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Länderreport | Beitrag vom 13.10.2020

Notfälle abgewiesenKinderkliniken an der Kapazitätsgrenze

Von Burkhard Schäfers

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Ärzte, Mütter und Kinder in einem Gang einer Kinderklinik (imago / Lars Reimann )
Vor allem in Großstädten sind Kinderkliniken oft überbelegt - und neue Patientinnen und Patienten müssen oft in ein viele Kilometer entferntes Krankenhaus. (imago / Lars Reimann )

Hohes Fieber, Lungenentzündung, Sturz vom Klettergerüst - da braucht es oft die Kinderklinik. Doch dort müssen wegen Engpässen gerade im Herbst und Winter immer wieder sogar Notfälle abgewiesen werden - unabhängig von der Corona-Pandemie

"Das Nicht-Aufnehmen-Können und dem Kind quasi nicht helfen zu können im eigenen Haus oder in derselben Stadt, das ist eine ganz furchtbare Situation", sagt Florian Hoffmann, Oberarzt auf der Intensivstation am Haunerschen Kinderspital in München. "Das System ist so, dass wir im Winter wirklich viele, viele Tage und zum Teil Wochen am Stück haben, wo eigentlich alle vier Kinderkliniken in dieser Stadt bei der Rettungsleitstelle abgemeldet sind."

Draußen auf dem Gang der Intensivstation warten Eltern und Geschwister. Drinnen: Ein vollgestellter Raum mit mehreren Baby- und Kinderbetten. Geräte blinken und piepsen, Kinder quengeln. An jedem der Betten kümmern sich Schwestern darum, dass es ihren Patienten möglichst bald wieder besser geht. All das geschieht ohne Hektik.

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Dass Hoffmanns Station selbst ein Notfall ist, zeigt sich woanders: Auf den Monitoren der Rettungsleitstelle. "Da sieht man eben: Alle Kinderkliniken sind auf Rot. Und rot bedeutet, wir können keine Patienten mehr versorgen, weil wir voll sind", so Hoffmann.

Der Rettungsdienst werde aber trotzdem gerufen und dann stünden sie da draußen mit einem verletzten Kind. "Dann passiert das, was immer, immer häufiger passiert, dass es zu einer Akutbelegung kommt. Das heißt, die Rettungsleitstelle sagt einfach: Fahrt in die Haunersche Kinderklinik, auch wenn die abgemeldet sind. Die müssen jetzt erstmal versorgen und dann müssen wir weiterschauen."

Zum Teil aus München nach Nürnberg transportiert

Was der Kinderintensivarzt berichtet, ist kein Einzelfall – und hat nichts mit Corona zu tun. Hoffmann ist Mitglied im Präsidium der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Fachgesellschaft warnte jüngst in einer Pressemitteilung: Der notwendige Versorgungsbedarf für kranke Kinder könne nicht mehr sicher und flächendeckend gewährleistet werden.

"Jetzt kann man sich vorstellen, was das für Eltern bedeutet: Da kommt man in ein Setting, als Notfall, und merkt, dass eigentlich das ganze System schon am Platzen ist, und hat Sorge um sein Kind. Das macht natürlich eine unglaublich angespannte Situation." Natürlich werde jedes Kind erstmal versorgt. "Aber wir haben die letzten Winter zum Teil Stunden des Tages damit verbracht, in Bayern rumzutelefonieren. Das hat dazu geführt, dass wir viele Kinder weit über 100 Kilometer von hier entfernt nach Traunstein, Garmisch und zum Teil bis Nürnberg transportiert haben, weil da das nächste freie Bett für ein krankes Kind war."

Kinderarzt Florian Hoffmann (Mike Auerbach)Telefoniert oft viele Stunde in Bayern herum, um freie Krankenhausplätze zu finden: Florian Hoffmann, Oberarzt auf der Intensivstation am Haunerschen Kinderspital in München (Mike Auerbach)

Familie Bultmann erlebt seit mehreren Jahren immer wieder, wie eng es in den Münchner Kinderkliniken zugeht – gerade im Winterhalbjahr. Ihre ältere Tochter Hannah wurde mit einem seltenen Chromosomenfehler geboren und ist mehrfach schwerbehindert. Wenn sich die Neunjährige erkältet, kann daraus schnell eine Lungenentzündung werden. Alle paar Monate muss sie wegen akuter Atemnot ins Krankenhaus. Das Haunersche Kinderspital ist nur zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Die Ärztinnen und Ärzte kennen Hannahs Krankengeschichte. Wenn dort aber nichts frei ist, muss sie der Rettungswagen in eine andere Klinik bringen. Hannahs Mutter, Andrea Bultmann, erzählt von einem dieser Tage: Ihre Tochter sei blitzblau angelaufen. Der Notarzt war sofort da, musste dann aber länger herumtelefonieren, weil alle Kindernotaufnahmen gesperrt waren.

