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Fazit | Beitrag vom 12.11.2020

"Notes of Berlin"Zettelbotschaften am Puls der Stadt

Joab Nist im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Ein aufgeklapptes Buch mit zwei Fotos, darauf ein Moped und ein Zettel an einem Fahrrad (notesofberlin )
Die Botschaften seien zwar oft skurril und sonderbar, doch keinesfalls Street-Art, sagt "Notes of Berlin"-Gründer Joab Nist. (notesofberlin )

Seit rund zehn Jahren dokumentiert Joab Nist die Zettel, die im öffentlichen Raum Berlins aushängen. Die Botschaften und Mitteilungen darauf seien Vermittler sozialer Realität - gerade auch in Coronazeiten zeigten sie die Sehnsucht nach Austausch.

Die Themen auf den öffentlich ausgehängten Zetteln seien sehr vielfältig, sagt Joab Nist. Er fotografiert seit 2010 Notizen, die in Berlin in Hausfluren, Ampelmasten und im öffentlichen Raum ausgehängt werden. Nist betreibt den Blog "Notes of Berlin", der die Notizen auch thematisch ordnet. Mehrere Bücher sind entstanden – das neueste heißt "Dildo und Armbanduhr".

So tickt Berlin

Der titelgebende Zettel stamme aus Berlin-Moabit, sagt Nist. Täglich würden in Berlin Dinge verloren gehen und gefunden werden, darum biete diese Notiz einen "sehr authentischen, plakativen Einblick in die Berliner Zettelwirtschaft."

Die Zettel bildeten den Alltag Berlins ab, eine Hauptkategorie sei die Nachbarschaft: "So Clash of Cultures. Ein großes Mietshaus in Berlin. Da kann man sich vorstellen, da kommen die unterschiedlichsten Lebensentwürfe auf engem Raum zusammen." Berlin nehme kein Blatt vor den Mund, wenn es um politische Botschaften gehe – auch Liebesbotschaften seien ein ganz großes Thema.

"Man hat das Gefühl, Berlin sucht sich jeden Tag im öffentlichen Raum. Man spricht sich halt vielleicht nicht an, hatte nicht den Mut. Und dann ist die Chance sehr gering, wenn man keinen Zettel schreibt, dass man sich vielleicht wieder trifft in der Stadt."

Notizen beflügeln die Fantasie

Oft lösten Zettel auch ein regelrechtes Kopfkino aus, so Nist. Etwa die Botschaft aus Berlin Steglitz: "Rawai, melde dich, du wirst Vater." Ein Zettel ohne jegliche Kontaktdaten, sagt Nist: "Wie kann es sein, dass jemand den Namen des zukünftigen Vaters seines Kindes weiß, aber nicht weiß, wo er wohnt? Also da muss sich irgendwas zugetragen haben."

Ein Zettel an einem Laternenpfahl (notesofberlin)Auf der Suche nach dem werdenden Vater: Zettel an einem Laternenpfahl in Berlin-Steglitz (notesofberlin)

Gelegentlich kontaktiere er auch die Urheber der Mitteilungen. Oft zeige sich dann, dass die Geschichten anders gestrickt seien, als vermutet. Wie ein Zettel mit der Aufschrift: "100 Euro Belohnung, Katze weg. Wenn die Katze bis zum 25. Juni nicht wieder da ist, ist meine Freundin auch weg." Ein Treffen mit dem Urheber der Notiz hätte ergeben, dass eine Katze durch dessen Unachtsamkeit verschwunden war, so Nist: "Das ist die Lieblingskatze seiner Freundin gewesen. Er wusste, wenn die nicht wiederkommt, dann war‘s das und er hat eine Suchaktion gestartet."

Erfolgsrezept Echtheit

Die Botschaften seien zwar oft skurril und sonderbar, doch keinesfalls Street-Art. Es bräuchte dann schon "absolute Genies, dass man das einfach so von sich aus selber verfasst, also ohne es selbst erlebt zu haben." Das Erfolgsrezept von "Notes of Berlin" sei "dieses Authentische, dieses Echte, dieses Nachvollziehbare", so Nist.

Der Mensch als Kommunikationswesen

Während der Coronazeit gebe es deutlich mehr Einsendungen von Fotos an ihn zum Thema Nachbarschaft. Einerseits weil sich das Leben im öffentlich Stadtbild zurückgeschraubt habe, sich aber dadurch umso mehr im Kiez intensiviere - eine regelrechte Welle der Solidarität, so Nist: "Es gab viele Zettel mit sehr sympathisch formulierten Hilfsangeboten. 'Ich kann für dich einkaufen', oder wenn jemand sich irgendwie alleine fühlte, 'Ich kann mit dir telefonieren.'" Wutausbrüche auf den Zetteln hätten derzeit abgenommen.

Der erste Lockdown habe das Mitteilungsbedürfnis der Menschen gezeigt, "um nicht komplett in Kommunikationsquarantäne zugehen. Das hat natürlich schnell gezeigt, dass der Mensch einfach ein Kommunikationswesen ist. Egal ob er raus darf oder nicht."

Charme der Großstadt

Im Nachbarschaftsdialog in Hausfluren gehe es oft auch um Ruhestörung. Dazu hat Nist einen Zettelfavoriten, den er in Kreuzberg entdeckt hat und der auch den Tonfall Berlins auf den Punkt bringe: "Hallo Nachbarn, ich feiere heute ein bisschen. Wer Bock hat, kommt rum, wird wohl lauter und länger. Also morgen früh bitte Ruhe im Haus. Danke, euer Arne."

(mle)

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