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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.10.2008

"No Limit"

Jugendliche tanzen gegen Vorurteile an

Von Claudia Fried

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Die Tanzschule "No Limit" ist längst ein Begriff und wurde auch über die Grenzen Berlins hinaus durch die Mitwirkung in dem Kinofilm "Rhythm is it!" bekannt. Unter der Leitung von Simon Rattle wurden Kinder ohne Tanzerfahrung und aus sozial niederen Schichten in kurzer Zeit zu Tanzstars auf der großen Bühne der Philharmonie. Nun macht die Tanzschule erneut auf sich aufmerksam. In einem internationalen Austauschprojekt begegnen sich Jugendliche aus Deutschland und Israel.

Flughafen Berlin Tegel, Ankunftshalle E. Knapp 20 Berliner Mädchen erwarten ungeduldig ihre Austauschschüler aus Israel. Sie treten von einem Bein aufs andere, während die Projektbetreuerin Jutta Schneider noch Fahrkarten verteilt.

Schneider: "Die werden jetzt erst mal ganz schön erstaunt sein, weil's ganz schön kalt ist hier, ich hab heute im Internet gekuckt, in Israel hat's 25 Grad, hier hat's 5 Grad, das wird wahrscheinlich die schwerste Umstellung sein."

Endlich öffnet sich die automatische Tür, die Jugendlichen kommen heraus. Amal, Rauan, Lodien, Fecal. Förmliche Begrüßung, hie rund da eine schüchterne Umarmung, Wangenkuss.

Schneider: "The official Hello in Berlin, I just wanted to say a few organisational things. We are now at Tegel, and everybody goes to the families, and have diner. Tomorow morning we gonna have a city tour, we meet at Brandenburger Tor on time ...
Has everybody enough money to by a ticket now?
So, actually that's it, have a nice evening."

"Dancing across Borders" ist ein deutsch-israelisches Tanztheaterprojekt mit 22 Jugendlichen aus Deutschland und 23 Jugendlichen aus Israel. Tänzerinnen der Tanzwerkstatt No Limit begegnen im Rahmen eines arabisch-israelischen Austauschprogramms Schülerinnen und Schülern der Assalaam Cemprehensive School im israelischen Sheik Danoon.

Die Berliner Tanzschule will mit ihrem Projekt Menschen verschiedener sozialer, kultureller und religiöser Herkunft zusammenbringen, und einen Dialog zwischen ihnen anstimmen.

Schneider: "Das ist ein ziemlich weiter Begriff und das Projekt wird zeigen, wie weit man Mauern einreißen kann. Seien's die persönlichen Grenzen, die man hat auf jemanden zuzugehen und ihm in die Augen zu kucken, wenn man mit jemandem spricht, was für viele schon ein Schritt ist, den sie gehen müssen, um ihre Schüchternheit zu überwinden. Das kann auch eine Mauer sein, die eingerissen werden kann. Das kann ganz weit gehen, indem man in Zukunft noch weitere Projektpartner hat, die dann eben Juden sind, die Palästinenser sind, wenn man ne Möglichkeit schafft alle Parteien zusammenzuholen und gemeinsam ein Projekt zu machen."

Erste kleine Erfolge gibt es schon, berichtet Jutta Schneider. Die Sozialpädagogin ist eine von drei Festangestellten in der Tanzwerkstatt No Limit. Sie arbeitet im offenen Bereich der Einrichtung, und begleitet das Projekt von Anfang an. Sie war auch im Mai in Israel dabei. Als die Berliner Tänzerinnen durch das "Heilige Land" reisten. Um sich mit den Umständen vor Ort vertraut zu machen, und anschließend ihre Austauschschüler kennen zu lernen.

Helene: "Draußen aus dem Fenster ein wunderschönes Land zum Angucken, tolle Landschaft und so weiter, doch im Zug halt waren Jugendliche in meinem Alter männlich wie weiblich, komplett bewaffnet in Uniform. Und ich saß allein denen gegenüber und die sahen zwar nett aus aber haben mir im ersten Moment absolute Angst gemacht. Kennt man nicht so von hier."

Olivia: "Ich hatte sehr viel Angst."

Mareike: "Und dann sind wir kurz vor unserem Ziel an Bethlehem vorbeigefahren und das erste was man von Bethlehem gesehen hat, war diese unendlich große Mauer, die ja noch nicht vollständig ist. Aber eben acht bis neun Meter hoch ragt. Damit haben wir uns dann später auseinandergesetzt."

