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Buchkritik | Beitrag vom 24.04.2021

Noa Yedlin: "Leute wie wir"Sie wollten doch nur nette Nachbarn sein

Von Carsten Hueck

Das Cover von Noa Yedlins Roman "Leute wie wir" auf pastellfarbenem Untergrund (Deutschlandradio / Kein & Aber Verlag)
Noa Yedlins Roman "Leute wie wir" geht unter die Haut. (Deutschlandradio / Kein & Aber Verlag)

Eine Mittelstandsfamilie zieht in ein Viertel Tel Avivs, das noch nicht gentrifiziert ist. Plötzlich ist der Briefkasten zerschlagen, dann krabbeln Kakerlaken herum. Noa Yedlins scharfer, bissiger Roman "Leute wie wir" kriecht unter die Haut.

Dies ist ein gemeines Buch. Es kneift und zwickt und tut weh. Und hört nicht auf, wehzutun. Dabei springt es einem nicht ins Gesicht oder stößt vor den Kopf. Nein, es ist behutsam und feinfühlig und kriecht ganz langsam unter die Haut. Und plötzlich juckt es überall und das hört nicht auf und man weiß nicht wieso.

Die Handlung von "Leute wie wir" erstreckt sich über ein knappes Jahr, die einzelnen Kapitel sind nach Monaten unterteilt. Schauplatz ist ein Stadtviertel im Süden Tel Avivs. Hier ist nicht viel zu sehen von der Hightech-Mittelmeermetropole. Rostige Klimaanlagen, Kleingewerbe und Autowerkstätten, Menschen aus Afrika und Asien, Rumänien und der Ukraine prägen das Straßenbild.

Eher links als rechts, politisch korrekt

Hier haben sich Osnat und Dror mit ihren beiden Töchtern ein Haus gekauft. Tel Aviv wächst, es gibt kaum Wohnraum zu erschwinglichen Preisen. Und so werden nach und nach die schäbigen Viertel entdeckt, chic gemacht und irgendwann für die wohlhabende Mittelschicht interessant. Osnat, Anfang vierzig, arbeitet für einen Lebensmittelkonzern, Dror ist Programmierer, der seinen festen Job aufgegeben hat und nun eine Software entwickelt, die jungen Internetusern den Zugang zu Livestreams mit sexuellen Inhalten verwehrt. Diese "ganz normale" Familie kommt also in eine Gegend, wo es kaum Leute wie sie gibt. Sie sind gewissermaßen urbane Pioniere, ein bisschen Spekulanten, ein bisschen bürgerliche Individualisten. Wird schon, denken sie, weltoffen, ernährungsbewusst, eher links als rechts, politisch korrekt, mit Verständnis für die Rechte von Minderheiten.

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Sie möchten nette Nachbarn sein, in ihrer bürgerlichen Blase aber nicht behelligt werden. Schnell wird deutlich, dass das nicht gut geht. Ihre Tochter freundet sich ausgerechnet mit einem Mädchen an, dessen Eltern illegal Kampfhunde züchten. Der direkte Nachbar parkt sie zu, als sie einmal auf dem Platz stehen, den er seit dreißig Jahren für sich beansprucht. Als sie nicht nachgeben wollen, ist plötzlich der nagelneue Briefkasten zerschlagen, eine Abdeckung im Garten geöffnet, aus der Kakerlaken strömen – und irgendwann ein Scheißhaufen auf den glänzenden Kacheln ihres Badezimmers platziert. Das neue Haus wird immer mehr zum Bunker, der gegen vermutete oder reale Feinde von außen verteidigt werden muss.

Umkippen harmloser Alltagssituationen

Aber auch innen brodelt es. Osnat denkt ständig an Sex, ihre Ehe ist nach dreizehn Jahren gewöhnlich geworden, sie ist unzufrieden und projiziert das eigene Verlangen nach einer Affäre auf ihren Mann. Der erwacht zu neuer Virilität, als er einen Kampfhund geschenkt bekommt.

Noa Yedlin gelingt es famos, die Abgründe einer gewöhnlichen Familie aufzuzeigen. Immer wieder brechen Animositäten hervor, enthüllen sich Ressentiments, Gewalt-und Sexualfantasien. Neid und Frustration, Lügen und Ängste entfalten hinter der bürgerlichen Fassade ihre unheilvolle Wirkung. Ein Gefühl der Unsicherheit wächst.

Der Roman ist ein psychologischer Thriller, die Sprache scharf und bissig, sie lässt einen nicht los. Das plötzliche Umkippen scheinbar harmloser Alltagssituationen, bewirkt manchmal nur durch einen Satz, verstärkt eine Spannung, die bis zum Ende nicht aufhört. Und wenn man will, kann man in dem Haus der Familie auch das Haus Israel sehen, das äußeren Bedrohungen ausgesetzt ist und an den inneren Spannungen zu scheitern droht.

Noa Yedlin: "Leute wie wir"
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Kein & Aber Verlag, Zürich/Berlin 2021
365 Seiten, 23 Euro

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