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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 30.04.2020

NS-Dokumentationszentrum MünchenMutiger Aufbruch in eine neue Geschichtsvermittlung

Ein Kommentar von Tobias Krone

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Das NS-Dokumentationszentrum am Max-Mannheimer-Platz in München. Ein kubusförmiges Gebäude aus Beton. (Chromorange / imago-images)
Das NS-Dokumentationszentrum am Max-Mannheimer-Platz in München feiert im Shutdown sein fünfjähriges Bestehen. (Chromorange / imago-images)

Das NS-Dokumentationszentrum München feiert seinen fünften Geburtstag. Es hat sich in kurzer Zeit zu einem renommierten Erinnerungsort etabliert und fast 750.000 Besucher gezählt - und dabei eine positive Wandlung erlebt, kommentiert Tobias Krone.

Aller Anfang ist weiß. Könnte man flapsig sagen. Auch wenn die Farbgebung in diesem Fall höchst fragwürdig erscheint. Blütenweiß ist der Betonkubus im Münchner Museumsquartier, in dem vor fünf Jahren das NS-Dokumentationszentrum eröffnete. Auf den Trümmern der einstigen Parteizentrale der NSDAP hat die Stadt München diesen Würfel hingestellt, um sich endlich öffentlich mit der eigenen tiefbraunen Geschichte auseinanderzusetzen.

Verändertes Selbstverständnis dank neuer Leitung

Inzwischen haben sich in das Innere des Museums viele andere Farben hineingemischt. Das ist eine sehr gute und wichtige Entwicklung. In den vergangenen fünf Jahren hat sich das Selbstverständnis des Museums radikal gewandelt.

Begonnen hatte es 2015 mit einem großen Besucheransturm. Die Münchner Bevölkerung kam und sah eine wohlproportionierte, klug komponierte Ausstellung zur NS-Epoche und ihren Kontexten – beginnend bei der Münchner Räterepublik 1919, die konservative Freikorps blutig beendeten, über die NS-Zeit bis zu den zwei Münchener Morden des NSU-Trios in den 2000er-Jahren.

Doch das große Manko: Die kühlen Museumsräume vermittelten das Grauen mit einer Blutarmut, die sehr stark an Schulbücher erinnerte. Allzu stark. Schnell brachen die Besucherzahlen ein. Und dabei zeigte sich in den allwöchentlichen Demonstrationen des radikal rechten Münchener Pegida-Ablegers in der Innenstadt nur allzu deutlich, wie nötig heute eine offensive Erinnerungspolitik ist.

Zum Glück übernahm vor zwei Jahren die Historikerin Mirjam Zadoff die Leitung des Dokuzentrums. Sie machte aus dem begehbaren Geschichtsbuch einen Ort der Gegenwart. Zadoff lädt Jugendliche zum Insta-Walk durchs ehemalige Parteienviertel ein – Handynutzung ausdrücklich erwünscht.

Postmigrantische Schülerinnen und Schüler aus Münchner Berufsschulen verknüpfen ihre Geschichtsworkshops mit eigenen Diskriminierungserfahrungen. Das galt gewiss über lange Zeit nicht als die reine Lehre eines NS-Geschichtsorts – aber es kommt noch besser. Denn Mirjam Zadoff hat den Kurator Nicolaus Schafhausen engagiert, um zu intervenieren – um die sachlich-deutsche, klinisch-reine Dauerausstellung zu stören, aufzurütteln. Und zwar mit zeitgenössischer, globaler Kunst.

Einzug der Kunst in das Geschichtsmuseum

Hier trifft nun etwa die Erinnerung an den Genozid an der jüdischen Bevölkerung auf den Umgang mit dem Völkermord an den First Nations Amerikas – verkörpert durch ein Kunstwerk des kanadischen Künstlers Brian Jungen.

Gerade bei den vielen Touristinnen und Touristen aus Übersee dürfte dies etwas auslösen, auch wenn Vergleiche zwischen dem Holocaust und dem Kolonialismus nach wie vor in hohem Maße gewagt und fragwürdig sind – aber Provokationen wie diese sind Teil dieses Denk- und Diskussionskonzeptes.

Wie weit hier gedacht wird, zeigt auch das Museumskino mit Filmen der #BlackLivesMatter-Bewegung. Und neben die historischen Dokumente von KZ-Häftlingen hat der Künstler Sebastian Jung seine Zeichnungen von Selfies machenden KZ-Touristen gehängt.

Mit diesen Kunst-Eingriffen ins Geschichtsmuseum, diesem Nebeneinander an Fakten und Kommentar muten Mirjam Zadoff und Nicolaus Schafhausen ihren Gästen einiges zu. Und doch ist damit ein mutiger, ein wichtiger Aufbruch in eine neue Epoche der Geschichtsvermittlung gelungen.

Wenn die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Shoah und des NS-Terrors sterben, brauchen wir neue, provokante, assoziative Formen, um die Erinnerung an das Grauen lebendig zu halten. Und nicht zuletzt die steigenden Besuchszahlen geben der Museumsleiterin des NS-Dokumentationszentrums recht.

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