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Interview | Beitrag vom 09.09.2019

Nora Bossong über ihren Roman "Schutzzone"Frieden als notwendige Utopie

Nora Bossong im Gespräch mit Ute Welty

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 Das Bild zeigt den UNO-Sicherheitsrat im April 2018 bei einer Dringlichkeitssitzung zum Krieg in Syrien. (dpa-Bildfunk / AP / Mary Altaffer)
UNO-Sicherheitsrat bei einer Dringlichkeitssitzung zum Krieg in Syrien: Wie greifen Herrschaft, Verantwortung und Schuld ineinander? Nora Bossong geht dieser Frage in ihrem neuen Roman nach. (dpa-Bildfunk / AP / Mary Altaffer)

Nora Bossongs neuer Roman "Schutzzone" spielt auf der großen politischen Bühne, bei den Vereinten Nationen. Die sind nach Ansicht der Schriftstellerin stark reformbedürftig. Für vollends gescheitert hält Bossong die UN aber nicht.

Ute Welty: New York, Burundi, Genf – das sind die Stationen, wo Mira für die Vereinten Nationen arbeitet. Mira ist die Hauptfigur im neuen Roman von Nora Bossong, und der heißt "Schutzzone" und erscheint heute. Die Vereinten Nationen haben ja nicht gerade das beste Image: zu groß, zu unbeweglich, zu zerstritten, und immer wenn es hart auf hart kommt, dann legen China und/oder Russland ein Veto ein. Was hat Sie gereizt, in dieser relativ unattraktiven Umgebung einen Roman spielen zu lassen?

Bossong: Diese Widersprüche, die die Vereinten Nationen in sich haben, das interessiert mich einfach, und dann natürlich die Frage, wie Menschen auf so eine Institution treffen, denn die Institution hat ihre Regeln, hat ihre Starre, hat die Bürokratie, aber wird ja doch von Menschen getragen. Diese Menschen sind zum Teil Idealisten oder waren es anfangs mal, sind zum Teil natürlich auch Karrieristen, aber dieser große Traum der Menschheit, dass es mal eine wirklich befriedete Welt gibt, die drücken die Vereinten Nationen aus, und das Scheitern dieses Traums kann man, glaube ich, dann sehr gut auch im Scheitern der Vereinten Nationen fassen.

Welty: Wie haben Sie recherchiert, sind Sie einfach nach Genf gefahren und haben sich in eine Hotellobby gesetzt, wo internationale Verhandlungen stattgefunden haben?

Die Schriftstellerin Nora Bossong in einem schwarzen Shirt mit angewinkeltem Arm (Suhrkamp Verlag)Beschäftigt sich mit Erinnerungskultur: die Schriftstellerin Nora Bossong. (Suhrkamp Verlag)

Bossong: Wenn ich jetzt drei Monate im "Beau Rivage" gesessen hätte, dann wäre mein Vorschuss längst aufgebraucht. Nein, ich kenne Leute, die für die Vereinten Nationen arbeiten, über die habe ich dann wieder neue Leute kennengelernt.

Ich bin nach Kenia, nach Genf, nach New York gereist, um mich dort einfach in dem Milieu umzutun. In Burundi war ich natürlich auch, das ist ja einer der Hauptschauplätze, und habe dort von eigentlich allen Seiten Leute getroffen, die mir ihre Sicht auf die Vereinten Nationen erzählt haben.

Gerechtigkeit und Versöhnung sind brüchige Konzepte

Welty: Ihre Hauptfigur Mira kommt in Bedrängnis, weil sie verwickelt ist in den Völkermord in Burundi, und Sie selbst haben ja auch über Ruanda geschrieben – das war eine Reportage für "Die Zeit". Wie schwierig ist es, in solchen Ausnahmesituationen den eigenen Prinzipien treu zu bleiben?

Bossong: Es ist sehr schwierig, denn ich war da - in Anführungszeichen - "nur" beim Jahrestag, das heißt, es ging nur um die Erinnerung. Gleichzeitig ist es aber so bedrückend. Man weiß zugleich, dass das auch kein freies Gedenken ist, sondern Präsident Kagame ist durchaus als Diktator zu bezeichnen, der diese Erinnerungskultur für seinen eigenen Machterhalt nutzt.

Das heißt, man ist zerrissen zwischen den unterschiedlichsten Emotionen, aber auch analytischen Überlegungen, und es ist schwer, sich dazu zu verhalten. Es ist auch schwer, das auszuhalten – ich war danach bestimmt ein paar Wochen nicht unbedingt in allerfröhlichster Gemütsverfassung. Man merkt, wie brüchig solche Konzepte wie Gerechtigkeit und Versöhnung sind, weil sie Menschen zum Teil Dinge abverlangen, die vielleicht noch nicht möglich sind.

Welty: Und wie sehr muss man die eigenen Ansprüche auch hinten anstellen, wenn es darum geht, beispielsweise mit Kriegsverbrechern oder Diktatoren zu verhandeln, um so etwas wie Frieden zu erreichen oder zumindest eine Verbesserung des Lebens vieler Menschen?

Bossong: Das ist extrem schwierig. Ich glaube, es geht immer um eine Verhältnismäßigkeit, das heißt, wie viel Kompromissbereitschaft gebe ich zu, wo ist aber der Kompromiss so, dass er mich eigentlich über den Tisch zieht, und wo unterstütze ich die falsche Sache? Es ist etwas, was zum einen diffizil ist, wo es auch immer wieder falsche Entscheidungen geben wird – da bin ich mir ganz sicher –, ohne dass Menschen per se vorab schlechte Intentionen haben.