Helene: "Ich bin angekommen, gab netten Empfang mit Kuchen, dann wurden wir in unsere Gastfamilien geführt und von dem Zeitpunkt an war nix mehr fremd. Weil man mit so einer Wärme und Liebe, die einfach, sag mal für unsere Verhältnisse unvorstellbar ist, empfangen wurde."

Nach drei Tagen erreichten die Berliner Tänzerinnen den Zielort ihrer Reise: Das Dorf Sheik Danoon, im Norden Israels an der jordanischen Grenze gelegen.

Die Mädchen übernachteten in den privaten Häusern der Gastfamilien, aßen gemeinsam, sahen abends arabische Telenovelas. Tagsüber machten sie Ausflüge und tanzten. Cirsten Behm, die Gründerin und künstlerische Leiterin der Tanzwerkstatt No Limit, führte die arabischen Jugendlichen behutsam an den Ausdruckstanz heran. Denn die Gastgeber hatten im Gegensatz zu ihren Gästen keine Tanzerfahrung.

Behm: "Wir haben erst mal den Tanz genommen, der nicht der große Schrei ist, sondern eben der leise Schrei, das haben sie sehr gut nach anfänglich schüchternen Versuchen angenommen."

Die Ergebnisse der ersten Projektwoche, die die Berlinerinnen in Israel verbracht haben, sind unübersehbar. Es gibt keine Berührungsängste mehr, Freundschaften sind entstanden. Misko, ein Junge aus einer fanatisch religiösen Familie, wie Helene es sagt, konnte seine Vorurteile überwinden. Er durfte zwar dieses Mal nicht mit nach Berlin, aber vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr.

In dieser zweiten Projektwoche, die derzeit in Berlin stattfindet, will Cirsten Behm den Tanz stärker in den Mittelpunkt rücken. Und anhand der Möglichkeiten, die der Ausdruckstanz bietet, an den inhaltlichen Zielen weiterarbeiten.

Behm: "Hier wollen wir noch einen Schritt weitergehen, und dann wollen wir gern noch ein bisschen arbeiten an Darstellung Mauer durch Stoff darstellen und dann zeigen, was bedeutet das eigentlich so ein blödes Ding da."

Die Mauer ist ein sensibles Thema für die arabischen Gastschüler. In ihrem Land wird gerade eine gebaut, in Deutschland ist die Mauer Geschichte. "Dancing across Borders", der Titel des Schüler-Austauschs. Tanzend kann man sich über solche realen Grenzen nicht hinwegsetzen. Aber tanzend kann man persönliche Grenzen abbauen, auch soziale, religiöse und kulturelle Grenzen überschreiten. "No Limit" heißt die Tanzwerkstatt, die Cirsten Behm vor 21 Jahren gegründet hat. Ein Zufall, dass sie 1961 in Dresden zur Welt kam? Da wurde die deutsche Mauer gerade errichtet. Doch es wäre zu kurz gefasst, würde man Behms Engagement für den Ausdruckstanz an ihre Jugend in der DDR binden. Ihr Streben ist mehr als das.

Behm: "Unsere Aufgabe ist halt einmal, die Emotionen ganz stark zu zeigen füreinander auch untereinander, und da auf die Worte zu verzichten. (…) Und manchmal braucht man dafür keine Worte und manchmal sind Worte auch nicht genug für ein wahr empfundenes Gefühl."

In der Tanzwerkstatt "No Limit" werden ständig Grenzen überwunden. Jedes einzelne der fast 500 Kinder und Jugendlichen, die hier tanzen lernen, soll über seine individuelle Grenze treten. Seine Kreativität freisetzen im Ausdruck, im Tanz.

Der Holocaust ist ein zentrales Thema von Cirsten Behms Arbeiten. Vor wenigen Wochen hat sie ihr "Holocaust-Requiem" zum zehnjährigen Jubiläum der Tanzwerkstatt auf der Bühne des Berliner FEZ gezeigt. Die Beschäftigung mit dem Holocaust führte Behm letztlich nach Israel, um auch dort ihren Traum wahr werden zu lassen: No Limit – Dancing across Borders.

