Notizen zum Nachdenken

Vorgestellt von Klaus Bölling |
Mit gut 150 Seiten vorzüglicher Prosa in ihrem Buch "Älter werden" hat sich Silvia Bovenschen bestimmt viele neue Freunde gemacht. Die Notizen lohnen das Nachdenken. Private Anekdoten stehen neben allgemein-gesellschaftlichen Beobachtungen, Aphorismen neben Dialogszenen, tagebuchartige Reflexionen neben Fernsehberichten.
Als Motto wählt sie einen Satz von Ilse Aichinger. Der heißt: "Wir leben von nicht bewusst gewordenen Erinnerungen." Nicht allen wird das gelingen, der Autorin gelingt es. Nicht unbedingt im Widerspruch zu der Wiener Schriftstellerin, Ilse Aichinger ergänzend, sagt Marcel Proust: "Aus Jugendlichen, die eine ausreichende Anzahl von Jahren überdauern, macht das Leben Greise".

Und Simone de Beauvoir schreibt: "Dichter priesen einst das Alter als die ‘Wonnen des Hafens‘". Das nennt die Gefährtin Sartres "Eine schamlose Lüge". Im Alter, hat sie in einem dickleibigen Essay einst gesagt, sei der Mensch dazu verurteilt, "in Einsamkeit und Langeweile dahinzuvegetieren, ein purer Nichtsnutz". Und Beauvoir, bekanntlich eine energische Linke, fügt klassenkämpferisch hinzu: "Das Interesse der Ausbeuter geht dahin, die Solidarität zwischen Arbeitenden und den unproduktiven Alten zu brechen, so dass diese von niemand mehr vertreten werden".

Ganz so trostlos ist es mehr als 30 Jahre nach Veröffentlichung ihres Klassikers "Über das Alter" weder in Frankreich noch bei uns. Deshalb ist es noch lange nicht so gut, wie man es sich in einem, neuer Begriff, "vorsorgenden Sozialstaat" wünschen möchte. Silvia Bovenschen bietet in ihren Notizen, die schon wegen ihres trefflichen Stils zu loben sind, ein wenig Trost, nur knapp dosiert, unpastoral, sehr ehrlich, von ihrer Privatheit nur eben soviel preisgebend, dass der Leser die Empfindungen einer Frau jenseits der Sechzig nachempfinden kann. Sie muss mit einer schweren Krankheit leben, sie hat viele Monate in Kliniken aushalten müssen. Das war eine tiefe Zäsur im Leben dieser Literaturwissenschaftlerin, die uns, wie schon angedeutet, durch ihr schönes Deutsch für sich einnimmt. Sie erwähnt die Krankheit, ohne ein Lamento anzustimmen. Simone de Beauvoir sprach von der täglichen Langeweile, die sich beim Älterwerden des Menschen bemächtigen kann. Bovenschen erlebt schon als Kind die Langeweile als "eine der größten Geißeln hienieden". Sie ist eine rundum gebildete Frau, sie weiß viel von Literatur und gibt als Dozentin von ihrem Wissen etwas an junge Menschen weiter.

Weshalb haben Leser von sich aus viele neue Leser geworben, warum steht Bovenschen auf der Bestseller-Liste, auf der nicht alles Gold ist, was da zu glänzen scheint? Sie zitiert das recht martialische, sehr amerikanische Sprichwort: "Das Altern ist nichts für Feiglinge". Die Autorin ist ganz sicher nicht feige, sie ist, trotz ihrer Gebrechen, eine ungemein couragierte Frau, und weiß doch sehr gut, dass von denen, die älter werden oder schon richtig alt sind, nicht Heldentum erwartet werden darf. Silvia Bovenschen, eine lange schon erwachsen gewordene 68zigerin, hat sich in die andauernde Diskussion über die Sterbehilfe eingemischt. Sie meint beobachtet zu haben, dass über das vielschichtige Thema dieser Tage nur deshalb so viel geredet wird, weil die Kassen leer sind. Das wäre schlimm.

Bovenschen weiß: "Von den skandalösen Zuständen in Pflegeheimen, wo halbtote Alte mit großflächigen Wundbränden ihrem Ende entgegendämmern und durch die Eingabe von Sedativa abends versenkt werden". Sie überlegt: "Ob es für mich als Alte und Behinderte, wenn ich nicht mehr über mich bestimmen könnte und keinen lieben Menschen hätte, der es in meinem Sinn für mich täte, in hilflosem Zustand, nicht doch besser wäre, umgebracht zu werden, als bei lebendigem Leibe zu verfaulen." Doch die Autorin merkt an. "Schnell und schmerzlos sollte es aber sein."

Bovenschen spricht aus, was doch die meisten Menschen denken, gewiss auch jene, die im Gedanken an den Tod mutig zu sein meinen. Sie sagt, was auch die Beauvoir in ihrem meisterlichen und zugleich niederdrückenden Essay geschrieben hat. Das Alter lähmt. Das Alter, notiert die Verfasserin, ist zunehmende Zukunftslosigkeit. Sie stellt sich auf der letzten Seite die Frage, was sie in ihrem Leben versäumt hat. Und gibt sich die heitere jungenhafte Antwort: "Ich konnte nie auf zwei Fingern pfeifen".

Nein, dieses Buch suggeriert nicht, dass in Alter die "Wonnen des Hafens" zu genießen sind. Die Autorin würde auch nicht am Tag vor dem Weltuntergang schnell noch ein Bäumchen pflanzen. Sie wüsste nicht wofür und für wen. Sie ist, die Dame Bovenschen, keineswegs verzagt. Es kann gar nicht anders sein, als dass von Seite zu Seite die Sympathie des Lesers für sie immer noch wächst.

Silvia Bovenschen: "Älter werden",
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2006.
Buchcover Silvia Bovenschen: "Älter werden"
Silvia Bovenschen: "Älter werden" (Coverausschnitt)© S. Fischer Verlag
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