NS-Raubkunst

Verspätete Initiative

Das Namensschild des Kunst-Erbens Cornelius Gurlitt © dpa/picture alliance/Barbara Gindl
Von Bettina Klein, Hauptstadtstudio · 12.02.2014
Seit dem Fall Gurlitt steht NS-Raubkunst wieder auf der politischen Agenda. Die oft kritisierten Bundesländer wollen nun reagieren - und die Provenienzforschung stärken, die sich mit der Herkunft von Bildern beschäftigt.
Die Länder werben um Verständnis für eine hochkomplexe und langwierige Forschungsaufgabe, die nach ihren Erfahrungen nicht nur Kunstsachverstand, kriminalistischen Spürsinn, sondern auch Sensibilität erfordert:
"Jedes Werk aus einer großen Sammlung hat eine andere Geschichte, und das macht es so kompliziert. Das macht es auch manchmal so langwierig, und es bedarf besonderer Kenntnisse. Ein Kunstgeschichts- oder Geschichtsstudium allein reicht oft nicht. Man muss eben die speziellen Kenntnisse über die Archivalien haben, wo finde ich etwas, und das geht eben oft nicht von heute auf morgen."
Isabell Pfeiffer Poensgen ist die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Baden-Württemberg, Hamburg sowie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bekamen heute in Berlin Gelegenheit darzustellen, was sie bereits bei der Herkunftsforschung leisten. Im Zusammenhang mit dem Fall Gurlitt hatte es deutliche Vorwürfe an die Adresse der Bundesländer gegeben, sie würden zu wenig tun, um den Verbleib von Raubkunst aufzuklären.
"Das Thema hätte auch vor dem Fall Gurlitt diverse Aufmerksamkeit schon auf sich ziehen können. Es hat genügend Fälle gegeben, da hätte man auch schon, glaube ich, Schritte unternehmen können in eine Richtung wie wir sie jetzt auch haben."
So räumt die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler ein. Und, in der Tat - so pflichtet ihr Kollege aus Baden-Württemberg bei:
"Es hat das Thema Provenienzforschung über Jahrzehnte nicht die notwendige Beachtung gefunden. Es wurde jahrzehntelang sich wenig darum gekümmert - wo stammen die Bilder her, wie kamen sie in unsere Museen, gilt natürlich auch für den freien Kunsthandel."
Gerade jetzt allerdings Kritik zu üben, wo das Blatt sich wendet, erscheine ihm unbegründet, so schränkt der Stuttgarter Staatsminister Jürgen Walter ein.
Anstoß kommt zu spät
Generelles Fazit heute: Wir haben zu spät begonnen, die Sache ist auf dem richtigen Weg, doch viel mehr Arbeit ist noch vonnöten. Hamburg sieht sich dabei in einer Vorreiterrolle. Mehr als 5000 Kunstwerke wurden seit dem Jahr 2000 erforscht. 58 Restitutionsbegehren hat es gegeben, 51 davon sind erledigt. Will heißen: Kunstwerke, die zurückgegeben oder erstattet wurden.
"Ich finde alleine schon diese Zahlen zeigen eigentlich, dass man sich dem Thema nicht mit projektorientierten Schnellschüssen nähern kann, sondern dass man da systematische Forschung betreiben muss, und dass das viele Jahre, denke ich, noch beanspruchen wird."
Keine Schnellschüsse, diese Bemerkung aus Hamburg wurde auch verstanden als kleiner Seitenhieb nach Bayern, das für seinen Umgang mit der Gurlitt-Affäre einige Kritik zu hören bekam. Am Freitag berät der Bundesrat auf Initiative Bayerns über ein Gesetz gegen die Verjährung. Unabhängig davon erschwert die föderale Struktur manches, zum Beispiel exakte Zahlen zu finden, da es keine zentrale Meldestelle für Restitutionen gibt. Provenienzforschung an Museen muss genauso ernstgenommen werden wie Ausstellungen oder wie kulturelle Bildung, darin war man sich einig.
Mehr Forschung auch an den Museen
"Ich finde, es ist Chefsache. Jeder Museumsleiter jede Sammlungsleiterin muss sich darum kümmern. Es muss Teil eines Leitbildes sein, das ist in vielen Museen schon der Fall, aber diese Diskussion muss auch weiterhin stattfinden. Und deswegen ist es auch so wichtig, dass auch in sehr schwierigen haushaltsrechtllichen Zeiten, dass diese Stellen verstetigt werden und es eine Provenienzforschung dauerhaft an Museen gibt."
Der Präsident des jüdischen Weltkongresses hatte kürzlich deutschen Behörden vorgeworfen, an der Verschleierung des Verbleibs von Raubkunst mitzuwirken. Ob man seine Ungeduld teile, so wurden die Ländervertreter heute gefragt.
"Wir alle teilen die eine Absicht, das eine Ziel: Wir alle möchten rechtssichere Museen haben. Und insofern teilen wir die Ungeduld auch selbst."
Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
"Wir wollen keine Raubkunst in unseren Sammlungen", so ergänzt der Leiter Arbeitsstelle für Provenienzforschung, Uwe Hartmann. Für Februar und März sind auf Initiative der Kulturstaatsministerin Monika Grütters Gespräche zwischen Bund und Ländern über die Frage geplant, wie die Aktivitäten besser koordiniert werden können. Konkretere Forderung wurden heute nicht erhoben. Man gehe ergebnisoffen in die Gespräche hinein.