"Wir sind eine Dreiviertelstunde mit Hannah durch München gefahren. Sie brauchte da schon zwölf Liter Sauerstoff, was fast schon die Grenze des Geräts bedeutet. Dann sind wir in der Klinik angekommen, dort haben sie Hannah auch schnell versorgt, haben dann aber gesagt, ihre Intensivstation ist leider voll belegt. Und dann ging das Spiel von vorne los, diese ganze Suche."

Zwischendurch habe es so ausgesehen, als müsste ihre schwerkranke Tochter ins 70 Kilometer entfernte Augsburg verlegt werden, sagt Bultmann. Nach einigem Warten fand sich doch noch eine Möglichkeit in München.

"Es gibt viele Geschichten mehr. Das war wirklich die schlimmste, weil ich den Ärzten angesehen habe, wie viel Angst sie haben, Hannah jetzt nochmal aus dem Krankenhaus rauszuschicken", erinnert sich die Mutter. "Der Arzt, der uns auf dem Intensivtransport begleitet hat, hat mir nochmal gesagt, ob mir bewusst ist, dass das ein Hochrisiko-Transport ist."

Brief an Gesundheitsministerin ohne Ergebnis

Bultmann schrieb der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml einen Brief. Darin schilderte sie, was sie regelmäßig in den Kinderkliniken erlebt hat. "Ich habe eine Antwort bekommen, dass es tatsächlich so ist, dass es Probleme gibt mit Überbelegung. Und dass das an dem Personalmangel liegt. Aber es wurde so beschrieben, als könnte man dagegen nicht wirklich was tun."

"Bei uns ist es zum Beispiel so, dass jetzt im Winter fast jeden Tag jemand ausfällt durch Erkrankung. Das führt dazu, dass auch jede Pflegekraft quasi jeden Tag angerufen und gefragt wird, ob sie einspringen kann. Und das zusammen mit den Arbeitsbedingungen und der chronischen Überlastung, die diesem Personal zugemutet wird, was noch da ist, führt dazu, dass immer weniger Leute in diesen Job gehen und auch bleiben."

Porträtfoto von Andrea Bultmann (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers)Andrea Bultmann hat mit ihrer Tochter Hannah schon mehrfach erlebt, was es heißt, wenn Kinderkliniken voll sind. (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers)

Oberarzt Hoffmann sagt: In manchen Kinderkliniken stünden dauerhaft Betten leer, weil Krankenschwestern und Pfleger fehlen. So seien auf der Intensivstation im Münchner Haunerschen Kinderspital nur elf von 16 Betten einsatzbereit. Und das Kinderkrebszentrum der Berliner Charité konnte vor knapp einem Jahr wegen Personalmangels keine neuen Patienten mehr aufnehmen.

Niedrige Gehälter, hohe Mieten – gerade in Großstädten verschärfe sich der Fachkräftemangel seit längerem, schildern Fachleute. Auch auf dem Land werden mancherorts Kinderstationen geschlossen. Im vergangenen Jahr untersuchten Wissenschaftlerinnen der Universität Köln die Situation an Kinderkrankenhäusern. Das Ergebnis ihrer Studie, für die sie Beschäftige befragten: Zu wenig Geld, zu wenig Personal, dauerhafte Überlastung – in Kinderkliniken drohe ein akuter Versorgungsnotstand.

"Es macht mir Angst, und es macht mich wütend, weil ich denke, in einem Land wie Deutschland liegt es nicht an den Ressourcen, es liegt nicht am Geld. Es liegt einzig und alleine am politischen Willen, daran was zu ändern."

"Strukturelle Unterversorgung nicht erkennbar"

Die Bundesregierung indes beurteilt die Lage anders. In ihrer Antwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag vom Januar 2019 heißt es: "Eine strukturelle Unterversorgung mit Kinderkliniken oder Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin ist aus Sicht der Bundesregierung nicht erkennbar."

Im internationalen Vergleich stehe Deutschland sogar besonders gut da. Sowohl in punkto Zahl der Krankenhäuser, der Betten als auch der Ausstattung mit medizinischem Personal. So antwortete die Bundesregierung vor einem guten halben Jahr auf eine weitere Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag. Engpässe bezeichnet sie als "Einzelfälle".

Auch Bayerns Gesundheitsministerin Huml betonte wiederholt, die medizinische Versorgung von Kindern in bayerischen Krankenhäusern sei "auf hohem Niveau gesichert". Dem widerspricht Ruth Waldmann, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag: "Uns erreichen immer wieder Hilferufe, sowohl von betroffenen Familien als auch Brandbriefe von Chefärzten aus den Kinderkrankenhäusern, dass sie immer wieder kranke, auch schwerkranke Kinder abweisen müssen, oder eben sehr weit weg verlegt werden, was natürlich für die Familien einige Probleme mit sich bringt."

