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Interview | Beitrag vom 27.01.2021

Novellierung des JagdgesetzesMehr Tiere schießen, um den Wald zu retten?

Moderation: Nicole Dittmer

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Vor einem Wald ist ein Warnschild aufgestellt, auf diesem steht "Treibjagd". Das Schild ist mit Schnee bedeckt. (Imago Images / Mario Hösel)
Stress für Tiere: Durch Treibjagden werde das Wild aufgeschreckt - und stille seinen erhöhten Kalorienbedarf dann an jungen Bäumen, warnen Tierschützer. (Imago Images / Mario Hösel)

Der Wald muss geschützt werden, um den Klimawandel zu bekämpfen. Aber sollen dafür mehr Wildtiere sterben? Das Jagdgesetz wird erneuert, dabei plädieren die Jägerin Fee Brauwers und die Tierschützerin Nadja Michler für unterschiedliche Akzente.

Erstmals seit 45 Jahren diskutiert der Bundestag über das Bundesjagdgesetz. Dieses soll erneuert werden. Dabei ist unter anderem das Ziel, einen angemessenen Ausgleich zwischen Wald und Wild herzustellen.

Kritik an "Baujagd" auf Fuchs und Dachs

Denn dem Wald geht es schlecht. Er muss dringend aufgeforstet werden, doch im Zweifel frisst das Wild die jungen Bäume wieder weg. Deswegen sollen Jägerinnen und Jäger in Absprache mit den Waldbesitzern zukünftig regional selbst festlegen können, wie viel Wild geschossen wird.

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Auf wenig Verständnis stößt dieser Vorschlag bei Nadja Michler, Fachreferentin für Wildtiere bei der Organisation Peta. "Die größten Grausamkeiten werden nicht ausgemerzt", kritisiert die Tierschützerin. Dazu gehöre unter anderem die Baujagd, bei der Hunde in die Baue von Dachsen und Füchsen geschickt werden, sodass die Tiere sich ineinander verbeißen und schwer verletzen.

Waldschäden durch Raubbau und Fichtenüberschuss

Auch dem Argument, dass mit der Novellierung des Jagdgesetzes die Wälder geschützt werden sollen, kann Michler nichts abgewinnen: "Die Wildtiere werden zu einem Störfaktor gemacht für ein Problem, das menschengemacht ist. Der Zustand, in dem der Wald heutzutage ist, ist ein Ergebnis unseres Raubbaus an der Natur." Der nun vorgelegte Gesetzesentwurf sei nur "Symptompfuscherei", sagt Michler. Die eigentliche Frage laute: "Wie gehen wir mit dem Wald und der Natur um?"

Fee Brauwers, Forstingenieurin und selbst Jägerin, verweist dagegen auf die aktuellen Probleme des Waldes. Mehr als 250.000 Hektar seien "ziemlich kaputt" und müssten nun aufgeforstet beziehungsweise in der Naturverjüngung unterstützt werden, erläutert Brauwers. Einen Grund für diesen Nachholbedarf sieht die Jägerin in den Fehlern der Vergangenheit, als nach dem Krieg zu viele Fichten gepflanzt worden seien.

Jagd zur Bekämpfung des Klimawandels

Gleichzeitig dürfe aber der Fokus nicht verloren gehen, unterstreicht Brauwers: "Wildtiere gehören in unsere Wälder. Es muss aber auch möglich sein, dass Bäume unbeschadet aufwachsen können." So könnten schon wenige Tiere bei frischen Aufforstungen "einen enormen Schaden" anrichten. Dies könne nicht geduldet werden, "weil Wald extrem wichtig für die Bekämpfung des Klimawandels ist".

Michler wendet dagegen ein, dass gerade im Winter das Wild durch Drück- und Treibjagden - die auch als Gesellschaftsjagden abgehalten werden - aufgeschreckt werde. Durch den daraus resultierenden Stress hätten die Tiere einen höheren Kalorienbedarf, den sie an den jungen Bäumen und Knospen decken würden.

Brauwers setzt dagegen darauf, das System der Jagd zu verbessern. "Jeder Jäger muss für sich ethisch korrekt handeln", fordert sie.

(rzr)

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