Normal und ausgewogen

Wie können Eltern ihren Säugling am besten vor Allergien schützen? © AP
Von Stephanie Kowalewski · 21.02.2010
Viele Eltern, die es besonders gut mit ihren Säuglingen meinen, geben ihnen im ersten Lebensjahr nur vermeintlich allergenarme Kost zu essen. Das soll das Risiko, eine Allergie zu entwickeln senken. Das jedenfalls war jahrelang die Empfehlung von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern.
Man versuchte also "dem potenziellen Feind" aus dem Weg zu gehen. Heute - mit dem Wissen aus zahlreichen Studien - hat sich die Denkweise und damit auch die Empfehlung geändert. Der Kontakt mit möglichen Allergenen ist jetzt im ersten Lebensjahr ausdrücklich erwünscht.

Hanna Sofie ist ein aufgewecktes und gesundes Kind. Das liegt auch an der Ernährung, meinen ihre Eltern Bodo und Julia Weßels. Weil sie Hanna Sofie möglichst vor Allergien schützen wollten, haben sie bei ihrer nun einjährigen Tochter bisher auf einige Lebensmittel komplett verzichtet.

"Am Anfang von der Ernährung unserer Tochter haben wir festgestellt, dass eine mögliche Laktoseintoleranz vorliegt und daraufhin haben wir dann die Ernährung ohne Laktose, also laktosefrei durchgeführt. Thema Fleisch, da hatte uns die Hebamme gesagt, dass Fleisch häufig auslösender Moment ist für Allergien und ja deshalb haben wir auf Fleisch verzichtet."

So wie die Weßels haben es viele Eltern gemacht, deren Kinder ein Allergierisiko tragen, weil mindestens ein Elternteil oder ein Geschwisterkind eine allergische Erkrankung hat, also an Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis leidet. Hier galt bisher: möglichst vier Monate ausschließlich Stillen und dann alle Lebensmittel meiden, die häufig Allergien auslösen.

"Das zum Beispiel die Kuhmilch und auch Weizen im ersten Lebensjahr strikt gemieden werden sollte."

Sagt Sonja Lämmel, Ernährungswissenschaftlerin beim Deutschen Allergie- und Asthmabund in Mönchengladbach.

"Nüsse und Hühnerei sollten sogar bis zum dritten Lebensjahr gemieden werden. Der Hintergrund dieser alten Präventionsempfehlung war, dass das Kind nicht zu früh mit Fremdeiweiß in Kontakt kommt und der Körper dann keine Allergie entwickeln kann und das Risiko gesenkt wird."

Inzwischen haben jedoch aktuelle medizinische Studien gezeigt, dass das keineswegs der beste Weg ist, Allergien vorzubeugen, sagt Prof. Antje Schuster, Kinder- und Jugend-Allergologin an der Uniklinik Düsseldorf.

"Und es ist auch heute keineswegs mehr so, dass wir sagen, Fisch und Nüsse und Eier sollten im ersten Lebensjahr nicht gegeben werden. Im Gegenteil scheint es so zu sein, dass ein Kontakt mit den Allergenen im ersten Lebensjahr eine Toleranz auslösen kann, sodass das Kind dann diese Nahrungsmittel hinterher gut verträgt und nicht allergisch darauf reagiert."

Nach den jetzigen Erkenntnissen sollten Babys nun - wie bisher auch empfohlen - bis zum vollendeten vierten Lebensmonat ausschließlich gestillt werden. Neu ist aber, dass die Mütter von Risikokindern während der Stillzeit nicht mehr auf allergene Lebensmittel verzichten müssen.

Sie sollten sich vielmehr ganz normal und ausgewogen ernähren. Nach dem vollendeten vierten Lebensmonat sollten dann auch die Kinder mit Weizen, Kuhmilch, Fisch und Eiern gefüttert werden. Und das gilt für alle Kinder, betont die Ärztin.

"Wenn diese ersten vier Lebensmonate um sind, gibt es keinen Unterschied mehr in Empfehlungen, ob das Kind ein familiär vorbelastetes Kind für Allergien ist oder nicht."

Diese neuen medizinischen Richtlinien zur Allergieprävention bei Kleinkindern sind letztlich das genaue Gegenteil von den bisherigen Empfehlungen. Das verunsichert viele Eltern, meint der Familienvater Bodo Weßels.

"Es ist schon komisch, dass das so drastisch geändert wurde. Quasi eine 180-Grad-Wendung in die andere Richtung. Das ist schon ein bisschen merkwürdig."

Aber in der Medizin durchaus keine Seltenheit, versichert die Kinderallergologin Antje Schuster. Immer wieder belegen neue Forschungsergebnisse, dass bisherige Annahmen und Empfehlungen falsch waren oder nicht den gewünschten Effekt erzielen. Dann müssen Ärzte und eben auch die Patienten umdenken.

"Überzeugungsarbeit muss jetzt geleistet werden, dass nach den aktuellen Erkenntnissen die Empfehlung von damals falsch waren."

Hintergrund für diese Kehrtwende ist das Rechercheergebnis einer Kommission von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern. Die Experten haben insgesamt 217 Einzelstudien aus dem Zeitraum 2003 bis 2008 zum Thema Allergieprävention gesichtet und nach standarisierten Kriterien ausgewertet. Ergebnis ist die sogenannte neue "S3-Leitlinie Allergieprävention", die Mitte vergangenen Jahres veröffentlicht wurde.

Erfahrungsgemäß dauert es jedoch einige Zeit, bis solche Änderungen im bei den Ärzten und Eltern ankommen. Nach dieser neuen medizinischen Leitlinie zur Vorbeugung von Allergien, ist es nun am besten, wenn die unterschiedlichen Breie schrittweise eingeführt werden, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Sonja Lämmel vom Allergie- und Asthmabund.

"Man weiß, dass genau in der Zeitspanne vom vierten bis sechsten Monat es besonders wichtig ist, mit der Beikost anzufangen, damit der Körper eben diese Toleranz entwickeln kann. Der Beikostaufbau kann dann ganz normal beginnen, mit dem Mittagsbrei in Form von Kartoffeln, Möhren einer Fleischkomponente, ein bisschen Öl. Dann kommt der Milch-Getreide-Brei, der jetzt mit einer ganz normalen Kuhmilch angerührt werden kann. Und dann der Obst-Getreide-Brei."

Selbst hoch allergene Nüsse sind erlaubt, wenn sie denn in Form von Erdnussbutter oder Öl gegeben werden. Ganze Nüsse sind weiterhin tabu. Zu groß das Risiko, dass sie verschluckt werden. Bei der Einführung der Beikost sollten die Eltern darauf achten, rät Sonja Lämmel, ob die Kinder mit Hautausschlag, Durchfall oder Atembeschwerden auf die neuen Lebensmittel reagieren:

"Wenn man so etwas bemerkt muss man mit dem Kinderarzt abstimmen, ob es wirklich eine Allergie ist. Wenn es wirklich eine Allergie ist, dann müssen die Sachen natürlich weggelassen werden, aber auch nur so lange, wie es relevant ist - also im Säuglingsalter nach einem Jahr noch mal nachkontrollieren."