Im Landtag hatte die Oppositionspolitikerin von einem – so wörtlich – "dramatischen Notstand" gesprochen. Gesundheitsministerin Huml hatte Waldmann daraufhin vorgeworfen, sie verunsichere die Eltern. "Niemand möchte gern lesen, dass in Bayern Kinder nicht vernünftig medizinisch versorgt werden, weil in Bayern schließlich immer alles super ist. Aber dieses Kleinreden – davon werden doch die Probleme nicht weniger und die Verzweiflung der Menschen. Und das sind nicht nur die betroffenen Familien. Die Pflegekräfte, die Ärztinnen und Ärzte leiden doch auch darunter, wenn die sehen, ich müsste hier eigentlich konkret jetzt schnell eine gute Behandlung machen und ich kann gar nicht. Das möchte doch niemand, der diesen Beruf ausübt."

Engpässe wegen Art der Finanzierung?

Waldmann sitzt im SPD-Bürgerbüro an einem belebten Platz in München-Schwabing. Die Abgeordnete sagt, das mit den Engpässen liege an der Art der Finanzierung. Deshalb will ihre Partei in der Kinder- und Jugendmedizin weg von den sogenannten Fallpauschalen. In diesem System bekommen die Krankenhäuser, vereinfacht gesagt, für jede Behandlung einen festgelegten Betrag.

"Man kriegt eben für die Behandlung von Kindern bestenfalls genauso viel Geld wie für die Behandlung von Erwachsenen. Aber die Behandlung von Kindern ist sehr viel aufwändiger. Wenn Sie einem Dreijährigen eine Spritze geben wollen, dann hält der halt nicht still – oder wenn Sie den röntgen wollen. Da brauchen Sie Zeit. Und Sie müssen mit dem Kind und mit der Familie arbeiten können. Das gehört eben auch zu einer guten medizinischen Behandlung dazu."

"Und das sind alles Dinge, die leider in unserem System der Bezahlung überhaupt nicht abgegolten sind. Für eine Blutentnahme werden 4,5 Minuten berechnet. Dass das aber ein Minusgeschäft ist, weil wir so viel Personal binden, das kommt in diesem System nicht vor. Und damit ist ein Großteil der Kinderkliniken in diesem Land leider defizitär."

Kinderarzt Hoffmann vom Fachverband DIVI sagt, die Krankenhäuser stünden unter einem hohen wirtschaftlichen Druck. Konservative Methoden ohne den Einsatz teurer Geräte seien wenig lukrativ. "Es ist immer so, dass die Kinderklinik in einem Gesamtverbund am meisten Defizit hat. Wir haben das Glück, dass die anderen Abteilungen – die Erwachsenen-Kardiologie und die Neurologie, die gut verdienen – uns auffangen, und das Klinikum uns quasi querfinanziert", so Hoffmann. "Aber man kann sich vorstellen, damit bleibt man immer ein lästiges Anhängsel, in der Hoffnung, dass das alles ausgebügelt wird und wir halt mit einem blauen Auge davonkommen. Und natürlich muss man dann in jedem Jahr Personal reduzieren, weil Personal einfach das ist, was am meisten Geld kostet."

Onlinepetition mit 20.000 Unterschriften

Kindermedizin ist zeit- und personalintensiv – also teuer. Daten des Statistischen Bundesamtes von 2017 zeigen zudem, dass die Abteilungen für Kinderheilkunde nur zu zwei Dritteln ausgelastet waren. Dieser Durchschnittswert sagt indes nichts über regionale Versorgungsprobleme und Aufnahmestopps aus. Das werde auf Bundesebene nicht systematisch erfasst, teilt die Bundesregierung mit.

Nun will die SPD die Fallpauschalen in der Kindermedizin kippen und so die Engpässe beheben. Das Bundesgesundheitsministerium hingegen verteidigt auf Anfrage von Deutschlandfunk Kultur das System und verspricht deutliche Mehreinnahmen: Wegen aktueller Änderungen bei den Pflegepersonalkosten, bei Zuschlägen und der Förderung für ländliche Krankenhäuser. "Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Leistungen für Kinder- und Jugendmedizin durch das pauschalierende Entgeltsystem sehr differenziert abgebildet werden und hierbei auch den besonderen Belangen der Kinder und Jugendlichen angemessen Rechnung getragen wird."

Ärztinnen, Ärzte und betroffene Eltern sind sich da nicht so sicher. Eine Onlinepetition an den bayerischen Landtag mit dem Titel "Kinderstationen retten" haben mehr als 20.000 Menschen unterschrieben. In den Kommentaren berichten sie von Bettenmangel, kurzfristig verschobenen OPs und – Zitat – "katastrophalen Zuständen".

Andrea Bultmann, die mit ihrer Tochter Hannah regelmäßig in die Klinik muss, sagt: "Bei den Kinderstationen ist die Überbelastung, die wir jetzt bei Corona so fürchten, ja schon seit Jahren gegeben. Wenn Hannah anfängt zu husten, überlege ich mir: Rufe ich jetzt schon im Krankenhaus an, aus der Sorge, dass wir, wenn sie akut dann keine Luft mehr bekommt, in kein Krankenhaus reinkommen."

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