Behm: "Dazu muss ich sagen, dass das Holocaust Requiem schon unserer Geschichte gezollt ist, natürlich und stellvertretend steht für alle, die im Unrecht sterben mussten. Und dazu zählt auch das arabische Volk. Deshalb bin ich schon dabei sie ins Boot zu holen. Ob man jemals ein Holocaust Requiem mit ihnen machen kann, oder ob man ein allgemeines Requiem dann irgendwann machen muss, also andere Musiken auch verwenden, das könnte durchaus möglich sein. Aber das ist erst mal nicht das Nahziel. Das Nahziel ist, es wäre schön wenn wir mit arabischen und jüdischen Schülern gleichberechtigt relativ unbeschwert arbeiten könnten."

Im Tanzhaus sind die "Spatzen", zusammengekommen. So heißt die Tanzgruppe, die im nächsten Jahr die Rolle der großen Kinder spielen soll. In einer Neufassung des Holocaust Requiems.

Die Spatzen, zwischen 12 und 14 Jahre alt, sitzen auf dem Boden des großen Tanzsaals der Tanzwerkstatt. Eine Seite des rechteckigen Raums ist verspiegelt, weiße Gardinen hängen vor hohen Fenstern. Der Parkettboden ist zur Hälfte mit schwarzer Folie abgeklebt. In einer Ecke des Saals die Musikanlage, ein Stuhl.
Cirsten Behm kommt beschwingt herein, zieht sich den Stuhl heran und setzt sich zu den Mädchen. Stimmt sie auf die erste Szene des Requiems ein - im Konzentrationslager.

Behm: "Wir kommen also in dem Lager an, und spielen fröhlich, wie Kinder das eben machen, egal wie hässlich der Platz ist, egal wie komisch das ist, wenn man plötzlich von zu Hause weg muss, das wussten sie alle gar nicht, was sie da erwartet."

Die Tanzpädagogin sitzt kerzengerade auf ihrem Stuhl. Wie die Tänzerinnen hat auch sie ihre schwarzen Haare mit Klammern aus dem Gesicht gesteckt. Konzentriert, zugleich in sich ruhend, beobachtet sie die Mädchen. Später auf der Bühne werden die Mütter der Kinder dabei sein, und die Soldaten. Jetzt müssen sich die Tänzerinnen das vorstellen.

Die Mädchen rudern wild mit den Armen. Aus dem Durcheinander von Körpern bilden sich Reihen. Die Soldaten sortieren die Kinder nach Alter.

Gleich kommt der dramatische Wendepunkt. Die Mädchen weichen vor den Soldaten zurück. Mit gekrümmten Körpern, rückwärts.

... in der Musik klatschen die Ohrfeigen. Die Mädchen schleudern ihre Köpfe links, rechts.

Behm: "Okay,. kommt her, gut."

Die Tänzerinnen setzen sich um Cirsten Behm herum in einen Kreis. Ihre Wangen sind gerötet vom Tanzen.

"Woher nehmt ihr die Kraft für solche Themen?"
"Dass man halt was dagegen machen will, dass so was nicht noch mal passiert und zeigen will wie schlimm das war."
"Und wenn ihr so viel Leidenschaft reinbringen müsst, leidet ihr dann selber?"
"Ich versuch dann immer mich in die Lage der Leute, die da waren reinzuversetzen. Und es dann so zu tanzen, als wäre ich selber da gewesen. Damit die Leute, die das sehen wissen ..."

So erarbeitet Cirsten Behm den schweren Stoff des Holocaust Requiems. Stück für Stück erzählt sie den Mädchen die Szenen, die sie erdacht hat, fragt sie nach ihren eigenen Vorstellungen und Empfindungen. Urteilt nicht. Die Tanzpädagogin lotet in ihrem Holocaust Requiem schon wieder eine Grenze aus. No Limit, der Name ihrer Schule. Wie können Kinder ihren Tod spielen im Konzentrationslager? Geht das nicht zu weit? Nein, sagt die Frau bestimmt, die Kinder gehen niemals unter in den Stücken.

Behm: "Sie gehen immer daraus hervor, und sagen, ja so kann das sein. Aha. Und nehmen sich selbst draus die Stärke, die sie getanzt haben, mit."

Jetzt sind die "Flöhe" dran. Die Teenager tanzen "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Während in der Werkstatt an den Kulissen fürs Weihnachtsmusical geschraubt wird. Teenager nähen Kostüme. Die Eltern der Kinder dazwischen, überall in den Umkleiden, im Büro mit Fragen, Wann ist die Generalprobe?, wo? Soll mein Kind schon mit Zöpfen kommen? Der Trubel geht jeden Tag bis 22.00 Uhr.