Sicherlich werden im Fall Ruanda fünf Leute an einem Tisch sitzen und jeder hat eine andere Meinung dazu, wie weit man diesem Land entgegengehen kann, wie weit man die Erinnerungskultur auch weiter unterstützen soll, so wie sie derzeit gelebt wird, und wie weit man aber auch die derzeitige Regierung hinterfragen darf. Gerade in diesen Post-Konflikt-Regionen ist das Verhältnis zu Ländern und Staaten wie den europäischen, die auch eine Mitschuld haben an dem, was da passiert ist, natürlich extrem angespannt. Und auch diese Befangenheit spielt natürlich mit rein.

Der lange Schatten der Vergangenheit

Welty: Aus der Charta der Vereinten Nationen ergibt sich auch die Verpflichtung, staatliche Verbrechen aus der Vergangenheit aufzuklären. Ist das immer so eindeutig, wer die Täter sind und wer die Opfer und was die Wahrheit ist?

Bossong: Was die Wahrheit ist, ist sehr schwierig, sehr diffizil. Das ist ja vielleicht auch einfach ein wirklich europäischer Gedanke, eine europäische Hoffnung, christlich – was ist Wahrheit, natürlich auch im Sinne der Aufklärung. Die Frage, wer Täter und Opfer sind: Man muss aushalten, dass es sich teilweise überschneidet, dass die Opfer auch Täter waren und die Täter Opfer.

Man kann, glaube ich, die deutsche Geschichte nicht mit Ruanda vergleichen, denn in der deutschen Vergangenheit in den Jahren '33 bis '45 ist das doch deutlich klarer, wer die Täter waren.

In Ruanda vermischt sich das, und das, was ja auch zu zwischenstaatlichen Konflikten geführt hat, war, dass es zum Beispiel in Europa Untersuchungen gab, juristische Untersuchungen, gegen einen Kreis um Präsident Kagame, der sich selbst aber eher als Befreier Ruandas sieht und als derjenige, der – weil die Vereinten Nationen es wirklich komplett verpatzt haben – die Bevölkerung der Tutsi geschützt hat.

Das heißt, da haben wir eine heroische Selbstdarstellung gegen sehr ins Leere laufende oder dann auch aus Angst zurückgezogene Untersuchungen, die zeigen könnten, dass die Unschuld nicht ganz so groß ist oder dass Schuld und Unschuld da etwas ambivalenter verteilt sind.

Die Instrumente der UNO sind veraltet

Welty: Wer für die UNO arbeitet, der tut das ja vor allem im Sinne des Weltfriedens, der scheint aber weiter weg denn je. Muss man da nicht auch die Sinnhaftigkeit einer solchen Institution infrage stellen?

Bossong: Ja, ganz gewiss, aber ich glaube, man muss die Möglichkeit dieses Weltfriedens, dieses Traums, dieser Utopie zurechtrücken. Das ist eben nichts, was so einfach zu bewerkstelligen ist. Und das, was wir in Europa haben, eine überwiegend befriedete Region seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ist – man muss es leider so sagen – immer noch eine Ausnahmesituation. Ich bin in Friedenszeiten geboren, ich hab nie etwas anderes erlebt, ich habe mich daran gewöhnt und meine Generation sicherlich auch, aber das, was wir mit einem Blick auf die Welt haben, ist natürlich ein ganz anderes Bild. Das, was die UNO schafft, ist, immer noch ein Gesprächsangebot zu bieten.

Sie hat ja auch mit ihren zig Unterorganisationen von Klimaschutz über Menschenrechte bis hin zu Wirtschaftsfragen, die sie beantwortet auf ihre Weise, ganz unterschiedliche Funktionen. Man kann nicht sagen, dass die UNO insgesamt scheitert. Das, was man sagen kann, ist, dass die UNO eigentlich extrem reformbedürftig ist und dass die Reformen sehr, sehr schleppend bis gar nicht vorangehen, das heißt, dass sie eigentlich mit Instrumenten aus der späten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts derzeit auf Konflikte des 21. Jahrhunderts antwortet, und das kann natürlich nicht so hundertprozentig hinhauen.

Welty: Sie haben die Reformen angesprochen, die der aktuelle Generalsekretär António Guterres schon begonnen hat, auch eben, dass es sehr schwierig sich gestaltet. Der amerikanische Präsident möchte die Vereinten Nationen am liebsten abschaffen, wofür sind Sie?

Bossong: Ich glaube, dass tatsächlich Reformen das sind, was am sinnvollsten ist, und auch nicht zu früh zu verzagen, weil es wird wieder deprimierend sein. Es wird sich nicht so umsetzen lassen, wie es nötig wäre, wie es möglich sein könnte in einer noch viel besseren Welt als die, die wir haben, das heißt, man wird damit konfrontiert sein, dass es nicht ausreichend ist.

Dennoch glaube ich, dass man daran festhalten muss, denn genau solche Leute wie Donald Trump oder Bolsonaro sind ja Leute, die sehr gerne so eine supranationale Ebene abgeschafft sähen. Der Völkerbund ist gescheitert aus unterschiedlichen Gründen, bei der UNO haben wir es zumindest mal einen Schritt weiter geschafft, und ich glaube, daran müssen wir festhalten. Die derzeitigen Menschen an der Macht sind nicht in der Lage, eine bessere Institution zu schaffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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