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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 12.04.2015

Norma MillerDie Queen of Swing tanzt immer noch

Von Bettina Ritter

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Ein Paar tanzt im Jahr 1939 im The Savoy Club in Harlem, New York, den Swingtanz Lindy Hop. (imago/United Archives International)
Ein Paar tanzt im Jahr 1939 im The Savoy Club in Harlem den Swingtanz Lindy Hop. (imago/United Archives International)

Der Lindy Hop entstand in den 1920er- und 30er-Jahren in den USA: im legendären Savoy Ballroom in Harlem, New York. Die inzwischen 95 Jahre alte Norma Miller war damals dabei – und wird heute in der wiedererstarkten Swingtanz-Szene gefeiert.

Norma Miller ist eine Diva, aber eine zum Anfassen. Sie trägt Glitzerpulli, eine gepflegte Perücke und sehr lange, sehr rote Fingernägel. Etwa 150 junge Swing-Tänzer hängen an ihren Lippen, als sie in Berlin vom Anfang ihrer Karriere erzählt:

"Ich habe einen Wettbewerb im Apollo-Theatre gewonnen. Das bedeutete, ich durfte eine Woche dort als Tänzerin arbeiten. 25 Dollar habe ich bekommen. Dafür habe ich natürlich die Schule geschwänzt."

Da war sie gerade mal 14. Die Schule interessierte Norma Miller bald nicht mehr, denn das Tanzen brachte Geld:

"Zu meiner Zeit gab es wenige Jobs für schwarze Mädchen, die gut bezahlt wurden. Man konnte Nähen, Putzen oder als Lehrerin arbeiten. Und all das hat mich nicht interessiert. Ich konnte tanzen!"

Im Ensemble der Whitey’s Lindy Hoppers

Schnell wurde Norma Miller festes Mitglied der Whitey’s Lindy Hoppers, einer legendären Tanzgruppe im ebenfalls legendären Savoy Ballroom in Harlem, New York. Hier begleitete sie Musik-Größen wie Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Count Basie:

"Wir haben sie alle getroffen. Die Bandleader und Komponisten kamen tagsüber ins Savoy, um mit den Musikern Stücke zu üben. Wir Tänzer trainierten dort, und so haben wir die Lieder kennengelernt, zu denen wir dann am Abend getanzt haben."

Die Whitey’s Lindy Hoppers entwickelten den Tanz weiter: immer schneller, immer athletischer und immer akrobatischer. In Schwarz-Weiß-Filmen wie "Hellzapoppin" sieht man eine junge Norma Miller, wie sie von ihrem Partner in halsbrecherischem Tempo durch die Luft geschleudert wird, sich kopfüber an dessen Rücken hinunter stürzt, durch seine Beine schwingt, um auf der anderen Seite sofort weiter zu tanzen.

Der Kriegseintritt beendet den Lindy Hop

Der Lindy Hop fand ein abruptes Ende, als die USA in den Krieg eintraten.

"Der Krieg hat uns umgebracht. Sie haben alle Tänzer aus Harlem eingezogen. Alle! Sie haben das Savoy leer gemacht. Da habe ich die Truppe verlassen und habe mit dem Lindy Hop aufgehört."

Trotzdem ging es für die geschäftstüchtige Norma Miller weiter. Sie gründete ihre eigene Gruppe – die Norma Miller Dancers, die unter anderem mit Sammy Davis Junior in Las Vegas auftraten:

"Ich habe alle möglichen Standards gesetzt. Ich habe Jobs geschaffen. Damals waren nur Männer Choreografen, Männer haben die Tänzerinnen ausgebildet. Bei mir war es umgekehrt."

Tanzen als Lebenslinie

Seit den 80er Jahren, dem Revival des Lindy Hops, ist Norma Miller wieder als Botschafterin des Swing unterwegs. Sie wird eingeladen, reist quer über den Erdball, erzählt aus ihrem Tänzer-Leben. Die Jungen verehren sie wie eine Heldin. Die internationale Swingtanz-Gemeinschaft ist ihre Familie. Kinder hat sie keine, und in ihrem Leben gab es nur eine große Liebe: das Tanzen.

"Damals war ich verlobt und wollte heiraten, wie alle jungen Mädchen. Aber dann bekam ich einen Job und musste die Stadt verlassen."

Der Beruf als Tänzerin ist Norma Millers Lebenslinie, sagt sie. Er hat sie weit gebracht. Nicht nur hat sie gesund das hohe Alter von 95 Jahren erreicht, sie ist auch Mittelpunkt der ständig wachsenden Gemeinschaft der internationalen Swing-Tänzer. Zuletzt stand sie übrigens im vergangenen Jahr in New York auf der Bühne und machte ihrem Namen als "Queen of Swing" dabei alle Ehre.

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