qm vergrößern und die Öffnungszeiten erweitern. Darüber wird noch im Januar diskutiert.

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