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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.07.2016

Notfall-Seelsorge nach MünchenWie kann man die Opfer betreuen?

Andreas Mann im Gespräch mit Ute Welty

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Naim Zabergja steht mit einem Foto seines getöteten Sohnes Dijamant am 23.07.2016 vor Medienvertretern am Olympia-Einkaufszentrum in München (Bayern), das die Polizei nach einer Schießerei mit Toten und Verletzten am Vortag abgesperrt hat.  (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Naim Zabergja steht mit einem Foto seines getöteten Sohnes Dijamant am 23.07.2016 vor Medienvertretern am Olympia-Einkaufszentrum in München (Bayern), das die Polizei nach einer Schießerei mit Toten und Verletzten am Vortag abgesperrt hat. (picture alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Nach Anschlägen oder Naturkatastrophen brauchen Betroffene, Angehörige und Augenzeugen Hilfe. Der Notfallseelsorger Andreas Mann rät dazu, die Geschehnisse einzuordnen und die Dimensionen wieder in den Blick zu bekommen.

Der Notfallseelsorger Andreas Mann rät bei extremen Vorfällen wie dem Anschlag von München dazu, die Geschehnisse einzuordnen und die Dimensionen wieder in den Blick zu bekommen.   

"Zu verstehen, dass Menschen in der Lage sind, so etwas anderen anzutun, fällt grundsätzlich erst einmal schwer," sagte der Beauftragte für Notfallseelsorge der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau(EKHN) evangelische Pfarrer im Deutschlandradio Kultur.

Zunächst gelte es in extremen Situationen Menschen aus der Situation von Hilflosigkeit und Desorientierung herauszuhelfen und ihnen einen Platz zu organisieren, in dem die das eigentliche Ereignis erst einmal nicht mehr im Vordergrund stehe, erläuterte der evangelische Theologe zu den Aufgaben und Möglichkeiten der Notfall-Seelsorge. Wichtig sei es dabei, Betroffenen deutlich zu machen, dass es ein Vorher und ein Nachher gebe. Damit versuche die Notfallseelsorge den Betroffenen aus dem Gefühl, "dass es einfach nicht aufhört" herauszuhelfen: "Das ist nämlich manchmal so ein Gefühl, das entsteht, wenn man in so einem Prozess steckt, dass es einfach nicht aufhört und dass man nichts tun kann," erklärte Mann.

"Bilder im Kopf" können zu gravierenden Belastungen werden

Reaktionen wie Schock, Panik, Angst und Hysterie seien bei extremen Vorfällen zunächst normal, ob dies dauerhafte Beschädigungen bei den Betroffenen mit sich bringe, sei erst nach Tagen, Wochen oder Monaten zu erkennen. Auch für nicht direkt Betroffene könnten die "Bilder im Kopf" gravierende Belastungen darstellen.

"Ein gewisses Maß für die Dinge bekommen"

Grundsätzlich sei es hilfreich, solche Erfahrungen mit anderen zu kommunizieren, aber durch den Austausch mit Gesprächspartnern auch wieder ein "gewisses Maß für die Dinge" zu bekommen: "Ein bisschen die Dimensionen wieder in den Blick zu bekommen, das glaube ich, kann helfen," sagte Mann, der als Experte für Psychosoziale Notfallversorgung auch in der Auslandssoforthilfe tätig ist, beispielsweise nach dem Erdbegen in Nepal.

In Kontakt sein mit lieben Menschen 

Hilfreich sei es generell "in Kontakt zu sein mit lieben Menschen", ebenso "das Gefühl, dass es immer noch so ein Ort von Geborgenheit geben kann. Und dass es nicht einfach dauernd, überall, ständig wieder passieren kann." In Gesprächen lasse sich dies ein Stück weit vergegenwärtigen. "Und das ist, glaube ich eine sinnvolle Richtung. Vielleicht besser als sich immer und immer wieder die gleichen Bilder anzutun, die doch eine hohe mediale Präsenz haben."

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