Jetzt in den Herbstferien ist es ruhiger im Tanzhaus von No Limit in Berlin-Weißensee. Der Tanzsaal ist frei für die Proben des Tanzprojekts "Dancing across Borders". Die insgesamt 40 Beteiligten stehen im Kreis. Die Tanzgruppe "Ameisen" fast erwachsene Mädchen zwischen 17 und 18 Jahren links und rechts von Cirsten Behm. Die arabischen Jugendlichen, im Schnitt ein bis zwei Jahre jünger bilden die andere Seite des Kreises.

Die erste Tanzstunde beginnt damit, dass alle ihren Namen sagen und dazu eine ausdrucksvolle Geste mit den Händen machen sollen. Selbstbewusst und laut die Berlinerinnen, sie tanzen und performen von Kindesbeinen an. Ihre Gastschüler müssen sich überwinden. Außer der gemeinsamen Projektwoche im Mai in Israel haben sie keine Erfahrung im Ausdruckstanz. Manchen versagt die Stimme. Sie sind auch erschöpft von den vielen Erlebnissen und Eindrücken, die sie in den zwei Tagen seit ihrer Ankunft, gesammelt haben.

Cirsten Behm zeigt die nächste Übung: sich fallen lassen. Erst im letzten Moment kommt ein großer Schritt nach vorn, der den Sturz verhindert.

Die schüchternen Versuche werden mutiger, kraftvoller. Die Jugendlichen lösen sich von ihresgleichen, mischen sich untereinander. Jutta Schneider, die Sozialpädagogin, die das Projekt begleitet, fängt alles mit einer Digitalkamera ein. Für eine Dokumentation, die auch die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sehen wird. Sie gibt inzwischen Geld für das Austausch-Projekt. Schneider hat bereits bei den Ausflügen in den letzten Tagen beobachtet, dass sich die Gäste in Berlin viel freier bewegen als in ihrer Heimat.

Schneider: "Und zwar hab ich das Gefühl, dass die hier in Deutschland locker lassen können, sagen können, okay wir sind jetzt hier, das ist ein anders Land eine andere Kultur, wir lassen uns drauf ein und lassen einfach mal los."

Nach den Lockerungsübungen lässt Behm die Jugendlichen improvisieren. Die Berlinerinnen legen sich mit kraftvollen Bewegungen ins Zeug, die arabischen Gäste sind verunsichert. Ein Mädchen steigt aus, setzt sich auf die Krankenbank. Ein Junge flüchtet zur Toilette. Einige lachen über die Bewegungen ihrer Mitschüler, aus Unsicherheit, aus Spott? Abrupt stoppt Behm die Musik.

Das sind die Spielregeln des Tanzhauses No Limit. Keine Grenze für den körperlichen Ausdruck. Keine Grenze im Kopf. Keine falsche Bewegung, hier ist alles möglich. Das müssen die Tanz-Neulinge aus Israel lernen. Keiner kichert jetzt mehr. Es dämmert ihnen wohl, dass die eigene Freiheit mit der des Anderen zu tun hat. Matez, ein sportlicher selbstbewusster Junge nimmt diese Erfahrung als wertvollsten Schatz aus Deutschland mit nach Hause.

Matez: "In Israel, sagt er, kannst du nicht immer du selbst selbst. Du bist nicht immer frei. Du musst abwägen, was die anderen über dich reden. Aber hier, kannst du ganz du selbst sein, und machen, was dir gefällt."

Das langfristige Ziel des Austauschprojekts ist es, auch jüdische Projektpartner mit ins Boot zu holen. Die Mauern, die Menschen mit ihren Religionen, Kulturen und sozialen Schichten errichtet haben, wieder einzureißen. Das Mittel ist weniger die Sprache, sondern Begegnungen von Mensch zu Mensch, Unternehmungen, der gemeinsame Tanz. Die ersten großen Schritte dorthin haben sowohl die israelisch-arabischen als auch die deutschen Teilnehmer gemacht. Am kommenden Samstag zeigen sie das tänzerische Ergebnis dieses Austauschprojekts auf der Bühne vom Theaterhaus Mitte in Berlin. "Dancing Across Borders".

Länderreport

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