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Fazit | Beitrag vom 18.03.2021

Nora Bossong zu Missbrauch in KircheLippenbekenntnisse statt Reformen

Moderation: Sigrid Brinkmann

Sturmwolken ziehen auf über dem Kölner Dom. Das Gebäude ist aus der Froschperspektive nur als Schattenriss erkennbar, darüber brauen sich dunkle Wolken zusammen. (imago-images / Future Image / C. Hardt)
Der katholischen Kirche drohen stürmische Zeiten nach der Vorstellung eines Gutachtens zum Missbrauch im Erzbistum Köln. (imago-images / Future Image / C. Hardt)

Das neue Gutachten zum Umgang mit Missbrauch im Erzbistum Köln könnte für neue Kirchenaustritte sorgen und die Krise der katholischen Kirche verschärfen. Schriftstellerin Nora Bossong erklärt, warum für sie ein Austritt nicht in Frage kommt.

Das am Donnerstag vom Strafrechtler Björn Gercke vorgestellte Gutachten zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kölner Katholischen Kirche spricht von jahrzehntelanger Vertuschung und Pflichtverletzungen aus Angst vor Reputationsschäden. Insgesamt stellten die Gutachter 75 Pflichtverletzungen fest, die von acht lebenden oder verstorbenen Verantwortlichen begangen worden seien sollen. 

Gercke sagte, auf Grundlage der Aktenprüfung seien von den mutmaßlichen Tätern 63 Prozent Kleriker gewesen. Das bedeutet, 127 Priester haben sich von 1975 bis 2018 im größten deutschen Bistum mutmaßlich des Missbrauchs schuldig gemacht. Mehr als die Hälfte der Opfer seien Kinder im Alter unter 14 Jahren gewesen.

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Kardinal Woelki, der in dem Gutachten entlastet wurde, zog Konsequenzen und entband sofort zwei Würdenträger von ihren Aufgaben. Der katholischen Kirche droht nun möglicherweise eine neue Welle von Kirchenaustritten.

Ambivalente Haltung zur Institution, aber nicht zum Glauben

Die Schriftstellerin Nora Bossong ist Mitglied der katholischen Kirche und hat vor wenigen Tagen in einem Gastbeitrag in der "Zeit" angemerkt, dass sie, trotz aller Missbrauchsskandale und der mangelnden und schleppenden Aufklärung dieser, in der Kirche verbleiben wolle. Das hänge mit ihrer eigenen Verankerung im Glauben zusammen, so Bossong.

"Die katholische Kirche ist etwas, was mir in existenziellen Krisensituationen Halt gibt. Das kenne ich ganz besonders in Momenten von Trauerfällen." Der Glaube an Jesus Christus als Mensch gewordenem Sohn Gottes gebe ihr Orientierung und bewahre sie vor der Selbstüberhöhung des Menschen.

Die Kirchenskandale hätten sie natürlich immer wieder zum Nachdenken gebracht. Es sei nicht so, dass sie ohne Ambivalenz weiterhin Mitglied in der Kirche bleibe, aber ihr Glaube überwiege.

"Ich sehe es nicht ein, dass diejenigen, die diesem Glauben durch ihre Handlungen nicht entsprechen, mich aus der Kirche drängen. Ich kann allerdings andere Gläubige verstehen, die sagen: 'Ich halte es da nicht mehr aus.' Das kann ich absolut nachvollziehen. Ich glaube, da muss sich jeder oder jede die eigene Entscheidung zutrauen."

Enttäuschung über Reformunfähigkeit der Kirche

Kardinal Woelki habe heute bei der Vorstellung der Studie zwar einigermaßen klare Worte gefunden, sagt Bossong, die Reaktion komme aber einfach zu spät. Man hätte mit früherem Handeln viel Unmut, Enttäuschung und Vertrauensverlust verhindern können. 

Die katholische Kirche kranke immer wieder am eigenen System. Es sei skandalös, "dass in Fällen von Missbrauch durch Laien sofort zugegriffen wurde. Nur die Kleriker wurden geschützt. Natürlich hat das etwas mit dem System zu tun."

Bossong wünscht sich deshalb auch seitens der römischen Kurie mehr Bewegung und Reformwillen. Viele Gläubige hätten mit dem Pontifikat von Franziskus genau darauf gehofft. "Ich glaube, da ist die Enttäuschung groß, weil die Reform eher ein Lippenbekenntnis ist und nicht wirklich etwas an den Strukturen verändert wird."

(rja)

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